Seoul wird US-Raketen (nicht) los
Von Martin Weiser, Seoul
Als vor zehn Jahren das hochmoderne THAAD-Raketenabwehrsystem der USA in Südkorea stationiert wurde, sorgte das für allerhand Streit. Schließlich rückte die bis dahin noch recht beschauliche Idylle von Seongju damit auf der Liste der Ziele im Kriegsfall weit nach oben. Zumindest die Abfangraketen des THAAD braucht die US-Armee nun aber im Nahen Osten, um ihren Krieg gegen Iran aufrechtzuerhalten.
Beim THAAD handelt es sich um ein Hochleistungsdefensivsystem, das die Lenkung von Dutzenden »Patriot«-Abfangraketen koordiniert und dafür eine extrem teure Radaranlage benötigt, Kostenpunkt: eine Milliarde Dollar. Weltweit sollen die USA lediglich acht dieser Raketenbatterien im eigenen Betrieb haben, eine davon in Südkorea. Wie sich im jüngsten Krieg allerdings schnell herausstellte, war es Iran möglich, die Raketenabwehr in der Region so sehr zu dezimieren, dass diese ohne neue »Patriots« bald untauglich ist. Weil die Neuproduktion viel zu lange dauern würde, sammelt Washington jetzt wieder eifrig die Raketen ein, die es vorher weltweit stationiert hatte.
Schon vergangene Woche hatte Außenminister Cho Hyun bekanntgegeben, dass mit den USA über eine Verlegung diskutiert werde. Präsident Lee Jae Myung meinte am Dienstag, man könne sich dem Willen der USA in dieser Beziehung aber auch nicht wirklich widersetzen. Die militärische »Abschreckung« gegen Nordkorea – denn diese war der Hintergrund der südkoreanischen Sorgen um das System – bestehe aber auch weiterhin.
Laut einem Bericht der Yonhap News Agency vom Mittwoch seien vor kurzem sechs der THAAD-Raketenfahrzeuge im Osan-Luftwaffenstützpunkt eingetroffen und hätten bis zu 48 Raketen für den Weiterflug in den Nahen Osten abgeliefert. Wie viele noch in Südkorea verbleiben, ist unbekannt. Allerdings zeigt sich im Iran-Krieg zur Zeit auch, dass es zweifelhaft ist, ob diese Menge Raketen bei einem militärischen Konflikt mit dem Norden überhaupt einen merklichen Unterschied gemacht hätte. Schon seit Jahren präsentiert Pjöngjang regelmäßig neue Waffensysteme, die im Ernstfall zu Überschallgeschwindigkeit und Ausweichmanövern in der Lage wären, also vielleicht gar nicht abzufangen sind.
Südkoreas regierende Demokratische Partei und ihr Präsident Lee Jae Myung mögen den Abzug öffentlich bedauern, weinen dem Ganzen aber wahrscheinlich keine Träne nach. Schließlich hatte die THAAD-Stationierung 2016 schwere diplomatische Verwerfungen mit China zur Folge gehabt, die sich jetzt vielleicht lösen lassen. Denn das THAAD-Radar verfolgt nicht nur alle Raketenstarts im Norden, sondern auch bis weit in chinesisches und russisches Territorium hinein. Die rechtskonservative Präsidentin Park Geun Hye hatte die Stationierung in den letzten Monaten ihrer Amtszeit durchgedrückt. Ihr progressiver Nachfolger Moon Jae In (Mai 2017–2022) steuerte ebenfalls nicht wesentlich gegen. Im Juni 2017 flammte die Debatte zwar wieder etwas auf, weil Moon kurz nach seinem Amtsantritt die Stationierung weiterer Raketenfahrzeuge auf Eis legte. Wenig später ließ er diese Blockade aber fallen.
Bis Südkorea neue THAAD-Abfangraketen bekommt, dürfte es etwas dauern. Nach dem noch nicht absehbaren Ende des Kriegs gegen Iran würden wohl zunächst die US-Verbündeten in der Region ausgestattet. Südkoreas Präsident Lee indes ist für seinen Pragmatismus bekannt – gut möglich, dass intern schon beraten wird, ob man das US-Waffensystem bei der Gelegenheit nicht gleich ganz loswird. China wäre das Ende der Ausspähung sicherlich einige Zugeständnisse wert, und die Analyse von Raketenstarts in der Demokratischen Volksrepublik im Norden könnte Seoul wohl auch anderweitig bewerkstelligen.
Wäre da nur nicht die rechte People Power Party. Diese versucht bereits seit gut einem Jahr, ihren Absturz in die Bedeutungslosigkeit durch Förderung von Chinafeindlichkeit und Panik vor der militärischen Bedrohung aus Pjöngjang aufzuhalten. Ein kompletter Abzug des THAAD wäre für sie ein gefundenes Fressen.
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