Abfuhr aus Washington
Von Max Ongsiek
Sie ist ein Brocken, der geschluckt werden will: Die am vergangenen Freitag veröffentlichte neue »Nationale Sicherheitsstrategie« der US-Regierung rechnet mit der Rolle der Europäischen Union als Bündnispartner ab. In dem Papier wird hiesigen Regierungen unter anderem die »Untergrabung demokratischer Prozesse« vorgeworfen. Am Montag hat Regierungssprecher Sebastian Hille im Namen der Bundesregierung dazu Stellung genommen. Die »schwarz-rote« Koalition von Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) habe zurückhaltend auf das Dokument reagiert. An vielen Stellen teile man die Analyse, beispielsweise zur Verringerung wirtschaftlicher Abhängigkeiten, sagte Hille am Montag in Berlin vor Journalisten. Die USA und »Europa« blieben enge Partner. »Die teils kritischen Töne gegen die EU weisen wir zurück«, betonte der Sprecher. Die freie Meinungsäußerung sei ein Grundpfeiler in der EU, Vorwürfe gegen die EU in diesem Bereich seien eher ideologisch als eine Strategie.
Schon am Wochenende wurden Stimmen aus dem Regierungslager zu dem US-Papier laut. So sagte CDU-Außenpolitiker Norbert Röttgen am Sonntag den Zeitungen des Redaktionsnetzwerks Deutschland (RND): »Erstmals seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs stehen die USA nicht mehr an der Seite der Europäer.« Röttgen bewertete das Papier als »zweite Zeitenwende« für Europa. Ähnlich äußerte sich CDU-Verteidigungspolitiker Roderich Kiesewetter: »Die Trump-USA sind keine klassischen Wertepartner mehr, sondern verfolgen rücksichtslos eigene Wirtschaftsinteressen.« Er forderte: »Europa müsse jetzt umgehend gesellschaftlich, militärisch und ökonomisch stärker werden.« Nur so sei zu verhindern, »zum Spielball von Washington, Moskau oder Peking zu werden«.
Ins selbe Horn stieß auch die klar EU-imperialistisch eingestellte Grünen-Chefin Franziska Brantner gegenüber den Zeitungen der Funke-Mediengruppe vom Montag. »Europa hat jetzt die Chance, seine Zukunft selbst zu gestalten«, sagte sie. Das 33 Seiten umfassende Dokument der US-Regierung sei ein Zeichen dafür, »wie schnell sich die geopolitische Lage verändert«. Die EU dürfe keine Zeit mehr verlieren. Wofür? Die eigene Souveränität. In diese müsse nun »investiert« werden. Konkret nannte die Grünen-Chefin die digitale Infrastruktur, den Zugang zu kritischen Rohstoffen und mehr Zusammenarbeit in der Verteidigungs- und Rüstungspolitik. »Das ist auch und vor allem die Aufgabe der deutschen Bundesregierung«, erklärte Brantner.
Während hierzulande von einer zweiten »Zeitenwende« geredet und sich in einem Zwei-Fronten-Krieg gewähnt werde, hätten die USA andere Interessen, erklärte die Außenpolitikerin und langjährige Bundestagsabgeordnete Sevin Dagdelen (BSW) am Montag auf jW-Anfrage. Die USA wollten »einen verstärkten Zugriff auf europäische Ressourcen«. Die »europäischen Kriegsbesoffenen« würden Dagdelen zufolge »von einem Angriff auf Russland träumen und deshalb – auch über die EU-Kommission – die Meinungsfreiheit weiter einschränken wollen, um hier freie Hand zu haben«.
In dem Strategiepapier legt die Trump-Regierung ihre außen- und sicherheitspolitischen Leitlinien fest. Auf knapp drei Seiten wird auf die außenpolitischen Beziehungen der Europäischen Union eingegangen. Die EU-Wirtschaft befinde sich im »Niedergang«, die EU untergrabe »die politische Freiheit« und »Souveränität« der Mitgliedstaaten durch »Zensur« der Meinungsfreiheit und »Unterdrückung der politischen Opposition«. Schließlich solle Europa »europäisch« bleiben und »zivilisatorisches Selbstbewusstsein« zurückgewinnen. Das Ziel der US-Regierung sei, »Europa dabei zu helfen, seinen derzeitigen Kurs zu korrigieren«. Der »wachsende Einfluss patriotischer europäischer Parteien« gebe aber »Anlass zu großem Optimismus«. Europa solle nicht nur »Hauptverantwortung für seine eigene Verteidigung« übernehmen, sondern die europäischen Märkte für »US-amerikanische Waren und Dienstleistungen« öffnen.
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Leserbrief von Onlineabonnent/in Ulf G. aus Hannover (10. Dezember 2025 um 11:03 Uhr)Die Aufregung in der deutschen Politik um die neue Nationale Sicherheitsstrategie der USA kommt ziemlich spät, wo doch der US-Vizepräsident Vance auf der letzten Münchner Sicherheitskonferenz bereits ganz ähnlich die Demokratiedefizite in Europa benannt hatte, speziell etwa Medienzensur oder die Annulierung der Präsidentschaftswahl in Rumänien, faktisch weil dort der falsche – viel zu russlandfreundliche – Kandidat gewonnen hatte. Wenn jetzt – zehn Monate nach der Vance-Rede – mal jemand in der CDU aufwacht und eine »zweite Zeitenwende« für Europa ausmacht, sollte man das nicht überbewerten. Die Verschlafenheit europäischer Wahrnehmungsprozesse dürfte unverändert erträumte Wunschbilder der Realität vorziehen. Dagdelen trifft mit ihrem Wort von der europäischen Kriegsbesoffenheit den Nagel auf den Kopf. Gerade kürzlich hat Merz wieder einmal das Märchen von russischen Absichten zur Wiederherstellung der Sowjetunion und zu einem Angriff auf die NATO aufgewärmt, obwohl es dafür keinerlei harte Belege gibt. Trump hat schon längst klar gemacht, dass er diesem Märchen nicht glaubt. Peskow hat zum ich weiß nicht wievielten Mal die entsprechenden Vorwürfe entschieden zurückgewiesen. Ob es was nützen wird, darf man bezweifeln. Junkies kommen nicht so leicht von der Nadel los. Der Traum von russischen Reparationszahlungen ist ja ganz niedlich, sich den Stoff für die eigene Sucht per Diebstahl zu besorgen, ist ja auch im entsprechenden Milieu üblich. Und wenn es Schule macht, sich nie zu erwartende Reparationen einfach zu nehmen, dann werden das die Polen, Ukrainer oder Griechen mit ihren billionenschweren Forderungen gegenüber Deutschland ja vielleicht auch mal irgendwann so handhaben. Der komplette Ruin ist absehbar.
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