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Aus: Ausgabe vom 27.01.2026, Seite 11 / Feuilleton
Comic

Ein Künstler namens Kim Jong-il

Wissen und Nichtwissen: Drei Comicbände befassen sich mit Nordkorea
Von Marc Hieronimus
Mein Freund Kim Jong-un_hires-28.jpg
Ein großer Kopf verrät nicht alles: Kim Jong-un

Das Auswärtige Amt schreibt unmissverständlich: »Von Reisen in die Demokratische Volksrepublik Korea wird dringend abgeraten« – von ihm selbst mit genau diesem Satz. Gut, das Auswärtige Amt schreibt auch, »Reisende in Nordkorea werden (…) nicht mit Kriminalität in Berührung kommen« und »Deutsche Staatsangehörige waren bislang nicht von längerer Inhaftierung betroffen«, wenn sie gegen eine der vielen Regeln des Landes verstießen, aber wer will denn da überhaupt hin? Die sind doch alle völlig verrückt da unten! Die »großen« und »geliebten« Führer der Kim-Dynastie Il-sung, Jong-il und Jong-un waren bzw. sind grausame und paranoide Tyrannen im Cäsarenwahn, und die Millionen, die sie voller Verzückung verehren, statt unter Einsatz ihres Lebens die Flucht anzutreten, müssen am Stockholm-Syndrom oder einer anderen Psychose leiden. Die Leute verhungern, wenn sie nicht ihre Haustiere und Angehörigen essen, das weiß doch jedes Kind.

Die Hungersnot ist dreißig Jahre her und hatte neben dem Ende der Sowjetunion auch mit gewissen Sanktionen zu tun? Aber neulich kam heraus, dass Jugendliche hingerichtet werden, weil sie südkoreanische Serien geguckt haben! Oder war es »verbreitet«? Auch die im entsprechenden UN-Bericht von September 2025 noch ausgedrückten Vorbehalte wie »offenbar« und »anscheinend« haben sich in der hiesigen Berichterstattung schnell abgeschliffen. Halten wir aber ironiefrei fest: Wenn es nördlich des 38. Breitengrads womöglich auch nicht ganz so schlimm sein sollte, wie die Qualitätsmedien schreiben, sollte man nach Freiheit und Selbstverwirklichung unbedingt woanders streben.

Aber zu jeder Geschichte gibt es eine Vorgeschichte, und die ist hier selbstverständlich der Koreakrieg (1950–1953). Sehr wahrscheinlich haben die USA Erreger von Pest, Cholera, Gelbfieber, Meningitis und Pocken als biologische Kampfstoffe eingesetzt. Unbestritten haben sie Staudämme und buchstäblich alle Industrie zerstört. Die Städte des Nordens wurden so gründlich mit Napalm und Sprengbomben vernichtet, dass amerikanische Flieger sich beschwerten, sie hätten keine Ziele mehr. 2,5 Millionen Nordkoreaner sind nach Schätzungen durch Bombenkrieg, Kampfhandlungen und nicht zuletzt durch antikommunistische Massaker in Südkorea gestorben. Jeder Nordkoreaner hat damals Angehörige verloren. Das prägt ein Volk und seine Staatschefs.

Dass man viel Schlimmes ahnt, aber nur wenig sicher weiß, macht das laut gängiger Buchtitel »rätselhafte« und »verschlossene«, wo nicht »geheimnisvollste« und »isolierteste« Land der Welt, die »Hölle« bzw. das »Paradies des Volkes« vom heimischen Sofa aus auf morbide Art aufregend.

Diesen Kitzel bedienen knapp zwanzig Jahre nach Guy Delisles Reportage »Pjöngjang« (Reprodukt 2007) gleich drei neue(re) Comics. Zwei davon erzählen die gleiche, gesichert wahre Geschichte aus der Zeit des Diktators und großen Filmfreunds Kim Jong-il: 1978 trennt sich die überaus bekannte südkoreanische Schauspielerin Choi Eun-hee von ihrem kaum weniger prominenten Mann, dem Filmregisseur Shin Sang-ok, aufgrund seiner Liebesaffäre mit einer Kollegin. In Südkorea hatte das berühmte Paar zuletzt Schwierigkeiten, ihre freizügigen und freigeistigen Filmprojekte umzusetzen, daher nimmt sie gerne das Angebot an, in Hongkong mit einem einflussreichen Filmproduzenten über neue Engagements zu sprechen. Leider ist die Verabredung eine Finte: Choi Eun-hee wird entführt und nach Nordkorea verschleppt. Das stellt sich aber erst Jahre später heraus, für die Öffentlichkeit ist sie einfach nur verschwunden. Ihr Exmann Shin Sang-ok spürt ihr nach – und verschwindet ebenfalls. Nach Jahren der Isolation und Indoktrination, einem Fluchtversuch und einer Scheinhinrichtung führt der Staatschef die beiden auf einer Feier zusammen und eröffnet ihnen seinen großen Plan: »Ich bin Künstler! Aber unsere Filme sind Müll. Und wieso? Weil die Menschen hier alles haben, was sie brauchen. Deshalb habe ich Sie mit einer verdeckten Operation, äh, zu mir bringen lassen. Ich will, dass Sie Filme für mich drehen! Meisterwerke von internationalem Format!«

Und genau das tun sie von nun an. Kim Jong-il liefert die Filmideen, in der Umsetzung hat das wiedervereinte Paar freie Hand. Besonders liegt dem mittleren der drei Kims die koreanische Legende um den metallfressenden Drachen Pulgasari am Herzen. »Der Diktator und der Plastikdrache« beginnt mit Shins Suche und schildert mit feinem Strich und klassischer Seitenaufteilung die Erlebnisse der beiden bis zu ihrer nicht ganz ungefährlichen Flucht vom Wiener Intercontinental zur amerikanischen Botschaft. Im Anhang beleuchten Szenarist Fabien Tillon und der Asienfilmexperte Julien Sévéon Hintergründe des koreanischen Kinos.

Sehr viel spielerischer ist der nicht mehr ganz druckfrische Band »Madame Choi & die Monster« von Zeichnerin Sheree Domingo und Autor Patrick Spät. Die zwei Geschichten des Eisenmonsters und des Filmpaars werden hier von Anfang an und miteinander verschränkt erzählt, in einem vermutlich gewollt kindlich-krakeligen Stil und reduzierter Farbe. Wie der Titel erahnen lässt, steht beim preisgekrönten Schweizer Buch die Schauspielerin im Vordergrund, die in erster Ehe mit einem Tyrannen verheiratet war, den sie für den Regisseur verließ.

Das dritte Buch schließlich ist eine persönliche Recherche zum aktuellen Landesführer Kim Jong-un. Der ist zwar nicht der Freund der Zeichnerin, wie der Titel suggeriert, aber sie hat mit einem Schulkameraden Kim Jong-uns gesprochen, ebenso wie mit einem Freund Kim Jong-nams. Das ist der Halbbruder des Staatschefs, der 2017 auf dessen Geheiß am Flughafen von Kuala Lumpur von zwei Frauen mit dem Kampfstoff VX getötet wurde. (Die beiden wussten nicht, was sie tun, Kim Jong-nam war gewarnt worden.) Auch der südkoreanische Expräsident Moon Jae-in war gerne bereit, über den Annäherungsprozess der beiden Koreas zu sprechen und warum sich die beiden Koreas heute wieder spinnefeind sind. Seiner Ansicht nach hätte Nordkorea heute wahrscheinlich nicht die Bombe, wenn die USA unter Trumps Präsidentschaft anders aufgetreten wären.

Die in Frankreich ausgebildete Künstlerin lebt unweit der innerkoreanischen Grenze und fürchtet angesichts der heutigen Spannungen eine Eskalation. Ihr in Türkis und Violett gehaltenes Buch ist bei allen Sorgen und düsteren Fakten streckenweise sehr poetisch gestaltet. Besonders rührend ist die Geschichte des kleinen Nordkoreaners Pepino, der der Autorin im Schlaf erscheint. Ein kolumbianischer Soldat hatte den verwaisten Jungen nach 1953 mit in seine Heimat genommen, wo er nicht glücklich wurde. Schuld war auch hier letztlich der Krieg.

Fréwé (Zeichnungen), Fabien Tillon (Text): Der Diktator und der Plastikdrache. Aus dem Französischen von Katharina Kral. Bahoe Books, Wien 2025, 160 Seiten, 26 Euro

Sheree Domingo (Zeichnungen), Patrick Spät (Text): Madame Choi & die Monster. Edition Moderne, Zürich 2022, 24 Euro

Keum Suk Gendry-Kim: Mein Freund Kim Jong-un. Aus dem Koreanischen von Alexandra Dickmann. Avant-Verlag, Berlin 2025, 288 Seiten, 32 Euro

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