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Aus: Ausgabe vom 21.09.2019, Seite 10 / Feuilleton
Literatur

Esterhazys Schweinegekröse. Der größte jemals ausgebliebene Literaturskandal

Von Pierre Deason-Tomory
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»Überhaupt darf das jetzt jeder.« Peter Esterhazy im Jahr 2004 nach der Entgegennahme des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels

Der Buchhalter und weithin unbekannte Weimarer Puschkin-Experte Leon B. war erschüttert. Vor seinen Augen entfaltete sich der größte internationale Literaturskandal, der jemals ausgeblieben ist. Leon B. hatte Peter Esterhazys Opus Magnum »Harmonia Caelestis« (2000) erworben, sich zunehmend zerknirscht durch unzugängliche Texte auf 900 Seiten gekämpft und war dabei auf mehrere Plagiate gestoßen. Zum Beispiel in Kapitel 370 auf Seite 441: »Mein Vater wurde Rotfuchs genannt, er hatte keine Augen und keine Ohren, auch Haare hatte er keine, Rotfuchs wurde er also nur so genannt. Sprechen konnte er nicht, denn er hatte keinen Mund. (…) Unbegreiflich daher, von wem die Rede ist. Wir sollten lieber nicht mehr von ihm sprechen.«

Leon B., der im Selbstverlag bereits sieben einander widersprechende Puschkin-Biographien veröffentlicht hat, erkannte zum Teil Wortgleiches aus der überschätzten Daniil-Charms-Werkausgabe von Galiani (Berlin 2010, S. 139): »Da war ein rothaariger Mann, der keine Augen und Ohren hatte. Er hatte auch keine Haare, so dass er nur unter Vorbehalt rothaarig genannt werden konnte. Sprechen konnte er nicht, denn er hatte keinen Mund. (…) So dass man nicht weiß, um wen es sich handelt. Am besten also, wir sprechen nicht weiter über ihn.«

Auch an Wenedikt Jerofejews Poem »Die Reise nach Petuschki« (1973, dt.: 1978) hatte sich Esterhazy vergriffen, und zwar bei den dort angeführten Cocktails. Hier die Rezeptur von »Schweinegekröse« nach Jerofejew: 100 Gramm Schiguli-Bier, 30 Gramm Haarshampoo »Nacht auf dem kahlen Berge«, 70 Gramm Antischuppenmittel, 30 Gramm 13-F-Kleber, 20 Gramm Bremsflüssigkeit.

Beim 2016 verstorbenen Esterhazy heißt der Drink »Windige Hündin«, Zusammensetzung: 0,1 Liter Schiguli-Bier, 0,03 Liter vom Shampoo mit dem Namen »Sadko, der reiche Gast« gegen Schuppen, 0,07 Liter Haarwasser, 0,025 Liter Bremsflüssigkeit, 0,008 Liter BF-Kleber, 20 Gramm Insektenvertilgungsmittel.

Leon B. dachte nach. Esterhazy hatte Harmonia Caelestis 2000 vollendet, Jerofejews Text ist von 1969 und der von Charms von 1937. Die Sache war eindeutig. Er mixte sich einen »Schweinegekröse«, nahm einen Schluck und fasste den Sachverhalt in einem zwölfeinhalbseitigen Manuskript kurz zusammen, das er per E-Mail an die führenden deutschen Pressehäuser schickte. Niemand rief an.

Als er fünf Minuten gewartet hatte, telefonierte er hinterher. Zuerst bei der FAZ. »Ja?« – »Guten Tag, meine Name ist Brosinowski, ich bin Klassiker aus Weimar. Ich habe Ihnen eine …« – »Haben Sie schon geschickt?« – »Ja! Es …« – »Vielen Dank, wir melden uns bei Ihnen. Auf Wiederhören.« (Klick)

Dann bei der Taz. »Jaaa …« – »Guten Tag, Leon Brosinowski. Ich bin Buchhalter aus Hamburg – aber das ist nur mein Tagesjob, eigentlich bin ich Literaturagent.« – »Ach jaaa?« – »Ich habe Ihnen ein kurzes Manuskript gemailt über einen literarischen Skandal von Rang! Es …« – »Schööön, schön, daaanke …, aber neiiin! Wir sind doch schon voll. Auf Wiederhööö …« (Klick)

Und bei der Süddeutschen: »Ja!« – »Ich grüße Sie. Hier spricht Leonid Dawidowitsch Grobiaschwili. Sotschi. Deutsch-Russische Gesellschaft für Literarische Koexistenz. Ich könnte Ihnen unter Umständen überaus heikle Hinweise zukommen lassen über eine Weltsensation ersten Ranges betreffend einen berühmten Literaturpreisträger. Es geht um Plagiate zu Ungunsten verstorbener russischer Autoren.« – »Plagiate?« – »Ja.« – »Esterhazy?« – »Ja!« – »Der darf das. Überhaupt darf das jetzt jeder. Heutzutage darf man sogar Kafka abschreiben. Hat mich gefreut! Auf Wiederhören.« (Klick)

Leon B. wurde schwindlig. Er grübelte lange. Dann beschloss er, sein Opus Magnum zu schreiben. Er begann mit den Worten: »Jemand musste Josef K. verleumdet haben …«

Wir sollten lieber nicht mehr von ihm sprechen.

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