Hirse (3)
Von Helmut Höge
Die bolschewistische Nomenklatur auf dem Land – Dorfarme, Mittelbauern, Kulaken – führte zu einer ebenso seltsamen wie überraschenden Biopolitik, die die Klassenherkunft wie früher die Rang- und Rasseabstammung anwandte. So mussten zum Beispiel die Arbeiter in dem Roman »Waska in der Unterwelt« (1989) von Sergej Antonow verheimlichen, dass ihre Kollegin ein aus der sibirischen Verbannung geflüchtetes Kulakenmädchen war. »Soll man sie bei der Miliz anzeigen oder nicht?« Erst als sie Bestleistungen erbringt, kann sie sich langsam mit Unterstützung ihres Brigadiers von ihrem Geburtsmakel »befreien«.
Stalin verkündete 1929: »Das bedeutet, dass wir von der Politik der Einschränkung der Ausbeutertendenzen des Kulakentums übergegangen sind zur Politik der Liquidierung des Kulakentums als Klasse.« Gegenüber Churchill erwähnte er später einmal die Zahl »zehn Millionen«, die davon betroffen waren – also enteignet, erschossen oder verbannt wurden. Wie einfach es damals war, Menschen ins Gefängnis zu bringen, beschrieb Wassili Grossmann 1955 in seiner Erzählung »Alles fließt«, die erst 1989 veröffentlicht werden durfte, aber dann sofort vergriffen war, auch in der DDR im Jahr darauf. »Die Denunziationen gingen dem Haftbefehl voraus, begleiteten das Ermittlungsverfahren und spiegelten sich im Urteil. Diese Megatonnen von verlogenem Denunziationsmaterial waren es wohl, die bestimmten, welche Namen auf die Listen der entkulakisierten Bauern kamen, die, ihrer Stimme und ihres Passes beraubt, verbannt und erschossen worden waren.« Die Leute betrachteten die Kulaken »wie Vieh, wie Schweine, alles an den Kulaken ist widerwärtig – sie haben keine Persönlichkeit und keine Seele, sie stinken, alle sind geschlechtskrank und vor allem Volksfeinde, die fremde Arbeitskraft ausbeuten«, resümiert Grossmann.
In den Dörfern selbst hatte sich jedoch ebenfalls etwas getan: Erst erlangten immer mehr mittlere Bauern die Kontrolle über die Sowjets, die Vertretung der Regierung auf dem Land, dann ließen sich hier und da auch schon Kulaken zu Kolchosvorsitzenden wählen. Siehe dazu: Diana Sieberts »Bäuerliche Alltagsstrategien in der Belarussischen SSR (1921–1941)«.
Mit der Zeit gerieten überdies bei der auf Anwendung bedachten »proletarischen Biologie« von Lyssenko die »konkreten Bedingungen« der Praxis immer mehr aus dem Blickfeld. Ein Beispiel aus der DDR: Der spätere Produktionsleiter Hans-Peter Hartmann schloss 1973 an der LPG-Hochschule in Meißen sein Studium zum Diplom-Agraringenieur ab. Seine Abschlussarbeit bestand aus »Vorschlägen zur Erweiterung und rationelleren Nutzung moderner Milchproduktionsanlagen«. Um dafür die Note eins oder zwei zu bekommen, musste man eine noch nicht ins Deutsche übersetzte sowjetische Arbeit als Quelle benutzt haben, die meist von der »Mitschurinschen Biologie« beeinflusst war. Hartmann fand eine von Admin und Sawsan aus dem Versuchsbetrieb Kutusowska, in der es unter anderem darum ging, den Färsen zweimal täglich die Euter zu massieren: Das würde die Milchleistung später um ca. einen Liter täglich erhöhen. Als »Praktiker« nahm Hartmann diese Empfehlung jedoch selbst nicht ernst. Ähnlich wurden damals viele lyssenkistische Empfehlungen in der Tier- und Pflanzenproduktion aufgenommen.
Häufig gerieten die Vorgaben der Wissenschaftler und ihrer Forschungstationen mit den Plänen der Kolchosen sogar in offenen Widerspruch. So berichtet etwa der Leiter des Instituts zur Erforschung der Binnengewässer in Borok, Iwan Papanin, dass sie bei ihrem Vorhaben, die Fischzucht und Fangergebnisse in den Stauseen der Mittleren Wolga zu verbessern, mit den Interessen der dortigen Fischereikolchosen kollidierten. Diese arbeiteten, um ihren Plan schnell und kräftesparend zu erfüllen, ausgerechnet in der Laichzeit rund um die Uhr und dazu noch mit äußerst engmaschigen Netzen – was ihnen dann von den Wissenschaftlern verboten wurde. Die Mitarbeiter der Station gingen zur Kontrolle ihrer Anordnungen selbst bewaffnet auf Patrouille.
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Leserbrief von Onlineabonnent/in Franz S. (4. März 2026 um 14:20 Uhr)Meine Vorrednerin Martina D. hat ja schon einiges gesagt. Ein ziemlich gehässiger, antikommunistischer Artikel des Autors, der sich gern in der Pose des Rauchers sieht. So hat man die Titelhelden in den 1940er bis 1960er Jahren präsentiert: Cool, lässig, souverän wie Humphrey Bogart. Im Umgang mit Zitaten ist Helmut Höge – vorsichtig formuliert – nicht gerade zimperlich. Ein Zitat Stalins wird in einem Atemzug mit der angeblichen Erschießung von Kulaken genannt. Dabei sprach Stalin von der »Liquidierung des Kulakentums als Klasse (!)« Genauso verhält es sich mit den Kronzeugen, die aufgefahren werden. Dass die Romane von Sergej Antonow und Wassili Grossmann erst 1989, also auf dem Höhepunkt der Perestroika, erscheinen konnten, sollte eigentlich zu denken geben. Egon Krenz, der Gorbatschow lange Zeit nicht durchschaut hatte, schreibt im Artikel »Der Totengräber der Sowjetunion« in nd vom 27.12.2021: »Inzwischen soll Gorbatschow in einer Rede an der amerikanischen Universität in Ankara im Jahre 1999 gesagt haben: ›Mein Lebensziel war die Zerschlagung des Kommunismus … Am meisten konnte ich dafür in den höchsten Funktionen tun. Ich musste die gesamte Führung der UdSSR entfernen. Ich musste auch die Führung in den sozialistischen Staaten beseitigen.‹ Da ich diese Aussage für unglaublich hielt, fragte ich schriftlich bei ihm an, ob das Zitat korrekt sei. Eine Antwort erhielt ich nicht. Da gilt wohl die alte Weisheit: Keine Antwort ist auch eine Antwort.« Das sagt viel über das antikommunistische politische Klima, in dem die oben genannten Romane »endlich« erscheinen konnten.
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Leserbrief von Onlineabonnent/in Joachim S. aus Berlin (3. März 2026 um 09:36 Uhr)Helmut Höge liest offensichtlich viel. Vielleicht könnte er das auch einmal mit der Broschüre »Junkerland in Bauernhand« der Internationalen Forschungsstelle DDR (www.ifddr.org) tun. Er würde darin manches finden, was an sozialistischer Landwirtschaftspolitik doch drangewesen sein könnte.
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Leserbrief von Onlineabonnent/in Martina D. aus 15306 Vierlinden (3. März 2026 um 08:14 Uhr)Wie instinktlos ist das, wenn man sich derart zynisch mit aus dem Zusammenhang gerissenen, offenbar zufällig aufgegabelten »Fakten« über die Landwirtschaft der SU und der DDR lustig macht? Das ist voll daneben – angesichts heutiger Zeiten! Die Entwicklung der Landwirtschaft, der Kollektivierung in sozialistischen Ländern wären wichtige Themen für gründliche Recherchen, aber dann bitte von Fachleuten. Nebenbei gesagt hat sich die DDR selber ernährt und nicht die Völker der halben Welt ausgebeutet.
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Leserbrief von Onlineabonnent/in Heinrich H. aus Stadum (3. März 2026 um 13:31 Uhr)Gerade »angesichts heutiger Zeiten« ist es angebracht, sich mit solchen Themen zu beschäftigen. Im Rahmen dieser Kolumne kann Helmut Höge logischerweise nur Einzelbeispiele herausgreifen. Dass er dabei anekdotisch vorgeht, darf man ihm nicht verübeln. Wer sich gründlich mit Kollektivierung und dergleichen beschäftigen will, findet in der jW gute Hinweise. Hier einer: Luxus inmitten der Armut, Ausgabe vom 26.04.2003, www.jungewelt.de/artikel/36578.luxus-inmitten-der-armut.html . Zur Fachkompetenz von Helmut Höge kann frau sich auch in der jW informieren. In der Archivsuche (www.jungewelt.de/suche/) das Auswahlkästchen »Nur in Über- und Unterüberschriften suchen« aktivieren und darunter »Helmut Höge« eingeben, die ersten hundert Treffer lesen und dann weiter lamentieren.
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Leserbrief von Onlineabonnent/in Franz S. (4. März 2026 um 11:04 Uhr)Bei Werner Röhr, Autor des von Ihnen empfohlenen Artikels »Luxus inmitten der Armut«, handelt es sich offensichtlich um einen Wendehals bzw. Revisionisten. Der Artikel unterscheidet sich nicht im Geringsten von ähnlichen Machwerken der bürgerlichen Medien. Es ist sogar so, dass es auch bürgerliche Historiker gibt, die wesentlich fairer über die Aufbauzeit in der Sowjetunion berichten. Röhr hingegen schreckt vor Geschichtsfälschung nicht zurück. Der Platz reicht hier nicht, um die ganzen Fehler und Fälschungen aufzuzählen, deshalb nur ein Beispiel: »Das Bruttosozialprodukt stieg bis 1940 jährlich um rund sechs Prozent, die Arbeitsproduktivität lag auch in den Zweigen der Schwer- und Rüstungsindustrie erheblich unter der Westeuropas und der USA« Dazu KI: »Die Sowjetunion verzeichnete in den 1930er Jahren während der ersten beiden Fünfjahrespläne (1928–1937) extrem hohe, teils zweistellige Zuwachsraten in der industriellen Produktion (…) Industrielle Produktion: Die Produktion stieg im Zeitraum 1928–1937 um das 2,5- bis 3,5-fache, was einer jährlichen Wachstumsrate von ca. 10,5 % bis 16 % entsprach. Schwerindustrie: Besonders die Bereiche Kohle, Stahl und Maschinenbau wuchsen extrem schnell, wobei die industrielle Produktion zwischen 1929 und 1933 teilweise verdoppelt wurde. Erster Fünfjahresplan (1928–1932): Ziel war eine Steigerung der Gesamtproduktion um 250 %, die Kohleproduktion sollte um über 330 % steigen. Zweiter Fünfjahresplan (1933–1937): Setzte den Fokus fort, die industrielle Produktion vervierfachte sich in den ersten beiden Plänen (1928–1938) insgesamt.« Fazit: Ohne diese gewaltige Leistung kein Sieg über den Faschismus. Und: KI erfindet ja nichts, es gibt nur das wieder, was bürgerliche und sozialistische Historiker schreiben.
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