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Aus: Ausgabe vom 12.06.2019, Seite 10 / Feuilleton
SDAJ

Kampffeld Arbeitszeit

Drei Tage lang diskutiert, gefeiert, gecampt: Das »Festival der Jugend« im Kölner Jugendpark
Von Glenn Jäger
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»There are many problems, we need more solutions«

Drei Tage lang volles Programm mit politischen Veranstaltungen, verschiedensten Workshops sowie attraktiven Bands und DJs. Besucht von über 2.000 Jugendlichen und Junggebliebenen: Das war das »Festival der Jugend«, das die Sozialistische Deutsche Arbeiterjugend (SDAJ) am Pfingstwochenende über drei Tage im Jugendpark an den Kölner Rheinwiesen auf die Beine gestellt hatte – unterstützt von zahlreichen Gruppen wie etwa gewerkschaftlichen Jugendverbänden (Verdi, DGB), der DIDF-Jugend, der »Deutschen Friedensgesellschaft – Vereinigte Kriegsgegner«, von programmatischen Initiativen wie »Walk of Care – pflegt die Zukunft« oder »Bildung ohne Bundeswehr«. Selbst die Köln-Düsseldorfer Rivalität musste hier ruhen: Aus der Landeshauptstadt waren auffallend viele Organisationen vertreten, darunter die »Interventionistische Linke«, die Linke.SDS, die Flüchtlingsinitiative »Stay!« und die VVN-BdA.

Damit sind auch schon die Themen umrissen, um die es bei bis zu sieben parallelen Veranstaltungen ging. Fragen von Krieg und Frieden wurden gleich am Samstag vormittag verhandelt, als UZ-Autor Klaus Wagener einen fundierten Blick auf einen »US-Imperialismus im Abstiegskampf« warf. Bei einem Streifzug durch die geopolitischen Konflikte zeigte er: Auch wenn die USA militärisch und politisch weiterhin tonangebend seien, so würde deren Stellung erodieren, während sich mit dem Aufstieg Chinas neue globale Machtkonstellationen abzeichneten. Daran schloss am Sonntag der Journalist Jörg Kronauer an, der die NATO-Politik gegenüber Russland skizzierte und dabei nach der Rolle Deutschlands fragte. Nach konkreten Antworten auf eine zunehmende Kriegsgefahr wurde in Workshops wie »Was meinen wir mit Internationalismus?« gesucht. Wer am Café International vorbeiging, konnte Sätze aufschnappen wie »There are many problems, we need more solutions«.

Lösungen, zumindest Antworten, wurden auch für eine Politik sozialer Spaltungen gesucht. Auf einer Podiumsdiskussion zu jüngeren Arbeitskämpfen wurde eine Widerstandsstimmung ausgemacht. »Massenproteste gegen 12-Stunden-Tag«, hatte etwa der Tagesspiegel vergangenen Sommer gemeldet, bei denen »rund 100.000 Demonstranten« durch Wien gezogen waren. Aus diesen Kämpfen – samt den Rückschlägen – referierte die österreichische Betriebsrätin Selma Schacht. Das ergänzte der Gewerkschafter Jan von Hagen mit Eindrücken aus den jüngsten Klinikkämpfen in NRW. »Das Kampffeld Arbeitszeit« sei wieder eröffnet, nach einer längeren Phase des Klassenkampfes von oben brächten sich verstärkt beide Seiten in Stellung. Vor der nächsten Tarifrunde verfolge er mit Blick auf eine geplante weitere »Flexibilisierung« gespannt die laufende Arbeitszeitumfrage von Verdi. Insgesamt nehme er ein gestiegenes Widerstandspotential wahr. Zu seinen Eindrücken vom Festival sagte er gegenüber jW: Neben einem auch bereichernden Kultur- und Partypublikum seien offenbar wieder mehr Jugendliche vor Ort gewesen, die in Auseinandersetzungen in Schule und Betrieb präsent seien. Zahlreiche lebhaft geführte Debatten in Workshops rund um Bildung, Ausbildung und Beruf bestätigten diese Einschätzung.

Randvoll war das große Veranstaltungszelt »Karl«, als Dietmar Dath zum Thema »Cinemarx: (Super-)Helden-Analyse« aufschlug. Das Festival sei kein Wissenschaftsbetrieb, er sei nicht der kluge Professor, sondern derjenige, der geprüft werde, machte Dath gleich zu Beginn klar. Auf einem Koordinatensystem zwischen Marxismus und Faschismus ordnete er sodann Superman, Batman und Co. ein und klopfte den herrschenden Kulturbetrieb ab. Wären auf diesem Festival Noten vergeben worden, so hätte er die Bühne nach einer angeregten Diskussion wohl mit einer glatten Eins verlassen.

Ansonsten kam in Köln auch das Feiern nicht zu kurz. Chefkoordinatorin Lara Turek hatte mit ihrer Ankündigung, auch dieses Mal dem »Kultur- und Freizeitprogramm einen hohen Stellenwert einzuräumen«, nicht zuviel versprochen. Auf der großen Bühne brachten am Samstagabend zunächst die Lokalmatadoren der Rapcombo Veedel Kaztro die Stimmung auf Betriebstemperatur. Im Anschluss traten – bitte merken – The Movement auf. Das Kopenhagener Trio überzeugte auf ganzer Linie mit einer Mischung aus Punk und Mod-Rock.

Ortswechsel: Etwas weiter rheinabwärts wurde am Sonntag auf der Keupstraße des 15. Jahrestags des Nagelbombenanschlags des sogenannten NSU gedacht. Auf einer Bühne in der Nähe des Anschlagsortes führte der Rapper und Aktivist Kutlu Yurtseven durchs Programm, der tags zuvor mit der Microphone Mafia auch auf dem Festival der Jugend aufgetreten war. Es war eine würdige Gedenkfeier mit einer Tischtafel über die halbe Straße. Gegen Ende traten Microphone Mafia gemeinsam mit dem Rapper Chaoze One auf, der mit musikalischem Klartext deutlich machte, was von diesem Staat zu halten ist. Das war auch bei der vorherigen Podiumsveranstaltung im benachbarten Schauspielhaus aufgeblitzt. Dort machte Mehmet Daimagüler, Nebenklageanwalt im NSU-Prozess, deutlich, dass »der Geheimdienst natürlich seine Finger im Spiel« hatte. Seine Kollegin Seda Basay-Yildiz berichtete von der Kaltschnäuzigkeit des Gerichts: Bei der Urteilsverkündung habe der Vorsitzende Richter Manfred Götzl »kein persönliches Wort an die Angehörigen der Opfer« gerichtet, »keine Schweigeminute, nichts«; zugleich habe er anwesende Neonazi unter den Zuschauern gewähren lassen. Plötzlich machte bei der Diskussion das Wort vom »fucking system« die Runde. Da zeigte sich, wie kurz der Weg zwischen Köln-Mühlheim und dem Jugendpark war. Denn schnell zeigte sich: Hier wie dort hat man es mit dem gleichen Gegner zu tun. Das Festivalmotto »Zeit für Widerstand«: Es hatte das Zeug zum einenden Band.

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