Rotlicht: Multipolarität
Von Marc Püschel
Nach einer Phase der Bipolarität zwischen dem sozialistischen und dem kapitalistischen Lager nach 1945 und der Unipolarität nach 1990 mit den USA als Welthegemon treten wir – so verkünden fast unisono alle politischen Kommentatoren – nun in eine Phase der Multipolarität ein. Viele sehen darin ein anzustrebendes politisches Ziel. Dem scheint die Vorstellung zugrunde zu liegen, dass eine Weltordnung, in der es viele statt wenige Machtzentren gibt, ein System sei, in der alle Staaten relativ ungestört ihren Weg verfolgen und unterschiedliche Gesellschaftsordnungen aufbauen können. Ausgesprochen wird dies freilich nicht, schließlich müsste man diese Vorstellung dann mit der Realität abgleichen.
Schaut man auf multipolare Ordnungen in der Geschichte, so zeigt sich kein Zustand, in dem alle Staaten ihr Ding machen können, sondern einer, in dem alle versuchen müssen, mitzumischen, wenn sie nicht unter die Räder geraten wollen. Hinsichtlich der Herausbildung der Pentarchie (Frankreich, England, Österreich, Preußen, Russland) in Europa nach dem Westfälischen Frieden 1648 fallen zwei Charakteristika sofort auf: eine Tendenz zur »Entideologisierung« der Außenpolitik sowie ständige Bündniswechsel und Kriege zwischen den Mächten. Der weltanschauliche Gegensatz zwischen Katholizismus und Protestantismus wurde außenpolitisch belanglos und selbst jahrhundertealte Feinde wie die Bourbonen und Habsburger konnten quasi über Nacht zu Verbündeten werden.
Viele Linke haben aber ein bipolares Verständnis von Multipolarität. Sie führen das Wort im Munde, denken sich aber einen stabilen Dualismus à la Kalter Krieg – der »Westen« gegen den Rest. Dabei deutet es sich bereits an, dass die neue Multipolarität nicht so übersichtlich zu haben ist wie gewünscht. Donald Trump zeigt sich längst offen dafür, sich auf Kosten der EU mit Wladimir Putin zu verständigen, auch um einen Keil zwischen Russland und China zu treiben. Gelingt diese Annäherung, wären wiederum Deutschland und Co. genötigt, sich diplomatisch und ökonomisch auf die Volksrepublik zuzubewegen. Ein solches Szenario ist nicht unrealistischer als es zum Beispiel im Jahre 1894 die plötzliche Neuorientierung Russlands weg vom Deutschen Reich hin zu Frankreich war.
Eine Linke, die glaubt, es genüge, sich in der neuen Unübersichtlichkeit an einem bestimmten Block – etwa dem in sich heterogenen der BRICS-Staaten – zu orientieren, wird jeder dieser Bündniswechsel nur in weitere Spaltungen treiben. Das Bedürfnis nach klarer geopolitischer Parteinahme führt dazu, Staaten eine weltanschaulich geprägte Außenpolitik zu unterstellen, wo diese schon längst nur noch reine Machtpolitik verfolgen. Das betrifft nicht nur die USA, die ihr Einflussorgan USAID aufgelöst haben und offenbar darauf verzichten, mit einem Regime-Change Venezuela »Demokratie« zu bringen, solange die dortige Regierung pariert. Das betrifft auch Russland, das für seinen Einmarsch in die Ukraine antifaschistische Motive vorschob, während man zugleich gute Beziehungen zu europäischen Rechten wie Le Pen pflegte. Das betrifft selbst die Volksrepublik China, die zwar nicht imperialistisch agiert, aber auf internationalem Parkett (fast) nur noch taktisch operieren kann. Dies wurde im Januar 2026 einmal mehr deutlich, als AfD-Chef Tino Chrupalla von Ma Hui, einem stellvertretenden Minister der Internationalen Abteilung des ZK der KP China, empfangen wurde.
Dabei hat die Wahl der Verbündeten in der multipolaren Weltordnung wenig mit dem Willen der Regierenden zu tun. Vielmehr ist, wer sich seine Bündnispartner nach deren politischer Ausrichtung aussucht und sich damit von vornherein in der Auswahl einschränkt, gegenüber rein machttaktisch agierenden Staaten immer im Hintertreffen. In der multilateralen Konkurrenz schleifen sich die Staaten gegenseitig ihre Ideologien ab. In dieser Gemengelage gilt es, sich eine eigene Position und einen nüchternen Blick auf die Interessen der Staaten zu bewahren, wenn man an dem Ziel der weltweiten Befreiung der Arbeiterklasse festhalten will. Die multipolare Weltordnung ist eine, mit der Marxisten rechnen müssen. Aber es ist nicht die Weltordnung der Marxisten.
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Leserbrief von Onlineabonnent/in Franz Schoierer (20. Februar 2026 um 11:34 Uhr)»Das betrifft nicht nur die USA, die ihr Einflussorgan USAID aufgelöst haben und offenbar darauf verzichten, mit einem Regime-Change Venezuela ›Demokratie‹ zu bringen, solange die dortige Regierung pariert. Das betrifft auch Russland, das für seinen Einmarsch in die Ukraine antifaschistische Motive vorschob, während man zugleich gute Beziehungen zu europäischen Rechten wie Le Pen pflegte. Das betrifft selbst die Volksrepublik China, die zwar nicht imperialistisch agiert (…)« Schon die Gleichstellung von USA und Russland ist abenteuerlich und diffamierend. Und wenn Püschel großzügigerweise anerkennt, dass China »nicht imperialistisch agiert«, heißt das ja im Kontext dieser drei Sätze nichts anderes, dass auch Russland des Imperialismus verdächtigt wird. Haben das Merz und die anderen Kriegstreiber nicht auch schon gesagt? Oberflächlicher gehts wohl nicht mehr. Apropos Oberflächlichkeit: Wenn Putin versucht, mit seiner Außenpolitik die Imperialisten zu spalten, heißt das noch lange nicht, dass er mit einer Le Pen politisch sympathisiert. Es liegt an der Schwäche der Linken in EU-Europa, wenn er die Rechten nutzt, um einen Keil in das imperialistische Lager zu treiben. Püschel verwechselt hier Taktik mit Strategie. Die Sowjetunion hat mit dem Nichtangriffsvertrag – in der bürgerlichen Geschichtsschreibung als »Pakt« bezeichnet – mit Nazi-Deutschland wertvolle Zeit gewonnen, um dann die Faschisten vernichtend zu schlagen. Würde Marc Püschel da auch von »guten Beziehungen« sprechen?
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Leserbrief von Uwe Schnabel aus Coswig (20. Februar 2026 um 11:23 Uhr)Ja, Multipolarität ist nicht die »Weltordnung der Marxisten«. Aber, wie im Artikel erwähnt, sie ermöglicht, eine unterschiedliche und wechselnde Wahl der Verbündeten, statt der bedingungslosen Unterwerfung unter eine Macht. Das gilt insbesondere, wenn diese Verbündeten, im Gegensatz z. B. zur EU bei der Ukraine, nicht den Abbruch der Beziehungen zu anderen Staaten verlangen. So kann die Linke aus der momentan relativ schwachen Position heraus durch geeignete Bündnispolitik doch ihre Lage verbessern, um erste Ziele zu erreichen und damit die Voraussetzung für die Erreichung ihrer Hauptziele zu schaffen. Somit ist es aus marxistischer Hinsicht sinnvoll, Multipolarität gegenüber Unipolarität zu bevorzugen, ganz unabhängig von den im Artikel unterstellten Motiven.
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Leserbrief von Istvan Hidy aus Stuttgart (19. Februar 2026 um 13:29 Uhr)Multipolarität bedeutet nicht automatisch Stabilität oder friedliche Koexistenz. Historisch waren multipolare Systeme – etwa in Europa nach 1648 oder im 19. Jahrhundert – durch flexible Bündnisse, Machtbalance und wiederkehrende Konflikte gekennzeichnet. Anders als im Kalten Krieg gibt es keine klaren ideologischen Blockgrenzen mehr. Staaten kooperieren zunehmend pragmatisch und interessengeleitet, selbst wenn politische Systeme stark voneinander abweichen. Ideologie spielt weiterhin eine Rolle in der Innenpolitik und zur Legitimation nach außen, ist jedoch für außenpolitische Entscheidungen meist nachgeordnet gegenüber strategischen Interessen wie Sicherheit, wirtschaftlicher Stabilität, Rohstoffzugang oder technologischer Entwicklung. Bündnisse sind daher weniger dauerhaft und stärker zweckorientiert. Selbst enge Partner können bei veränderten Interessenlagen ihre Ausrichtung ändern. Die heutige Multipolarität unterscheidet sich zudem von früheren Epochen durch nukleare Abschreckung, hohe wirtschaftliche Verflechtung und globale Lieferketten. Diese Faktoren wirken kriegshemmend, erhöhen aber zugleich die Komplexität und Anfälligkeit für regionale Konflikte oder wirtschaftliche Machtinstrumente. Insgesamt beschreibt Multipolarität eine Weltordnung mit mehreren handlungsfähigen Machtzentren, größerer strategischer Flexibilität und weniger klaren Frontlinien. Sie ist weder per se friedlicher noch zwangsläufig instabiler, sondern vor allem komplexer und stärker von taktischem Kalkül geprägt.
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Leserbrief von Joachim Seider aus Berlin (18. Februar 2026 um 14:59 Uhr)Über Multipolarität müssen wir ganz intensiv aus der Sicht der aktuellen Situation nachdenken, in der eine einzige imperialistische Großmacht versucht, der Welt mit teils räuberischen Mitteln ihren Stempel aufzudrücken. Multipolarität an sich ist weder gut noch böse, weder das Problem, noch ist sie die Lösung. Sie ist lediglich die heute einzig verbliebene Chance, den Sieg des großen Imperiums in seinem Krieg gegen die Menschheit verhindern zu können. Man muss den Nationalstaat nicht anbeten, denn auch er ist nicht die Lösung der Widersprüche einer kapitalistisch organisierten Welt. Aber allein schon dadurch, dass er verschiedenen Kräften die Möglichkeit bietet, auf die internationalen Entwicklungen Einfluss zu nehmen, kann er ein konstruktives Gegengewicht zu den Weltherrschaftsphantasien des US-amerikanischen Kapitals bilden. Ganz ehrlich: Über welchen anderen ähnlich wirksamen Hebel verfügt die Weltgemeinschaft noch, um der über uns schwebenden Katastrophe entgehen zu können? Mancher mag beim Gedanken an die Multipolarität verächtlich die Lippen schürzen: Er nenne uns eine bessere realistische Möglichkeit.
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