Ein Glas zuwenig
Von Manfred Hermes
Zwei Frauen an einem Tisch in einem zeitgemäß kahlen Restaurant. Die Kamera steht seitlich, die eine Figur sieht man von vorne im Halbprofil, eine jüngere schräg von hinten. Es ist die Situation einer professionellen Befragung, in einem flauen digitalen Schwarzweiß gedreht. Bae Jeongsu (Song Sunmi) war einmal Film- und Fernsehstar. Jetzt versucht sie mit einem kleinen, unabhängigen Film ein Comeback und muss Interviews geben. Die junge Befragerin spielt zunächst die Rolle des ehrerbietigen Fans, dem eine Berühmtheit seiner Kindheit begegnet.
Bae will aber schon auch wissen, wie sie den Film gefunden hat: »Ich fand ihn ganz toll.« – »Wiiirklich?« Dann plauscht man über den guten Kaffee in diesem Restaurant, seine exzellente Küche, Boulevardfragen schließen sich an. War da nicht eine Scheidung, und wie ging es ihr danach? Sie müsse sich doch sehr einsam fühlen. – Ich habe ein Kind, bin viel zu Hause. – Aber eine Haushaltshilfe kommt doch wohl noch. Und was ist mit ihrem Alkoholproblem? Das liege nun hinter ihr, sie mache jetzt viel Sport und faste in Intervallen.
In den Austausch von Floskeln und Höflichkeiten, begleitet von den besänftigenden Nickbewegungen und leisen Geräuschen des Einverständnisses, hat sich also leise Aggressivität gemischt. Das wird besonders amüsant, wenn es um das Thema Alter geht. Die Journalistin ist eher Mitte 20, Bae nicht mehr die Allerjüngste. Den Altersunterschied würde sie aber lieber vergessen machen: »Letztens ging ich hinter meiner Mutter her, von hinten sah sie wie 40 aus. Ich war so verblüfft, wie jugendlich sie aussieht.« – »Da müssen Sie ja gute Gene haben.«
Das könnte ewig so weitergehen, es ist ja nicht so, dass Hong nicht über das Vermögen dazu verfügen würde. Aber nach 20 Minuten ohne Schnitt oder Positionswechsel bricht es doch ab, und der ersten folgt eine weitere Befragerin, die aber im selben Rahmen einsteigt. Die zweite sagt schon offener, wie sie den Film findet, sie habe nämlich nicht verstanden, worum es da eigentlich gehe. Dann häufen sich weitere biographische Fakten und Smalltalkthemen an. Man plaudert über die Haare von Pudeln und Zwergspitzen. Die Schauspielerin besuche jetzt auch wieder Kurse, um ihre Technik aufzufrischen, was auf Verwunderung stößt. Verständlicherweise, und vermutlich hat sie sich an dieser Stelle auch um Kopf und Kragen geredet.
Zu ihrer Erleichterung geht diese Journalistin zumindest auf die Einladung zum Bier ein, die die erste noch höflich ausgeschlagen hatte. Da waren die inneren Verrenkungen der offensichtlich nach Alkohol dürstenden, aber sonst sehr kontrollierten Frau nicht ohne Komik. Und schon stehen zwei große Gläser mit Löwenbräu-Aufdruck auf dem Tisch. Vom dritten Interview bleibt dann vor allem ein Anschlussfehler hängen, der so sehr in die Augen sticht, wie er dramaturgisch zwingend war. Das von der zweiten Fragerin angetrunkene Glas steht auch noch vor der dritten. Diese Frau, so empfindlich und heikel sie auch sein mag, nippt einfach weiter daran.
Das ist ein banaler Einwand, das zeigt hier aber auf das größere Problem, dass der arbeitsame Hong mit »Geunyeoga doraon nal« in Berlin eher eine Fingerübung zeigt, in der Regie, Drehbuch, Kamera, Schnitt, Ausstattung, Produktion und Musik aus einer Hand sind. Trotz der subtilen Momente emotionaler Kleinreaktionen nervt das irgendwann, der Film kann die Spannung über seine nur 84 Minuten nicht halten.
Der Schlussteil zeigt Bae im erwähnten Schauspielkurs. Ihre Aufgabe ist es, die vorigen Interviewsituationen nachzuarbeiten und das auszuagieren. Damit hat sich Hong eine Ebene des künstlerischen Selbstbezugs gegönnt, die Fragen nach Erinnerung und dem Verhältnis von Fiktion und Wirklichkeit aufwirft, aber trotzdem weit hergeholt wirkt. Wenigstens bringt die kecke Darstellerin der Schauspiellehrerin etwas Würze in die vorherrschende Fadheit, auch wenn sie dazu nicht allzuviel Spielraum hat.
»Geunyeoga doraon nal (The Day She Returns)«, Regie: Hong Sang Soo, Südkorea 2026, 84 Min, Panorama, 18., 19., 20., 21., 22.2.
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