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Aus: Ausgabe vom 22.06.2024, Seite 7 / Ausland
Wagner-Putsch

Scheitern eines Abenteurers

Jahrestag der »Wagner«-Revolte. Als staatsnaher »Businessman« stieß Jewgeni Prigoschin in Marktlücken, wurde zum Söldnerführer und am Ende zum Putschisten
Von Harald Projanski
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Ehrung für Jewgeni Prigoschin (l.) und Dmitri Utkin, der die »Wagner«-Operationen leitete, in Nowosibirsk (27.8.2023)

Als die verfaulte Staatspartei KPdSU die Volkswirtschaft zur Plünderung freigab, bekamen auch junge Männer eine Chance, die in der Sowjetunion nicht wegen ihrer politischen Überzeugung im Gefängnis gesessen hatten. Zu diesen Leuten gehörte der 1961 in Leningrad geborene Jewgeni Prigoschin. Wegen Raubes und Betrugs jahrelang inhaftiert, avanciert er im neuen Russland zum Jungunternehmer. Die Spielregeln des Beamtenkapitalismus hatte Prigoschin schnell begriffen. So lernte er in den neunziger Jahren den Vizebürgermeister von Sankt Petersburg kennen, Wladimir Putin. Mit ihm verband ihm der Hang zu sarkastischem Humor, zu Männerfreundschaften und pragmatischen Absprachen.

Prigoschin avancierte vom Hot-dog-Verkäufer zum Restaurantbetreiber, in dessen Lokal sich auch die Führungsriege der Hafenstadt einfand. Mit dem Aufstieg Putins, zum Präsidenten Russlands im Jahre 2000 eröffneten sich für Prigoschin neue Perspektiven.

Als Caterer für Events der Staatsführung gewann er Geld und Einfluss. Dieses Startkapital setzte er ein, als die Staatsführung im Konflikt um die prorussische Region Donbass am Ostrand der Ukraine ab 2014 Bedarf an virtuosen Helfern nichtstaatlicher Provenienz hatte. Die von Prigoschin kontrollierte Söldnertruppe »Wagner« agierte in Konfliktgebieten vom Donbass über Syrien bis in die Zentralafrikanische Republik.

Mit Putins Segen

Prigoschins große Stunde kam mit der am 24. Februar 2022 begonnenen »speziellen Militäroperation« in der Ukraine. In die dortigen Kämpfe griff Prigoschin mit der »Wagner«- Truppe ein, für die er mit Putins Segen zu Tausenden Männer aus Gefängnissen und Straflagern erwarb. Prigoschin rekrutierte selbst in den Knästen. Es fiel ihm nicht schwer, diese Klientel für seine Kampftruppe zu werben, Amnestie nach sechs Monaten Dienst inklusive. Doch die militärischen Erfolge, darunter die Eroberung der Stadt Bachmut (bis 2016 Artemiwsk, russisch Artjomowsk), stiegen Prigoschin zu Kopfe.

Ab Herbst 2022 begann er öffentlich im Gangsterjargon den Verteidigungsminister Sergej Schoigu zu beschimpfen. Dafür hatte er das Plazet Putins und den Beifall vieler putinloyaler Soldaten, Offiziere und auch Journalisten, bei denen Prigoschin bald eine populäre Figur wurde. Auch der Vorsitzende der auf sozialdemokratisch geschminkten staatsnahen Partei »Gerechtes Russland«, zeigte sich öffentlich von Prigoschin begeistert.

Dieses Echo wirkte auf den mental junggebliebenen Prigoschin wie politisches Ecstasy. Mit der feinen Intuition eines Berufskriminellen für Schwächen des Staates trieb er Schoigu, so schien es, monatelang vor sich her. Schließlich führte er am 23. Juni 2023 eine Revolte seiner »Wagner«- Truppe an, die in die südrussische Stadt Rostow am Don einrückte. Prigoschin proklamierte einen »Marsch für Gerechtigkeit« für ein Russland ohne Korruption und befahl seinen Kämpfern am 24. Juni, mit bewaffneten Konvois Richtung Moskau zu fahren. Beim Vorrücken der Putschisten kam es zu Kämpfen mit der Armee, bei der Soldaten getötet wurden.

Putin bezeichnete die Revolte im Fernsehen als »kriminelles Abenteuer« und »schweres Verbrechen«. Die Anführer der Rebellion, so der Präsident, hätten »Russland verraten«. Sie erwarte nun eine »unausweichliche Bestrafung«. Die »Maßnahmen zur Verteidigung des Vaterlandes« gegen die Aufrührer würden »hart« sein. Denn »jeder innere Aufruhr«, so der russische Präsident, sei »eine tödliche Bedrohung für unsere Staatlichkeit«.

In der Moskauer Region fanden die Putschisten keinerlei Unterstützung, weshalb sie nahe der Stadt Woronesch südlich der Hauptstadt stoppten. Vermittelt von Putin, bot ihm der belarussische Präsident Alexander Lukaschenko Asyl an. Doch ein beschaulicher Lebensabend auf einer Datsche als Pilzsammler im belarussischen Wald passte ebensowenig zu Prigoschin wie Straffreiheit für einen Putschisten zur Logik des russischen Machtsystems. Ein politischer Schauprozess gegen Prigoschin aber hätte unangenehme Fragen zur Förderung dieses russischen Wallenstein-Pendants für den Staat nach sich gezogen. So entsprach es der historischen Logik russischer Machtkämpfe, dass am 23. August 2023, nur zwei Monate nach dem Putsch, das Privatflugzeug Jewgeni Prigoschins mit ihm und »Wagner«-Führungsleuten in der Nähe der nordwestrussischen Ortschaft Kuschenkino im Gebiet Twer wie ein Stein vom Himmel fiel. Dass staatsnahe Journalisten danach in Telegram-Kanälen fabulierten, womöglich hätten angelsächsische Geheimdienste Prigoschin nach dem Leben getrachtet, rundete das filmreife Drama ab.

Schwachstellen aufgedeckt

Putin erwies sich, wie immer man seine Methoden bewerten mag, als Sieger auf der ganzen Linie. Denn der Prigoschin-Putsch hatte Schwachstellen des Putinschen Systems aufgedeckt: Vor allem die korrupte und klanmäßige Führungsstruktur im Verteidigungsministerium, die sich in doppelter Hinsicht als Störfaktor im Krieg erwiesen hatte. Sie behinderte militärische Erfolge und nährte eine Proteststimmung auch unter Loyalisten, die der Putschist Prigoschin zu nutzen versuchte.

Auch wenn das System Putin auf den ersten Blick an den beiden Putschtagen verwundbar erschien, führte die gescheiterte Rebellion zur Festigung der Herrschaft Wladimir Putins. Putschprophylaxe gilt heute mehr denn je in Moskau als Maxime. Verteidigungsminister Schoigu wurde knapp ein Jahr nach dem Putsch zum eher repräsentativen Sekretär des Sicherheitsrates degradiert, die korruptionsverdächtige Führungsriege des Ministeriums ausgetauscht.

Eine große Söldnertruppe, womöglich putschfähig, als zweiter Waffenträger neben der Armee wird es in Russland nicht mehr geben. Die »Wagner«- Reste vor allem in Afrika wurden unter Aufsicht des Generalstabes gestellt. Private Kampftruppen staatseigener Unternehmen wie Gasprom und Roskosmos werden so kalibriert und kontrolliert, dass Staatsstreichpläne gar nicht erst aufkommen.

Dennoch bleibt als Nachgeschmack der Prigoschin-Affäre der Eindruck, dass politische Konflikte in Russland womöglich auch künftig nicht vor Gericht, sondern vor Gewehrläufen geklärt werden.

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