Piccoli, Marggraf, Unterberg
Von Jegor Jublimov
Viele bekannte Filme aus Westeuropa oder Übersee kamen vor allem wegen der Devisenknappheit nicht oder nur sehr verspätet in die DDR. So wurde dort Michel Piccoli erst 1972 richtig berühmt, als die Filme »Die Dinge des Lebens« und »Das Mädchen und der Kommissar«, die Claude Sautet mit ihm und Romy Schneider inszeniert hatte, in die DDR-Kinos kamen. Da dürften sich nicht viele daran erinnert haben, dass Piccoli auch schon in zwei Defa-Filmen mitgespielt hatte. Der erste war »Ernst Thälmann – Führer seiner Klasse« von Kurt Maetzig (1955), in dem der Franzose als Interbrigadist Maurice in einer markanten Nebenrolle zu sehen ist. Gleiches gilt für die in Babelsberg entstandene deutsch-französische Koproduktion »Die Hexen von Salem« (1957) nach Arthur Miller und Jean-Paul Sartre, in der Piccoli den Bodenspekulanten Putnam spielte. Seit 1945 hatte der Sohn einer aus Italien stammenden Musikerfamilie gefilmt, darunter bei Regiegrößen wie Jean Renoir, Luis Buñuel, Jean-Pierre Melville, ehe er an der Seite von Brigitte Bardot in Jean-Luc Godards »Die Verachtung« 1963 seinen Durchbruch hatte und sich Regisseure wie Alain Resnais, Costa-Gavras und Alfred Hitchcock um ihn rissen. Bis zu seinem 90. Lebensjahr vor zehn Jahren blieb Michel Piccoli noch beim Film aktiv. 2020 starb der Aktivist, der sich politisch stets für die Linke engagierte und am 27. Dezember 100 Jahre alt geworden wäre.
Ein Schauspieler und Regisseur, der vor der Kamera selten im Mittelpunkt stand, aber am Theater mit Regisseuren zusammenarbeitete, die Theatergeschichte schrieben, von Hanns Anselm Perten bis zu Thomas Ostermeier, ist Erhard Marggraf. Er hat sich mit Mitte 80 zurückgezogen, konnte aber am Montag (wenn man Wikipedia vertraut) seinen 100. Geburtstag begehen. Marggraf spielte in Greiz, Rostock und Magdeburg, ehe er seit 1966 an Berliner Theatern, vor allem dem DT und der Schaubühne, tätig war. Seine Spezialität waren die zurückhaltenden, fein ziselierten Charaktere, Musiker, Beamte, Polizisten. Besonders lagen ihm russische Autoren, er verkörperte Lenin in Nikolai Pogodins »Der Mann mit dem Gewehr«, spielte Wampilow, Gorki, Tschechow, Turgenjew und inszenierte im Jugendtreff des Palastes der Republik Waleri Agranowskis »Kümmert euch um Malachow«. Im Fernsehen seit den 60er Jahren tätig, war er seit den 80ern ein bevorzugter Akteur bei Bernd Böhlich, der ihm unter anderem 1991 die Hauptrolle in dem Familiendrama »Vater, Mutter, Kind« anvertraute.
Nicht aus Verlegenheit, sondern aus voller Überzeugung gab Regisseurin Hannelore Unterberg 1976 die Hauptrolle in ihrem Defa-Langfilmdebüt »Konzert für Bratpfanne und Orchester« ihrem achtjährigen Sohn Tobias. Er war ein äußerst musikalisches Kind, ist heute als B. Deutung ein gefragter Cellist in Independent-Bands und hat mit seiner Mutter noch mehrfach an ihren Filmen zusammengearbeitet. Die Thüringerin war gelernte Kindergärtnerin und hat mit ihren Filmen, die zwischen 1968 und 2004 entstanden, erfolgreich versucht, die kindliche Phantasie anzuregen. Am Sonntag wird sie 85 Jahre alt.
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