Freie Fahrt
Von Holger Römers
Das iranische Kino hat oft zu Autofahrten eingeladen. Von entsprechenden Passagen waren schon mehrere Filme Abbas Kiarostamis geprägt, bevor »Ten« (2002) nur aus Videobildern zweier Minikameras entstand, die am Rückspiegel eines Pkw befestigt waren. Diese technische Selbstbeschränkung wurde von Jafar Panahi, der Kiarostami bei »Quer durch den Olivenhain« (1994) als Regieassistent gedient hatte, in »Taxi Teheran« (2015) variiert. Und auch wenn der 1960 geborene Filmemacher anschließend für »Drei Gesichter« (2018) eine freiere Form wählte, ließ er die Kamera erneut über weite Strecken der die Handlung bestimmenden Reise im Wageninneren verharren.
Ähnliches gilt nun auch für den elften Langfilm, bei dem Panahi allein Regie geführt hat: »Ein einfacher Unfall« beginnt mit einer langen Einstellung, die ein Ehepaar mit Tochter auf der nächtlichen Heimfahrt zeigt, wobei die (anscheinend) auf der Motorhaube befestigte Kamera den halbnahen Blickwinkel nur kurz von der Windschutzscheibe abwendet, als der Familienvater (Ebrahim Azizi) am Straßenrand die Folgen einer Kollision begutachtet. Sobald die Erzählperspektive sich bei einem Werkstattbesuch von diesem Mann auf den Mechaniker Vahid (Vahid Mobasseri) verschiebt, geht damit zugleich eine Akzentveränderung bei den folgenden Fahrtaufnahmen einher. Wenn Vahid den zunächst namenlosen Familienvater beschattet, bleibt Kameramann Amin Jafari buchstäblich auf der Seite des Mechanikers, nämlich auf dem Beifahrersitz des an dessen Arbeitsplatz ausgeliehenen Kleinlasters. Ebenso verbindet die Kameraperspektive uns Zuschauer im Fond des Autos mit den Figuren, die Vahid bald um sich schart. Der ehemalige Häftling meint, bei der anfänglichen Zufallsbegegnung seinem Folterer begegnet zu sein, dessen Gesicht er im Knast jedoch nie zu sehen bekam. Nachdem er den mutmaßlichen Peiniger entführt und in eine Transportkiste gesperrt hat, sollen Leidensgenossen, deren Augen während ihrer Folter freilich ebenfalls verbunden waren, den Gefangenen identifizieren und die spontan geplante Rache legitimieren.
Das ist vor dem Hintergrund zu betrachten, dass Panahi selbst im Februar 2023 aus siebenmonatiger Haft inklusive Hungerstreik freigekommen ist, nachdem er bereits 2010 inhaftiert und zu 20jährigem Berufsverbot verurteilt worden war. Nach Angaben des Regisseurs, der auch fürs Drehbuch verantwortlich zeichnet, sind alle auftretenden Figuren von Mitgefangenen inspiriert. Denen erging es im Gefängnis mutmaßlich noch schlimmer als dem berühmten Filmemacher, der für »Der Kreis« (2000) beziehungsweise »Taxi Teheran« schon die Hauptpreise der Filmfestivals von Venedig und Berlin gewonnen hatte, bevor er für diesen Film in Cannes mit der Goldenen Palme geehrt wurde.
Unter diesen Vorzeichen mag es wiederum verblüffen, dass Panahi die als Thriller begonnene Auseinandersetzung mit Trauma und Rache vorübergehend ins Burleske kippen lässt. Dazu trägt die Zeichnung des Protagonisten als sympathischer Tölpel ebenso bei wie der Umstand, dass er die Leidensgenossin Golrokh (Hadis Pakbaten) beim Posieren für Hochzeitsfotos antrifft, weshalb sie und ihr ahnungsloser Bräutigam (Majid Panahi) stets in Festkleidung zu sehen sind. Um so kurioser muss wirken, dass die Fotografin Shiva (Maryam Afshari), die ebenfalls im Gefängnis war, im stereotypen Outfit einer Kriegsreporterin die Hochzeitsbilder schießt. Und als ihr Exfreund Hamid dazustößt, der seit der Haft offenbar besonders labil ist, gibt dessen Darsteller Mohamad Ali Elyasmehr, der wie fast alle Auftretenden Schauspiellaie ist, dem Affen richtig Zucker.
Während die bunte Truppe mit dem in der Transportkiste weitgehend unsichtbaren Gefangenen durch den Großstadtverkehr streift, schält sich in den Dialogen die Frage heraus, inwiefern die mehr oder minder eingestandene Bereitschaft zur Vergeltung die Folteropfer dem Täter angleicht. Dass Panahi eine eindeutige Antwort für notwendig hält, mag man verstehen. Da sein Film, für den ein heimisches Gericht ihn in Abwesenheit vor wenigen Wochen nochmals zu einem Jahr Gefängnis verurteilt hat, vor allem in westlichen Arthousekinos zu sehen sein wird, kommt dem Publikum die Selbsterhebung über Mullahschergen allerdings billig. Um so irritierender sollte die Widersprüchlichkeit wirken, die in besagten Autoszenen unwillkürlich aufscheint: Letztere bieten iranischen Filmemachern eine bewährte Möglichkeit, Außenaufnahmen ohne Drehgenehmigung anzufertigen. Die so entstehenden Filme führen indes regelmäßig vor Augen, welche Freiräume dieses repressive Regime auf offener Straße lässt – wenngleich diese mit einem denkbar hohen Risiko zu bezahlen sind.
»Ein einfacher Unfall«, Regie: Jafar Panahi, Iran/Frankreich/USA u. a. 2025, 103 Min., bereits angelaufen
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