Der gute alte Tod
Von Ken Merten
Mit symbolischem Kapital haben es manche schon zur Monopolbourgeoisie geschafft. Im Black Metal zählen unzweifelhaft Mayhem dazu. Die sind nicht die ersten in dieser Sportart, was schon der Verweis auf Venoms »Mayhem with Mercy« im Bandnamen andeutet. Die 1984 im norwegischen Langhus gegründete Band ist wahrscheinlich auch nicht die beste – auch wenn es diese Kategorie in der Szene nicht gibt, geht es da doch eher darum, wer wirklich »true« ist, was sich ins Deutsche mit Krampf im Kopf als »authentisch« übertragen ließe und also ein künstlicher Kram ist, der sich als eine Endnote im Gesellschaftsvertrag überblättern ließe.
Mayhem stehen für beides: Den »True Norwegian Black Metal«, der sich einst aufmachte, Wut und Verzweiflung nicht selten depressiver Jugendlicher dahin zu lenken, das skandinavische Land um ein paar Kirchen zu erleichtern; und für die Ökonomisierung des von jenen verschrienen jüdisch-christlich fundierten Kapitalismus, dem sie weniger die Profitwirtschaft grämen, als vielmehr den Sieg im Kulturkampf durch Kaputtkonfessionalisierung des Polypantheismus von anno dazumal. »The True Mayhem«, so der selbstversichernde Eigenname hier und da, lässt wiederum über »Exclusive Merchandise Products« (mainstreamaffine Schwarzgewandtete kennen’s und lieben’s als EMP) den hässlichen Weihnachtspulli vertreiben: »De Mysteriis Dom Santa« steht da in noch falscherem Latein, angelehnt an das Debütalbum »De Mysteriis Dom Sathanas« (1994). Vom Onlinefachmedium Metal1.info damit konfrontiert, sucht Mayhem-Sänger Attila Csihar Ausflucht darin, die Autorisierung auf andere Bandmitglieder zu schieben, und verweist darauf, dass man doch auch nur Menschen und also Ironiewesen sei.
Den wohl größten Popularitätsschub über die schwarzschimmligen Konzertkeller hinaus erfuhr Mayhem 2018: »Lords of Chaos« kam in die Kinos, Jack Kilmer fleddert sich darin als Pelle »Dead« Ohlin vor Konzerten selbst und schießt sich mit dem Schrotgewehr durch die vortote Stirn. Rory Culkin gibt den umgewendeten Arendtianer mit »Totalitarismus«-Träumen Øystein »Euronymus« Aarseth, der letztlich wiederum von Emory Cohen als Vorläufer aller medikatmentös unterversorgten Faschismuskokettierer, der Kanye Wests und Donald Trumps, Kristian »Varg« Vikernes, erstochen wird.
»Wir haben sogar wirklich versucht, das zu stoppen … und es war nicht möglich!«, so Csihar über das Biopic – dessen 1998 erschienene Buchvorlage von Playboy-Autor Didrik Søderlind und dem weißen Kanye West Michael Moynihan stammt – in einem Interview, das sich eigentlich um das nunmehr siebte Album von Mayhem dreht. »Liturgy of Death« kommt hörbar aus einem Studio. Anders als das vielgelobte »Ordo Ad Chao« (2007) wurden alle Spuren sauber abgemischt, und nicht auf urige Klangerde gesetzt, für die ein Kassettenrekorder als Aufnahmegerät reicht. Entsprechend fein ist »Liturgy of Death« komponiert – nichts für den Hintergrund, während man gerade mit einem Ritualmord beschäftigt ist, oder schauen muss, dass auch der Zunder im Beichtstuhl ordentlich Flammen schlägt. Man hört es hinterher und mit Genuss bei einem Glas frischgezapfter Biosangría.
Csihar röhrt und kippt wiederholt in eine Litanei, mit der irgendwo zwischen gregorianischem Einmannchoral und Bordun aus der Heidenkehle Christus Zänkisches entgegnet wird. Auch wenn sich Mayhem mit Ulver für »Ephemeral Eternity« von einer Band hat zuarbeiten lassen, die längst vom Black Metal zum Ambient umgeschult hat, knüpft »Liturgy of Death« an das weiterhin komplexe, aber durchaus verdauliche Klangwerk an, dem sich Mayhem seit »Chimera« widmen, als der Ungar Csihar, der das Debütalbum einsang, 2004 zu Mayhem stieß und damit Sven Erik »Maniac« Kristiansen beerbte.
»I have entered the path of death / I walk in the middle of this cursed life / You have no right, no power to summon me back / The end has come« – mit »The Sentence of Absolution« wird man zum Abgang in die Welt entlassen, die Gott nicht als Ponyhof eingerichtet hat. Fliegen, die der unverheilten Wunde ans Eiter wollen: Das Sirren der Schnittergitarren dreht und dreht sich. Wohin? Hinauf? Hinab? Hinüber, wo der tribalistische Trommelkreis sich fortritualisiert. Man kann sie jauchzen hören: Ob Schamaninnen oder einfach nur Ökotanten, ist nicht klar. Sicher ist nur: Das Ende ist da. »Konvoká«, repetiert Csihar in seiner Muttersprache und flüstert: »Morto«. Der Tod hat dich einberufen. Stell sicher, wenn er kommt, dass du keinen Ugly Christmas-Sweater trägst.
Mayhem: »Liturgy of Death« (Century Media)
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