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Aus: Ausgabe vom 17.12.2025, Seite 3 / Ansichten

Backen aufblasen

Europäische Truppen in der Ukraine?
Von Reinhard Lauterbach
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Wertloses Papier: Russland hält sich alles offen und setzt seinen Vormarsch in der Ukraine fort (Berlin, 15.12.2025)

Auf dem Papier sieht die Abschlusserklärung der »Europäer« nach den Berliner Ukraine-Verhandlungen martialisch aus: Unter anderem soll eine »europäisch« geführte »Stabilisierungstruppe« in die Ukraine geschickt werden, um dort auch den ukrainischen Luftraum und die Seewege in das Land zu sichern. Eine Beteiligung der Bundeswehr an dieser Truppe wird nicht ausdrücklich ausgeschlossen. Werden damit in absehbarer Zeit deutsche Soldatinnen und Soldaten »für Kiew sterben«?

Zum Glück stehen die großen Worte aus Berlin unter einer praktisch ausschließenden Vorbedingung: Sie sollen erst nach einem Waffenstillstand greifen, und der steht einstweilen in den Sternen. Russland hat schon angekündigt, dass es Truppen von NATO-Ländern auf ukrainischem Boden – egal, ob im offiziellen Auftrag der NATO, mit einem Mandat der EU oder unter sonst einem Titel – niemals akzeptieren und sie als »legitime militärische Ziele« behandeln würde. Und da es – insoweit hat Friedrich Merz sogar recht – in der Macht von Russland steht, einem Waffenstillstand zuzustimmen oder nicht, wird diese Truppe praktisch wohl eher nicht kommen. Denn mit der Aussicht, Truppen aus europäischen NATO-Staaten – es gibt ja außer der Schweiz und Österreich keine anderen mehr – vor der eigenen Haustür zu bekommen, hat Russland erst recht einen Anreiz, den Krieg bis zu einem für Moskau siegreichen Ende fortzusetzen. Als Beitrag zu einer »Friedenssicherung« ist die Berliner Erklärung also ein typischer Schuss in den Ofen. Eine entsprechende Truppe bewirkt schon als Ankündigung eher das Gegenteil. Und das scheint auch so gewollt zu sein.

Damit rückt das zweite Motiv für die EU-Granden als das wahrscheinlichere in den Blick: Die EU wollte offenkundig gegenüber den USA die Backen aufblasen und, nachdem sie in Berlin auf das Kaffeekochen für die Unterhändler aus Washington und Kiew reduziert worden war, wenigstens für die Öffentlichkeit den Anschein von Einfluss auf den Friedensprozess wahren. Einen Friedensprozess, der noch nicht einmal richtig in Gang gekommen ist, denn alle bisherigen Absprachen fanden innerhalb des ehemals kollektiven Westens statt. Russland nutzt das geradezu genüsslich aus und erklärt, es erwarte jetzt von den USA eine Unterrichtung über die Ergebnisse von Berlin. Aus russischer Sicht hätten die Gespräche genausogut am Südpol unter der Schirmherrschaft der dortigen Pinguine stattfinden können.

Russland hält sich alles offen und setzt unterdessen seinen Vormarsch in der Ukraine fort. Dieser Tage haben seine Truppen in der Südukraine eine bedeutende Lagerstätte für Eisenerz eingenommen. Wenn also Donald Trump dort künftig Rohstoffgeschäfte machen will, muss er sich an Russland wenden. Denn von einem russischen Rückzug hinter die Front des Stichtages X redet niemand mehr. Einstweilen schafft Russland vollendete Tatsachen, ob es Friedrich Merz gefällt oder nicht.

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  • Leserbrief von Reinhard Hopp aus Berlin (17. Dezember 2025 um 12:19 Uhr)
    Dieser Club der fanatischen Irren um den korrupten ukrainischen Post-Bandera-Faschisten herum wird es schon noch schaffen, die militärische Eskalation bis zu einem Atomkrieg zu treiben.
  • Leserbrief von Istvan Hidy aus Stuttgart (17. Dezember 2025 um 10:16 Uhr)
    Die Äußerungen verdeutlichen, dass sich in Europa während der langen Phase von Frieden und Wohlstand eine politische Elite herausgebildet hat, deren strategisches Denken kaum noch an den machtpolitischen Realitäten der internationalen Ordnung orientiert ist. Entscheidungen und Verlautbarungen folgen eher symbolischer Selbstdarstellung als realistischen Einschätzungen von Interessen, Risiken und Kräfteverhältnissen. Die Konsequenzen dieser Entkopplung von Realität werden letztlich nicht von den Entscheidungsträgern selbst, sondern von der breiten Bevölkerung getragen.
    • Leserbrief von Onlineabonnent/in Torsten Andreas S. aus Berlin (17. Dezember 2025 um 12:34 Uhr)
      Welchen dieser drei Sätze würden Sie morgen noch unterschreiben wollen, Herr Hidy? Oder: jW ist nicht Ihr Lesestoff Marke KI. Es geht so: Gib einen Bruchteil eines Textes einer jW ein und warte auf Response! Die Folge: zum Beispiel diese drei zusammenhanglosen Sätze. Frage: Warum schickt wer Leserbriefe, in denen wiederholt wird, was im Artikel schon stand? Antwort: Warum denn nich, wenn dann mein Name in der Zeitung steht? Das Thema ist geklärt, die Frage vom Tisch und die Welt wieder offen für kommende drei Sätze. Warum auch nich?
  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Torsten Andreas S. aus Berlin (17. Dezember 2025 um 00:35 Uhr)
    Offensichtlich werden in Verhandlungen mit nicht Anwesenden also Positionen als Gesprächsgrundlage behauptet, die mit den bekannten Tatsachenaussagen beider Seiten (Ukraine und Russländische Föderation) was genau zu tun haben sollen? Dass von der EU-Kommission oder Europarat oder welcher EU-Institution angeführte oder von den europäischen NATO-Staaten entsendet Militäreinheiten in der Ukraine ihre Machtzentren errichten dürfen? Wer bitte erwartet Zustimmung von wem zu Einlassungen, die unter Unfug fallen? Wie auch die unerklärliche Variante, dem tatsächlichen Aggressor von 2014, also denjenigen, die aus Kiew direkt nach Donbas in den Bürgerkrieg zogen, eine Armee von 800.000 Aktiven dauerhaft zu finanzieren. Plus multinationales Personal von circa wie vielen Zehntausenden. Auf die BRD umgerechnet: zwo Millionen unter Waffen. Auf die USA: acht Millionen Aktive = Militärhaushalt: vier Billionen US-Dollar. Was unseren Beitrag zur Merzschen/Pistoriuschen Anheizung der Weltkriegsgefahr betrifft, kam mir in den Sinn, dass die bald nötige Einführung der Wehrpflicht ausschließlich diejenigen mit Rentenanspruch betreffen darf. Hierbei geht es nur nebenbei um die Kassenentlastung, sondern im Mittelpunkt ergeben sich Endlebensziele neuer Hochbewertungsraten. Nebenbei: Wer von uns geht davon aus, dass diejenigen, die den Friedensverkündungspräsidenten von 2019, der extra Ukrainisch gelernt hatte, um den Bürgerkrieg der Paramiltärs im Donbas zu beenden, ein Kriegsende, egal in welcher Form, hinnehmen? Wie auch immer: Sie werden provozieren und eskalieren, bis es auf das Niveau der Massaker in Südkorea hinausläuft (unter diesem Stichwort siehe Wikipedia). Und dann? Militärputsch in Kiew? Mit genügend NATO-Waffen am Start? Auch mit Kernwaffenminen, für die die Schächte von Pioniersoldaten der Bundeswehr vorbereitet werden? Das klingt befremdlich, doch wie viele Tausende an Pionieraufklärern und Fernaufklärern wussten und wissen Bescheid? Ich habe Hunderte kennengelernt.
  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Heinrich H. aus Stadum (17. Dezember 2025 um 00:30 Uhr)
    Bei mir keimt allmählich die Vermutung auf, im Wertewesten gäbe es nur noch GröprazInnen. Kursiert womöglich eine endemische BSE-Mutation unter den KaffeekocherInnen und -konsumentInnen?
    • Leserbrief von Onlineabonnent/in Torsten Andreas S. aus Berlin (17. Dezember 2025 um 13:42 Uhr)
      So also denken Sie von uns allen an Ihrer Seite? Meine Liebste hat das Popapier erfunden! Ich den Möwenbändiger und die alternierende Bestecksortierung! Das reicht Ihnen nicht? Dann zurück zu Hans von Sinnen, der Postadresse der AG überregionale Verbindungen, von der Sie seit März 1989 wissen? Wenn nicht: An der Karl-Marx-Universität Leipzig entstand im März 1989 ein Kollektiv zur Modernisierung der Lebensweisen aller Studierenden. Weil es unter uns normal war, mit Kind zu studieren, wollten wir mehr an Präsenz erreichen: Was mit ersten Schritten Richtung Jahrespause für Susanna und ihr Kind begann, kam bereits im Mai zur Zusage unseres wichtigsten Dozenten, unseres klügsten und besten Dozenten: Dr. Dietmar Mielke. Die ProfessorInnen Helmut Seidel und Martina Thom, diese beiden Glanzlichter, waren zwar von Anfang an präsent, aber als Dr. Mielke sagte, dass er bei der Gründungssitzung des Studentenrats dabei ist, hatten wir es erreicht. Sie fand am 24.9.1989 in zwei Hörsälen der KMU Leipzig statt. Frau Professor Thom hatte alles, alles organisiert – ohne sie war es gar nicht vorstellbar! Danke! Es sollen 6000 Studierende dabeigewesen sein. An diesem Tage wurde der erste neu gewählte Studentenrat Europas gewählt.
      • Leserbrief von Onlineabonnent/in Franz S. (19. Dezember 2025 um 13:42 Uhr)
        Weltsensation am 24. September 1989: »Der erste neu gewählte Studentenrat Europas«! Die zeitliche Nähe zur sogenannten friedlichen Revolution (auf deutsch: Konterrevolution) springt ins Auge. Waren die 6000 Studierenden Teil davon?

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