Aus: Ausgabe vom 10.12.2018, Seite 16 / Sport

Einfach spreizen

Beginn einer Revolution: Vor 30 Jahren verblüffte Skispringer Jan Boklöv mit dem V-Stil

RTR3078H.jpg
»Ich habe es nicht für die Welt getan. Ich habe es für mich getan, und die Welt ist mir gefolgt«, sagte Boklöv einmal

Der Name ärgert Jan Boklöv bis heute. »V-Stil? Warum V-Stil? Das heißt Boklöv-Stil!« sagt der Schwede, wenn er auf seine Triumph vor genau 30 Jahren angesprochen wird. Am 10. Dezember 1988 gewann der Skispringer aus Malmberget mit seinen zu einem V geformten Latten erstmals einen Weltcup, trotz enormer Punktabzüge. Der Sieg in Lake Placid löste eine Revolution aus, wie sie nur wenige Sportarten erlebt haben.

»Sogar gestürzte Springer wurden besser bewertet als ich«, erinnert sich Boklöv an jene Jahre, in denen er heftige Abzüge in der Haltungsnote erdulden musste. Im traditionsreichen Skispringen galt nur der Parallelstil als legitim. Doch er flog einfach so viele Meter weiter, dass er trotzdem gewann. In Lake Placid fing er so den zur Halbzeit führenden Dieter Thoma ab und schrieb Geschichte. »Jan ist sogar mit schlechten Absprüngen weiter als alle anderen gekommen«, sagt Thoma, der in der Folge wie alle anderen Springer seinen Stil umstellte.

Drei Jahre zuvor hatte ein Zufall Boklöv auf seine Idee gebracht. Im Sommer 1985 wollte der international zweitklassige Skispringer beim Training in Falun eigentlich nur einen Sturz verhindern. »Es ist mir einfach so passiert. Ich habe die Ski gespreizt und bin plötzlich 90 statt 70 Meter geflogen«, erzählt er. Fortan perfektionierte er seinen Ansatz. Mit Erfolg: Am Ende der Saison 1988/1989 hatte er fünf Springen gewonnen und holte als bis heute einziger Schwede den Gesamtweltcup, vor Jens Weißflog und Thoma.

»Ich habe es nicht für die Welt getan. Ich habe es für mich getan, und die Welt ist mir gefolgt«, sagte Boklöv einmal. Weil es keine Erfahrungen gab, stürzte er oft. Dreimal brach er sich die Schulter. Immer wieder rappelte er sich auf und überwand schließlich den Widerstand der Regelhüter. Doch die Revolution brauchte Zeit. Noch 1991/92 gab es für den V-Stil 0,5 Punkte Abzug, erst ein Jahr später wurde die Technik dem Parallelstil gleichgestellt. Auch der dreimalige Weltmeister Weißflog stellte sich nach langem Zögern im hohen Skisprung-Alter von knapp 30 noch einmal um – und wurde 1994 mit dem Olympiasieg in Lillehammer belohnt.

Boklöv war da längst abgehängt. Als der junge Finne Toni Nieminen 1992 im V-Stil zweimal Olympiasieger wurde, landete der Erfinder nur auf Platz 47 und beendete ein Jahr später seine Karriere. Heute wohnt der 52jährige weitgehend unerkannt in Stockholm. (sid/jW)


Lesetip abgeben

Artikel empfehlen:

Mehr aus: Sport