Der Schwarze Kanal
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Aus: Ausgabe vom 22.06.2019, Seite 12 / Thema
Bayer-Gefahren

Operation Glyphosat

Die jetzige Bayer-Tochter Monsanto hat Politik und Öffentlichkeit über Jahre hinweg mit Geheimdienstmethoden ausspähen lassen, um ihren Produkten zu einem besseren Image zu verhelfen
Von Jan Pehrke
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Rundum sorglos. Monsanto trieb politische Landschaftspflege und ließ von eigens gedungenen Agenturen Dossiers von Politikern und NGO-Vertretern erstellen, um für sein mutmaßlich krebserregendes Unkrautvernichtungsmittel Glyphosat eine Zulassungsverlängerung zu erwirken

Sie nennen sich harmlos Kommunikations- oder PR-Agenturen, arbeiten aber de facto oft als private Nachrichtendienste für Konzerne: Burson Cohn & Wolfe, Publics, Fleishman-Hillard, FTI & Co. Aufschluss über deren Tätigkeit geben Dokumente, die Unbekannte der französischen Zeitung Le Monde und dem TV-Sender France 2 Anfang Mai zugespielt hatten.

So erstellte Fleishman-Hillard für die jetzige Bayer-Tochter Monsanto ein ausführliches Lagebild über das politische Frankreich. Ein umfangreiches Dossier mit den Namen von 200 Journalisten, Politikern, Verbands- und NGO-Vertretern sowie Wissenschaftlern mitsamt Kontaktdaten und Hobbys legte die Agentur für ihren Auftraggeber an. Minutiös verzeichnete sie die Haltung der Betreffenden zu Themen wie Landwirtschaft, Ernährung, Umwelt, Gentechnik, Gesundheit und Pestizide. Die Glaubwürdigkeit der Personen, deren Einfluss und Haltung zu Monsanto bewertete Fleishman dabei mit Noten von 0 bis 5. Diese detaillierten Profile dienten dann als Ansatzpunkte, um passgenau »Vertrauen zu Monsanto aufzubauen«.

Geheimdienstmethoden

Schwerpunktmäßig widmeten sich Fleishman-Hillard und Publics, die zweite an der Operation beteiligte Firma, dem Unkrautvernichtungsmittel Glyphosat. In den Jahren 2015 und 2016 konzentrierten sich die Aktivitäten hauptsächlich darauf, bei der Europäischen Union eine Zulassungsverlängerung für das umstrittene Herbizid zu erwirken.

Dabei gingen die beiden Unternehmen arbeitsteilig vor. Während Fleishman-Hillard die Aufgabe zufiel, die öffentliche Sphäre zu überwachen und sorgsam sämtliche das Pestizid betreffenden politischen und juristischen Schritte zu registrieren, oblag es Publics, »Auskünfte und Informationen zu sammeln, die NICHT (Hervorhebung im Original, jW) öffentlich zugänglich sind«, wie es in einem internen Memo hieß.

Als Ausgangsbasis hat Publics erst einmal eine »Kartographie« der Glyphosat-Debatte in Frankreich erstellt. Anhand eines Koordinatensystems verorteten die Öffentlichkeitsbearbeiter die Positionen der »Top 20 Stakeholder« zu dieser Frage. Dazu trugen sie auf der x-Achse den Grad der Unterstützung bzw. Ablehnung ein, den die betreffenden Personen Monsanto entgegenbringen, und auf der y-Achse deren Einfluss. Die Farbe Orange haben die PR-Strategen dabei für Regierungsvertreter gewählt, Hellblau für Abgeordnete, Lila für Verwaltungsleute und Grün für Vertreter von Bauernverbänden und anderen Organisationen. Als verlässliche Bündnispartner verzeichnete das Diagramm beispielsweise Marie Guittard, damals Beraterin des Landwirtschaftsministers, und den in der fraglichen Periode dem Landwirtschaftsverband FNSEA vorstehenden Xavier Beulin. Als eindeutigen Opponenten identifizierte das »Mapping« hingegen Laurent Bouvier, der zu jener Zeit Berater von Umweltministerin Ségolène Royale war.

Fleishman-Hillards Projekt zu dem von der Weltgesundheitsorganisation als »wahrscheinlich krebserregend« eingestuften Pestizid war mit »FR Glyphosat-Ziele Aktionsplan« überschrieben, wobei »FR« für Frankreich stand. 74 Personen listete dieses Papier auf. Und zu den Eintragungen gab es jeweils Statusmeldungen. So firmierte etwa der Agraringenieur Gérard Kafadaroff – ein ehemaliger Monsanto-Angestellter, der eine Organisation zur Förderung von Biotechnologie gründete – als »Verbündeter«. Aber uneingeschränkt konnte Fleishman doch nicht auf ihn zählen, obwohl Kafadaroff Botschaften des Unternehmens verbreitete. »Er könnte als Relais dienen, möchte aber nicht direkt mit Monsanto in Verbindung gebracht werden, da er den Verlust seiner Glaubwürdigkeit fürchtet«, lautete der Vermerk in seiner Akte. Ebenfalls zu den »Verbündeten« zählten die »Public Relations«-Experten Jean Bizet, Senator aus dem Département Manche. Seine Rekrutierung wurde als »prioritär« eingestuft. Dementsprechend verschnupft reagierte der Politiker gegenüber der Presse auf die Enthüllungen. Er zweifelte einfach die Echtheit der Dokumente an und verweigerte weitere Auskünfte. Auch auf den Präsidenten des Regionalrats von Hauts-de-France, Xavier Bertrand, wollte Fleishman-Hillard bauen. Er habe zwar nicht allzu viele Einwirkungsmöglichkeiten auf den Prozess der Zulassungsverlängerung in Brüssel, so die Einschätzung der PR-Profis, dafür sei aber sein Einfluss auf konservative Abgeordnete »sehr groß«. Deshalb visierten sie einen Hausbesuch von Monsanto-Emissären bei ihm an und planten schon über den Termin hinaus. Sie fassten ins Auge, Bertrand danach mit detaillierten Informationen zu den ökonomischen, sicherheitstechnischen und klimarelevanten Aspekten von Glyphosat zu versorgen.

Die Umweltjournalistin Sandy Dauphin von der Radiostation France Inter wurde von dem Unternehmen als »mobil/beeinflussbar« geführt, während es bei der damaligen Umweltministerin Ségolène Royal auf Granit biss: »null beeinflussbar«. Für solche Fälle hatte Fleishman aber auch ein Mittel parat. »Isolieren« stand als Arbeitsanweisung in den Dokumenten. »So funktioniert das Lobbying: Wissen, welche Person zu kontaktieren ist und sie dann manipulieren, um eine Entscheidung zu verändern«, empörte sich Royal nach Bekanntwerden der Monsanto-Listen: »Pervers ist dieses Lobbying im verborgenen, das sich illegaler, der Spionage ähnelnder Methoden bedient.«

300 deutsche Namen

Die geleakten Papiere betreffen nur Frankreich. Aber Fleishman-Hillard operierte auch in Deutschland, Italien, den Niederlanden, Polen, Spanien und Großbritannien, wie Bayer inzwischen einräumt. Hierzulande trugen die Einflussagenten dem Konzern zufolge eine Liste mit 300 Namen zusammen. Einen detaillierteren Einblick in die Arbeit vor Ort gewährte Le Monde. Das Blatt zitierte aus den berühmt-berüchtigten »Monsanto Papers«, die 2017 infolge der Schadensersatzprozesse in Sachen »Glyphosat« publik geworden waren. Darin erwähnt der oberste Öffentlichkeitsarbeiter von Monsanto, Sam Murphey, Arbeitsgruppen, die mit Fleishman-Hillard eine Strategie für Deutschland entwickelten, »um es der Regierung zu erlauben, zu einer Position zurückzukehren, die der Glyphosat-Zulassungsverlängerung positiv gegenübersteht«. Und in der Tat ist der damals zuständige Landwirtschaftsminister Christian Schmidt (CSU) bei der EU-Abstimmung am 27. November 2017 zu einer solchen Position zurückgekehrt, obwohl die damalige Koalitionsvereinbarung eine Enthaltung vorsah. »Die jetzigen Enthüllungen werfen ein neues Licht auf das Votum von Christian Schmidt. Nun müssen Bayer und das Landwirtschaftsministerium Rede und Antwort stehen, ob Schmidt unter Einfluss stand«, forderte die Coordination gegen Bayer-Gefahren (CBG) deshalb in ihrer Presseerklärung vom 17. Mai.

Fleishman-Hillard jedenfalls ließ sich nach der Entscheidung der Europäischen Union gebührlich feiern. Das Webportal der belgischen Wochenzeitung Politico pries die Brüsseler Zweigstelle der Agentur, die für ihr Antichambrieren über einen Jahresetat von fast sieben Millionen Euro verfügt, überschwänglich. »Es war Fleishmans multinationale Kampagne, die Monsanto und wohlmeinende Regierungen mit den Argumenten versorgte, welche diese brauchten, um diejenigen in die Schranken zu weisen, die für einen Bann eintraten«, konstatierte die Website.

Mehrere Millionen Euro ließ sich die jetzige Bayer-Tochter die Dienste der rund 60 Fleishman-Beschäftigten bei der Bearbeitung von Mitgliedern des Europäischen Parlaments und der EU-Kommission kosten. Allein für die Lobbyarbeit am EU-Hauptsitz überwies sie Fleishman nach Angaben des Portals Lobbyfacts 2014 und 2015 jeweils 200.000 bis 300.000 Euro. Im Jahr 2016 waren es 700.000 bis 800.000 Euro, 2017 500.000 bis 600.000 Euro und 2018 400.000 bis 500.000 Euro. In den Hochzeiten der Kampagne hatte kein Auftrag eines Einzelunternehmens bei der Agentur ein so großes Volumen wie der von Monsanto.

Dabei ist sich Fleishman-Hillard keiner Schuld bewusst: »Unsere Arbeit entspricht den fachlichen Standards und Gepflogenheiten unserer Branche.« Dies steht allerdings sehr in Frage. Das französische Gesetz untersagt es nämlich, politische Meinungen von Menschen ohne Zustimmung der Betreffenden in Datenbanken einzuspeisen. Deshalb kündigten Le Monde, Radio France und die Organisationen Foodwatch und Générations Futures bereits rechtliche Schritte an. Vor deutschen Gerichten hätten sie ebenfalls Chancen, denn wie Sebastian Huld vom Deutschen Journalistenverband in einem Gespräch mit der Taz vom 14. Mai erläuterte, verbietet das Bundesdatenschutzgesetz »das Verarbeiten personenbezogener, nicht allgemein zugänglicher Daten unter Strafe«. Und nach der Datenschutzgrundverordnung »sind personenbezogene Daten, aus denen weltanschauliche Überzeugungen hervorgehen, besonders geschützt«, so Huld weiter. Die nordrhein-westfälische Datenschutzbeauftragte Helga Block ist deshalb schon an Bayer herangetreten und hat um Einsicht in die Unterlagen gebeten. Von einem möglichen Verfahren sprechen Block und ihre Kollegen jedoch noch nicht, vorerst geht es nur um eine »Sachstandsermittlung«. Auch der »Deutsche Rat für Public Relations« kündigte an, sich des »Glyphosat-Gate« annehmen zu wollen.

Die Coordination gegen Bayer-Gefahren forderte den Leverkusener Multi in einem offenen Brief vom 3. Juni bereits auf, Auskunft darüber zu erteilen, ob und wenn ja, in welchen Zusammenhängen sich der Name der Coordination auf den Listen befindet. Die Grünen-Politiker Anton Hofreiter, Oliver Krischer, Harald Ebner und Renate Künast haben vom Konzern ebenfalls Auskunft über eine eventuelle Speicherung ihrer Daten verlangt. »Mit der Übernahme von Monsanto hat Bayer nicht nur landwirtschaftliche Gifte, sondern auch toxische Geschäftspraktiken übernommen«, konstatierte Künast. Die Aussage des Konzerns, keine Kenntnis von den Vorgängen gehabt zu haben, zweifelte die Bundestagsabgeordnete an: »Das Management von Bayer hat dabei wissentlich weggesehen.« Konkreteres weiß offenbar schon der stellvertretende SPD-Fraktionsvorsitzende Karl Lauterbach, der seinen Wahlkreis in Leverkusen hat. »Ich habe vor einigen Tagen Hinweise erhalten, dass Monsanto auch über mich Dossiers in Auftrag gegeben hat«, erklärte der Politiker am 17. Mai. Er forderte den Konzern daraufhin auf, »schnellstmöglich Klarheit zu schaffen«.

Nicht nur Fleishman

Im Zuge von »Glyphosat-Gate« kamen auch noch andere Operationen ans Tageslicht. So hat Monsanto die von britischen Geheimdienstlern gegründete »Beratungsfirma« Hakluyt engagiert, der unter anderem vorgeworfen wird, Spitzel in Umweltgruppen wie Greenpeace eingeschleust zu haben, um die politische Lage in Washington zu sondieren. Der Leverkusener Multi hat den Auftrag nach der Übernahme des US-Unternehmens dann einfach weiterlaufen lassen und hörte nur Gutes von Hakluyt. »Das aktuelle politische Umfeld steht hinter Ihnen«, hieß es etwa in einer E-Mail von Juli 2018 an den damals bei Bayer für die globale Konzernstrategie zuständigen Todd Rands. Der Hakluyt-Mann im Weißen Haus zitierte einen Politikberater, der zwar den aktuellen Besitzerwechsel noch nicht registriert hatte, dafür aber versichern konnte: »Monsanto braucht keine zusätzlichen Vorschriften zu befürchten.« Und wenn diese von anderer Seite, etwa aus Brüssel, drohen würden, stehe die Trump-Administration bereit, »in die direkte Konfrontation zu gehen«.

Die US-amerikanische Umweltbehörde EPA hat den Berichten zufolge ebenfalls keine Einwände gegen Glyphosat. Die Autoren warnen jedoch vor einer möglichen Nebenwirkung des amtlichen Beistands: Er könnte NGOs auf den Plan rufen und sie zu einer verstärkten Aktivität animieren. Zudem stützt die Behörde die Positionen der Industrie laut Hakluyt nicht einhellig. In den Berichten sind Konflikte innerhalb der Belegschaft festgehalten. »Die politische Leitung favorisiert Deregulierungen und setzt sich über die Risikoanalysen der Experten hinweg (…) Besonders, was Glyphosat angeht, bestehen starke Differenzen zwischen dem politischen und dem professionellen Personal«, gibt der »private Nachrichtendienst« (Lobbypedia) die Worte einer Anwaltskanzlei mit gutem Einblick in die Behördeninterna wieder.

Allerdings hat Monsanto auch bei EPA nicht das beste Image. So beklagt sich ein Angestellter über die Weigerung der Bayer-Tochter, auf wissenschaftlichem Gebiet »plausible Zusammenhänge anzuerkennen, wenn diese nicht ihrer Sichtweise entsprechen«. Nicht nur deshalb mahnt Hakluyt an, am Image zu arbeiten. Zu diesem Behufe zitiert die Agentur einen Berater großer Agrokonzerne: »Ich bin mir sicher, Bayer ist sich dessen bewusst und wird hier Korrekturen vornehmen. Es geht darum, das Image softer zu gestalten, nicht darum, die Argumente aufzugeben.« Und mit der Berufung des Ex-Grünen-Politikers Matthias Berninger nach Washington hat der Leverkusener Multi solchen Empfehlungen dann ja auch entsprochen.

Der Mailwechsel zwischen Bayer und Hakluyt diente im dritten Schadensersatzprozess um Glyphosat, der am 13. Mai mit einer Milliardenstrafe für Bayer endete, als Beweismittel der Klägeranwälte. Das Gericht vernahm dabei auch Todd Rands, der inzwischen nicht mehr in Diensten des Leverkusener Multis steht. Frank und frei erklärte der frühere Angestellte den Richtern, warum Monsanto und später Bayer die Hakluyt-Leute die politische Landschaft in Washington vermessen ließen, ohne den Gesprächspartnern ihre Auftraggeber zu nennen: »Wir wollten sichergehen, dass wir Dinge zu hören bekommen, die die Leute uns nicht direkt sagen würden.« Aber als »Nachrichtendienstarbeit für Konzerne« (»corporate intelligence work«) wollte er das, was Hakluyt und Co. tun, eher nicht bezeichnet wissen. »Ich würde es ›Recherche für Konzerne‹ (›corporate research‹, Anm. jW) nennen«, sagt Rands, gibt dann aber doch noch klein bei und akzeptiert den Begriff »Nachrichtendienst«.

Und nachrichtendienstlich wurde auch die Beratungsfirma FTI für Bayer tätig. Eine Beschäftigte gab sich in dem Schadensersatzprozess, den der Glyphosat-Geschädigte Edwin Hardeman in San Francisco gegen den Leverkusener Multi führte, als Berichterstatterin aus, um Gerichtsreporter auszuspionieren. Die als »Glyphosate Girl« bekannt gewordene Bloggerin Kelly Ryerson, zu der die Angestellte von FTI ein engeres Verhältnis aufbauen konnte, deckte den Skandal auf.

Zu den neueren Enthüllungen äußerte der Agroriese sich noch nicht, in der Kausa »Fleishman-Hillard« gibt er sich allerdings reumütig. »Nach einer ersten Analyse verstehen wir, dass ein solches Projekt Bedenken und Kritik ausgelöst hat«, bekundete der Konzern und kündigte die Prüfung interner und externer Konsequenzen an. Detaillierter, etwa zur Zukunft Sam Murpheys, der derzeit dem »Global Issues Management« vorsteht, äußerte sich das Unternehmen bisher jedoch nicht. Zumindest verbal missbilligte es das in Rede stehende Vorgehen. »Dies ist nicht die Art, wie Bayer den Dialog mit unterschiedlichen Interessengruppen und der Gesellschaft suchen würde«, teilte der Konzern mit. Sogar um Entschuldigung wurde gebeten. Dabei sind dem Global Player die angewandten Methoden alles andere als fremd. Der Leverkusener Multi unterhält nicht nur selbst langjährige Geschäftsbeziehungen zu Fleishman-Hillard, er geht auch mit Kritikern ähnlich um. Von Bespitzelung über Verleumdung und Täuschungsmanöver bis hin zu gerichtlichen Schritten reicht das Arsenal.

Bayers Aktivitäten

So ließ Bayer in den 1980er Jahren die Fake-Bürgerinitiative »Malocher gegen Schmarotzer« gründen, um den alljährlichen Protest auf der Hauptversammlung zu desavouieren. Zusammengestellt aus Werkschutzleuten und anderem Personal aus den eigenen Reihen, sollte die Truppe dort den »ehrlichen Arbeiter« gegen dahergelaufene »Berufsdemonstranten« und »rote Vögel« in Stellung bringen.

Im Jahr 2008 sah sich der Konzern nach einer verheerenden Explosion am US-amerikanischen Standort Institute zu Maßnahmen gegen die ortsansässige Bürgerinitiative »People Concerned about MIC« veranlasst, hatte diese doch die unzureichende Sicherheit der Anlagen im Vorfeld immer wieder kritisiert. »Wir sollten versuchen, die ›People Concerned about MIC‹ zu marginalisieren und als irrelevant erscheinen zu lassen. Dies sollte gerade in der aktuell schwierigen ökonomischen Situation möglich sein, in der Arbeitsplätze so viel zählen«, hieß es damals in einem firmeninternen Strategiepapier.

Auch vor klandestinen Unternehmungen schreckt der Multi nicht zurück. Als die »Coordination« einmal zu einer internen Veranstaltung geladen war, um über die Gefahren von Pestiziden zu berichten, bekam sie später aus Bayer-Kreisen ein minutiöses, dreiseitiges Werksschutzprotokoll über den Vortrag und die anschließende Diskussion zugespielt. Und bei anderen Terminen tauchte regelmäßig ein Mann auf, der sich als freier Journalist ausgab, den CBGlern aber dann auf der Hauptversammlung des Unternehmens wiederbegegnete – in der Montur des Werksschutzes. Der Global Player streitet ein solches Vorgehen im übrigen auch gar nicht ab. So räumte ein Unternehmensanwalt vor Gericht einmal ein: »Selbstverständlich überwacht meine Mandantin alle Veranstaltungen, auf denen Themen behandelt werden, die für Bayer relevant sind.« Und sichtlich stolz fuhr er fort: »Wir wissen über alles Bescheid, auch in den höchsten Entscheidungsgremien der CBG.«

Da wundert es dann nicht, dass der Leverkusener Multi immer wieder auf ominöse Weise Kenntnis von geplanten Aktionen erhält, wie etwa 1993. Im März des betreffenden Jahres publizierte Tierra Amiga, die Zeitschrift eines Ökologienetzwerkes in Uruguay, einen kritischen Artikel über Bayers Schmerzmittel Aspirin. Der Pharmariese reagierte postwendend. Er bestritt dem Blatt das Recht, geschützte Markennamen auch nur zu erwähnen und forderte eine Unterlassungserklärung. Die Redaktion setzte sich umgehend mit der CBG in Verbindung. Man besprach das weitere Vorgehen und kam darin überein, eine Presseerklärung und einen Protestbrief zu veröffentlichen. Bereits am nächsten Tag erhielt das Magazin einen Drohanruf vom Konzern mit der unmissverständlichen Botschaft, solche Schritte besser nicht zu unternehmen. »Die Schlussfolgerung ist offensichtlich«, schrieb Chefredakteur Jorge Barreiro in einem Kommentar: »Entweder hört Bayer auf irgendeine Art die Telefongespräche der Coordination mit oder hat jemanden dort eingeschleust. In beiden Fällen ist klar, dass Bayer einen Teil seiner Energien darauf verwendet, seine Kritiker auszuspionieren.«

Zuweilen schlägt das Unternehmen auch den Rechtsweg ein, um sich die CBG und andere vom Hals zu schaffen. Zuletzt ging es gegen die Taz vor, weil die Zeitung als »Krebs-Rundumpaket« zusammenbrachte, was nach Leverkusener Meinung nicht zusammengehörte: Bayers »wahrscheinlich krebserregendes« Glyphosat und Bayers Krebstherapeutikum »Aliqopa«.

Gegen die CBG leitete der Leverkusener Multi bereits mehrmals juristische Schritte ein. So zwang er sie 1988, ihren ursprünglichen Namen »BAYER-Coordination« aufzugeben. Es bestehe »die Gefahr von Verwechslungen bzw. von Zuordnungsirrtümern«, argumentierten die Konzernanwälte, welche den »Weltruf« der Marke durch »Rufbeeinträchtigungen, Imageverfremdungen und sonstige Beeinträchtigungen« schädigen könnten. Angesichts des hohen Streitwertes von 50.000 Euro musste sich die CBG ebenso fügen wie anno 2001, als das Unternehmen gerichtlich gegen den Domain-Namen »BAYER-Watch« vorging.

Die langwierigste rechtliche Auseinandersetzung, die für die CBG wegen der damit verbundenen Kosten existenzbedrohend war, begann 1987. Der Agrargigant nahm Anstoß an einer Passage aus einem Aufruf. Er betrachtete die Sätze: »In seiner grenzenlosen Sucht nach Gewinnen und Profiten verletzt Bayer demokratische Prinzipien, Menschenrechte und politische Fairness. Missliebige Kritiker werden unter Druck gesetzt, rechte und willfährige Politiker werden unterstützt und finanziert«, als Schmähkritik. Unter Strafandrohung »von Ordnungshaft bis zu sechs Monaten bzw. einer Geldstrafe von bis zu DM 500.000« forderte der Konzern eine Unterlassungserklärung. Die Sache ging bis vor das Bundesverfassungsgericht, das 1992 schließlich aber zugunsten der Meinungsfreiheit entschied und der Coordination recht gab.

Der Leverkusener Multi verfügt also über ein reichhaltiges Instrumentarium im Umgang mit Kritikern, und anders als von ihm verkündet, entspricht die Art, wie seine jetzige Tochtergesellschaft Monsanto via Fleishman-Hillard den »Dialog« mit unterschiedlichen Interessengruppen und der Gesellschaft gesucht hat, genau der Art des Hauses.

Jan Pehrke ist Mitglied im Vorstand der ­Coordination gegen BAYER-Gefahren.

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