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Aus: Ausgabe vom 17.01.2019, Seite 1 / Titel
Daseinsvorsorge

Miethaie in Fresslaune

Investoren lechzen nach hohen Renditen auf dem Immobilienmarkt. Mieterbund fordert Bodensteuer als Spekulationsbremse
Von Simon Zeise
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Eigentümer auf Renditejagd: Eine bezahlbare Wohnung zu finden, wird hierzulande immer schwerer

Es ist angerichtet. Die Unternehmensberatungsgesellschaft Ernst & Young hat am Mittwoch das »Trendbarometer Immobilien-Investmentmarkt 2019« vorgestellt, wofür 300 Spekulanten befragt wurden. Im vergangenen Jahr hätten in Deutschland demnach Immobilien im Wert von 78 Milliarden Euro den Besitzer gewechselt. Dies entspreche einem Zuwachs von sieben Prozent gegenüber 2017. Nach 2015 sei es der zweithöchste Wert innerhalb der vergangenen 15 Jahre.

Die Spekulation mit Wohneigentum ist unter den Managern besonders beliebt. Im Vergleich zum Handel mit Gewerbeimmobilien gebe es in dem Sektor eine »größere Preisphantasie«. Die Investoren glaubten »weiterhin an steigende Mieten in Deutschland und damit auch an Deutschland als Investmentmarkt«.

Ähnlich euphorisch ist auch die Deutsche Bank. Der Tagesspiegel zitierte in seiner Mittwochausgabe aus einem Schreiben der Analyseabteilung des Geldhauses, in dem frohlockt wird, dass Berlin sich zu einem Innovationsstandort entwickle. Dies stelle »eine exzellente Basis für den Wohnungsmarkt dar«. Die Banker erwarten einen »lang anhaltenden Hauspreiszyklus«.

Ernst & Young geht davon aus, dass hierzulande »der Fokus auf Bestandsinvestitionen liegen« werde, da hier bessere Renditen zu erwarten seien als bei Zukäufen. Welche Folgen solche Geschäfte haben, erklärte der Geschäftsführer des Deutschen Mieterbunds, Ulrich Ropertz, am Mittwoch gegenüber jW: »Wenn Investoren vermehrt auf Bestandswohnungen setzen und sagen, da liegt die Rendite, dann heißt das übersetzt, sie treiben die Mieten in die Höhe.«

In dem Bericht von Ernst & Young wird hervorgehoben: »Große Skepsis« hegten Spekulanten gegenüber gesetzlichen Änderungen: Eine »Verschärfung des Mieterschutzes verringert die Investitionsfreudigkeit«, heißt es in der Studie. Doch davor müssen sich Spekulanten nicht fürchten, denn sie bekommen Rückendeckung aus der Politik. Bundesfinanzminister Olaf Scholz (SPD) arbeitet emsig daran, die vom Bundesverfassungsgericht vorgegebene Neufassung der Grundsteuer zugunsten der Eigentümer auszugestalten.

Scholz will die Grundsteuer über die Betriebskosten weiter auf die Mieter abwälzen. Der Mieterbund ist der Auffassung, dass die Grundsteuer eine Eigentumssteuer ist und deshalb auch von den Eigentümern bezahlt werden muss – und zwar nicht nur von den selbstnutzenden, sondern auch von den vermietenden Eigentümern. Diesen müsste per Gesetz verboten werden, die Grundsteuer über die Betriebskosten auf die Mieter abzuwälzen, sagte Ropertz. Durch die Ausgestaltung zu einer Bodensteuer könnte Spekulanten die Tour vermasselt werden. Dann würde unbebautes ähnlich besteuert wie bebautes Bauland. »Derjenige, der Grundstücke brachliegen lässt, hätte keinen finanziellen Vorteil«, so Ropertz.

Um die angespannte Lage auf dem Immobilienmarkt zu entschärfen, müsse hierzulande außerdem drastisch mehr gebaut werden. Zuletzt seien pro Jahr zwischen 26.000 und 27.000 neue Sozialwohnungen errichtet worden, so Ropertz. Gleichzeitig liefen bei 50.000 Sozialwohnungen jährlich die Bindungen aus. Im Saldo schrumpft der Bestand also Jahr für Jahr. Jährlich würden weitere 80.000 bis 100.000 neue Sozialwohnungen nötig.

Leserbriefe zu diesem Artikel:

  • René Osselmann, Magdeburg: Wohnen ist kein Luxus Irgendwie wird man das Gefühl nicht los, dass das, was die Bundesregierung macht, wenn es um bezahlbaren Wohnraum geht, eigentlich nur ein heiße Luftblase ist. Und wenn man diese Entwicklung genau bet...