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Aus: Ausgabe vom 18.02.2026, Seite 14 / Feuilleton

Rotlicht: Multipolarität

Von Marc Püschel
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Auch eine multipolare Ordnung. Karikatur zur Aufteilung Europas auf dem Wiener Kongress 1815

Nach einer Phase der Bipolarität zwischen dem sozialistischen und dem kapitalistischen Lager nach 1945 und der Unipolarität nach 1990 mit den USA als Welthegemon treten wir – so verkünden fast unisono alle politischen Kommentatoren – nun in eine Phase der Multipolarität ein. Viele sehen darin ein anzustrebendes politisches Ziel. Dem scheint die Vorstellung zugrunde zu liegen, dass eine Weltordnung, in der es viele statt wenige Machtzentren gibt, ein System sei, in der alle Staaten relativ ungestört ihren Weg verfolgen und unterschiedliche Gesellschaftsordnungen aufbauen können. Ausgesprochen wird dies freilich nicht, schließlich müsste man diese Vorstellung dann mit der Realität abgleichen.

Schaut man auf multipolare Ordnungen in der Geschichte, so zeigt sich kein Zustand, in dem alle Staaten ihr Ding machen können, sondern einer, in dem alle versuchen müssen, mitzumischen, wenn sie nicht unter die Räder geraten wollen. Hinsichtlich der Herausbildung der Pentarchie (Frankreich, England, Österreich, Preußen, Russland) in Europa nach dem Westfälischen Frieden 1648 fallen zwei Charakteristika sofort auf: eine Tendenz zur »Entideologisierung« der Außenpolitik sowie ständige Bündniswechsel und Kriege zwischen den Mächten. Der weltanschauliche Gegensatz zwischen Katholizismus und Protestantismus wurde außenpolitisch belanglos und selbst jahrhundertealte Feinde wie die Bourbonen und Habsburger konnten quasi über Nacht zu Verbündeten werden.

Viele Linke haben aber ein bipolares Verständnis von Multipolarität. Sie führen das Wort im Munde, denken sich aber einen stabilen Dualismus à la Kalter Krieg – der »Westen« gegen den Rest. Dabei deutet es sich bereits an, dass die neue Multipolarität nicht so übersichtlich zu haben ist wie gewünscht. Donald Trump zeigt sich längst offen dafür, sich auf Kosten der EU mit Wladimir Putin zu verständigen, auch um einen Keil zwischen Russland und China zu treiben. Gelingt diese Annäherung, wären wiederum Deutschland und Co. genötigt, sich diplomatisch und ökonomisch auf die Volksrepublik zuzubewegen. Ein solches Szenario ist nicht unrealistischer als es zum Beispiel im Jahre 1894 die plötzliche Neuorientierung Russlands weg vom Deutschen Reich hin zu Frankreich war.

Eine Linke, die glaubt, es genüge, sich in der neuen Unübersichtlichkeit an einem bestimmten Block – etwa dem in sich heterogenen der BRICS-Staaten – zu orientieren, wird jeder dieser Bündniswechsel nur in weitere Spaltungen treiben. Das Bedürfnis nach klarer geopolitischer Parteinahme führt dazu, Staaten eine weltanschaulich geprägte Außenpolitik zu unterstellen, wo diese schon längst nur noch reine Machtpolitik verfolgen. Das betrifft nicht nur die USA, die ihr Einflussorgan USAID aufgelöst haben und offenbar darauf verzichten, mit einem Regime-Change Venezuela »Demokratie« zu bringen, solange die dortige Regierung pariert. Das betrifft auch Russland, das für seinen Einmarsch in die Ukraine antifaschistische Motive vorschob, während man zugleich gute Beziehungen zu europäischen Rechten wie Le Pen pflegte. Das betrifft selbst die Volksrepublik China, die zwar nicht imperialistisch agiert, aber auf internationalem Parkett (fast) nur noch taktisch operieren kann. Dies wurde im Januar 2026 einmal mehr deutlich, als AfD-Chef Tino Chrupalla von Ma Hui, einem stellvertretenden Minister der Internationalen Abteilung des ZK der KP China, empfangen wurde.

Dabei hat die Wahl der Verbündeten in der multipolaren Weltordnung wenig mit dem Willen der Regierenden zu tun. Vielmehr ist, wer sich seine Bündnispartner nach deren politischer Ausrichtung aussucht und sich damit von vornherein in der Auswahl einschränkt, gegenüber rein machttaktisch agierenden Staaten immer im Hintertreffen. In der multilateralen Konkurrenz schleifen sich die Staaten gegenseitig ihre Ideologien ab. In dieser Gemengelage gilt es, sich eine eigene Position und einen nüchternen Blick auf die Interessen der Staaten zu bewahren, wenn man an dem Ziel der weltweiten Befreiung der Arbeiterklasse festhalten will. Die multipolare Weltordnung ist eine, mit der Marxisten rechnen müssen. Aber es ist nicht die Weltordnung der Marxisten.

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