Aus: Ausgabe vom 10.12.2018, Seite 9 / Kapital & Arbeit

Kampf um den Ölpreis

Moskau und Riad einigen sich nach zähen Verhandlungen auf geringere Fördermenge. Weitere Drosselung wahrscheinlich

Von Knut Mellenthin
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Zu viel gefördert: Tiefpumpen in der Nähe der russischen Stadt Ufa

Die 25 Erdöl exportierenden Länder mit Russland und Saudi-Arabien an der Spitze wollen ihre Förderung vom 1. Januar 2019 an um insgesamt 1,2 Millionen Barrel pro Tag reduzieren. Die Entscheidung fiel am Freitag während einer zweitägigen Konferenz in Wien und soll zunächst bis April 2019 gelten. Beteiligt waren die 15 Mitglieder der OPEC und zehn weitere Staaten. Auf diese Gruppe, die oft als »OPEC plus« bezeichnet wird, entfällt rund die Hälfte der globalen Ölförderung. Das gemeinsame Ziel besteht darin, den Preis des Rohstoffs zu stabilisieren, der seit Anfang Oktober um rund 30 Prozent gefallen ist und kurz vor dem Treffen in der österreichischen Hauptstadt zeitweise unter 60 Dollar pro Barrel lag. Er stieg auch nach dem Kürzungsbeschluss nur schwach auf weniger als 62 Dollar an. Alle Angaben beziehen sich auf den international wichtigsten Preis, den für die Sorte »Brent Crude Oil«.

Die Mehrheit der internationalen Experten geht davon aus, dass durch die Kürzung um 1,2 Millionen Barrel pro Tag nur der gegenwärtige Preis gehalten, aber nicht wesentlich erhöht werden kann. Er hatte am 9. Oktober mit 86 Dollar pro Barrel in diesem Jahr das Maximum erreicht und befindet sich seither in steilem Fall.

Überangebot

Hauptursache dafür ist, dass die weltweite Erdölförderung im laufenden Jahr stärker gewachsen ist als der Bedarf, und dass dieser voraussichtlich auch 2019 nur schwach zulegen wird. Im Oktober lag die globale Förderung nach den Erkenntnissen der Internationalen Energiebehörde (IEA) in Paris bei 100,7 Millionen Barrel pro Tag und damit um 2,6 Millionen höher als im gleichen Zeitraum des Vorjahres. Allein seit Mai, als US-Präsident Donald Trump die Reaktivierung der Sanktionen gegen den Iran bekanntgab, sei die globale Produktion um 1,8 Millionen Barrel pro Tag gewachsen. Dieser Anstieg wurde hauptsächlich von den USA (plus eine Million Barrel pro Tag ), Saudi-Arabien (plus 620.000 Barrel pro Tag) und Russland (plus 445.000 Barrel pro Tag) verursacht, hatte das Wall Street Journal am 14. November berichtet. Auf der anderen Seite mussten Iran, Venezuela und Libyen Einbußen hinnehmen.

Diese Staaten, die alle drei der OPEC angehören, sind denn auch von der am Freitag beschlossenen Verpflichtung zur anteiligen Senkung ihrer Mengen ausgenommen. Nigeria, das aufgrund verschiedener Förderhindernisse eine ähnliche Sonderregelung angestrebt hatte, konnte sich damit jedoch nicht durchsetzen. An der geplanten Herausnahme von 1,2 Millionen Barrel pro Tag aus dem Weltmarkt soll sich die OPEC mit insgesamt 800.000 beteiligen. Vermutlich entfallen davon 500.000 Barrel pro Tag auf Saudi-Arabien. Unter den Nichtmitgliedern hat Russland mit etwa 228.000 Barrel pro Tag – die genauen Quoten der einzelnen Länder sind noch nicht bekannt – die größte Reduzierung auf sich genommen.

Die beschlossene Senkung um 1,2 Millionen Barrel pro Tag liegt über den allgemeinen Erwartungen. Zu Beginn der zweitägigen Konferenz in Wien war nicht einmal sicher, ob es überhaupt zu einer Reduzierung kommen würde oder ob die 25 Staaten ihre Entscheidung auf Januar oder Februar 2019 verschieben würden. Als Bremser galt vor allem Russland, dessen Präsident Wladimir Putin vor kurzem erklärt hatte, dass er mit einem Preis von 60 Dollar pro Barrel ganz zufrieden sei. Gerüchteweise hieß es noch am Donnerstag, dass die Teilnehmer der Wiener Konferenz sich höchstens auf eine Reduzierung um eine Million Barrel pro Tag – wovon 650.000 auf die OPEC und 150.000 auf Russland entfallen sollten – einigen würden.

Misstrauen in Teheran

Ob die Gegensätze jetzt wirklich vom Tisch sind, muss sich erst noch zeigen. Russland hat angekündigt, dass es mehrere Monate dauern werde, bis die geplante Verringerung seiner Ölförderung voll umgesetzt ist. Das könnte vielleicht auch für einige andere Staaten gelten. Daher ist ungewiss, um wieviel die Ölmenge bei den Beteiligten tatsächlich gesunken sein wird, wenn der Beschluss vom Freitag im April 2019 überprüft und neu diskutiert werden soll.

Iranische Politiker und Medien feiern die Gewährung einer Ausnahmeregelung durch die Wiener Konferenz als Erfolg der standhaften Politik ihres Landes. Tatsächlich zufrieden wirken sie aber nicht. Erstens hatte Iran sich für eine Reduzierung der Förderung von »OPEC plus« um 1,4 Millionen Barrel pro Tag ausgesprochen und gewarnt, dass der Ölpreis andernfalls auf 40 Dollar pro Barrel fallen könnte. Zweitens werfen iranische Experten Saudi-Arabien und Russland vor, sie hätten die US-Sanktionen genutzt und indirekt unterstützt, indem sie ihre Förderung in die Höhe trieben, ohne das von Moskau und Riad dominierte gemeinsame Kontrollorgan von »OPEC plus« darüber zu informieren.

Iranische Politiker lehnen es derzeit ab, Angaben zum Ölexport ihres Landes zu machen, da diese von der US-Regierung missbraucht werden könnten. Berichte iranischer Medien, die für 2019 eine durchschnittliche Ausfuhr von 1,5 Millionen Barrel pro Tag voraussagen, machen jedoch deutlich: Das wäre ein Verlust zwischen 500.000 und einer Million Barrel pro Tag im Vergleich mit dem zu Ende gehenden Jahr.


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