Aus: Ausgabe vom 17.07.2017, Seite 3 / Schwerpunkt

Das Gegenteil von Deeskalation

Das US-Raketensystem THAAD in Südkorea trägt zur wachsenden Kriegsgefahr auf der Halbinsel bei

Von Claudia Haydt
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Ein Teil des US-Raketensystems THAAD im südkoreanischen Seongju im Juni 2017

Die Stationierung des THAAD-Raketenabwehrsystems (Terminal High Altitude Area Defense) in Südkorea war ursprünglich für Ende des Jahres 2017 geplant. So war es mit der Regierung von Park Geun Hye vereinbart. Nachdem diese aber abgesetzt worden war und feststand, dass es vor dem vereinbarten Stationierungstermin Neuwahlen geben würde, räumte die US-Regierung der Raketenlieferung höhere Priorität ein. Der gerade erst ernannte US-Verteidigungsminister James Mattis reiste Anfang Februar nach Südkorea, um noch mit Angehörigen der alten Regierung über eine zügige Installation des THAAD zu verhandeln. Innerhalb kürzester Zeit wurde daraufhin das Grundstück für die Stationierung bereitgestellt und das Abwehrsystem verschifft. Wieviel Druck auf den Besitzer des Grundstücks, den südkoreanischen Lebensmittelkonzern Lotte, ausgeübt wurde, ist unklar. Er muss erheblich gewesen sein, da China nicht still zusah und Lotte mit Sanktionen strafte. Der Konzern betreibt 115 Geschäfte in der Volksrepublik, er erzielt dort Milliardenumsätze. Mehrere dieser Geschäfte wurden bereits geschlossen, zusätzlich wurde in China über staatliche Medien zu einem Boykott südkoreanischer Produkte aufgerufen. Dieser Wirtschaftskrieg könnte für Seouls Ökonomie weitreichende Auswirkungen haben.

Beijing befürchtet, dass THAAD gezielt der Einkreisung und Schwächung Chinas dient. Es gibt gute Gründe für diese Befürchtungen. Das Abwehrsystem besteht aus zwei wesentlichen Komponenten, den Raketenwerfern und dem THAAD-Radar. Dieser kann in zwei Modi betrieben werden. Im TM-Modus (»Terminal mode«) ist die Reichweite mit 600 Kilometern weitgehend auf die Erfassung möglicher Luftangriffe aus Nordkorea begrenzt. Im FB-Modus (»Forward based mode«) können jedoch Starts und Flugbewegungen bis in etwa 3.000 Kilometern Entfernung überwacht werden. Beide Modi benötigen die gleiche Hardware, lediglich die Software unterscheidet sich. Sie kann aber innerhalb weniger Stunden installiert werden. Die USA haben mit THAAD die technische Möglichkeit, eventuelle Bewegungen von chinesischen Mittel- und Langstreckenraketen zu überwachen. Durch diese Fähigkeit lässt sich die Dominanz der USA in der Pazifikregion zementieren. Dies ist nicht zuletzt im Kontext des 2012 proklamierten »Pivot to Asia«, des strategischen Schwenks in Richtung des Pazifikraums, von Bedeutung.

Im April sorgte Donald Trump für Schlagzeilen, als er forderte, dass die Südkoreaner nicht nur die Stationierung von THAAD akzeptieren, sondern auch noch eine Milliarde Dollar dafür zahlen sollten. Dies wurde wohl von vielen Menschen als Zumutung verstanden und trug möglicherweise mit dazu bei, dass die konservativen, »proamerikanischen« Kandidaten keine Chance hatten und der liberale Moon die Präsidentschaftswahlen gewinnen konnte. Die USA setzten die Stationierung zusätzlicher THAAD-Komponenten auch nach der Wahl von Moon offensichtlich fort, ohne diesen darüber zu informieren. Moon hat daraufhin eine Untersuchung angeordnet, die aufklären soll, warum er von den US-Verbündeten und möglicherweise von seinen eigenen Militärs hintergangen wurde. Nun versucht er, mittels Umweltverträglichkeitsprüfungen noch weitere Stationierungen aufzuhalten. Ob er damit Erfolg haben wird, bleibt ungewiss.

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