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Aus: Ausgabe vom 28.11.2025, Seite 3 / Ansichten

Am längeren Hebel

Trump ruft Japans Premierin zur Räson
Von Jörg Kronauer
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Donald Trump und Japans Premierministerin Takaichi Sanae in Tokio (28.10.2025)

Nicht der Schwanz wedelt mit dem Hund, sondern der Hund mit dem Schwanz: Das scheint der banale Kern der Botschaft gewesen zu sein, die US-Präsident Donald Trump der japanischen Ministerpräsidentin Takaichi Sanae am Montag telefonisch übermittelte. Unmittelbar zuvor hatte Trump mit Chinas Präsident Xi Jinping telefoniert, der klargestellt hatte – so darf man den chinesischen Bericht über das Gespräch verstehen –, dass Beijing in Sachen Taiwan keinen Spaß versteht und auch keine militaristischen Rülpser aus Tokio. Dass Takaichi kürzlich offiziell angekündigt hatte, im Falle einer gewaltsamen Eskalation des Konflikts um Taiwan werde Japan militärisch intervenieren, hat heftige Reaktionen der Volksrepublik ausgelöst. Immerhin handelt es sich bei dem Konflikt nicht nur laut chinesischer Auffassung, sondern auch laut internationalem Recht um einen innerstaatlichen Konflikt, in den niemand ohne weiteres eingreifen darf. Auch die Drohung damit wird in Beijing nicht toleriert.

Kann das Trump nicht völlig egal sein? Nein. Der US-Präsident bastelt zur Zeit ein wenig mit dem Korrekturmodus herum. Der Unmut der US-Bevölkerung über ihn ist gestiegen; und wenngleich er auf der Unbeliebtheitsskala noch längst nicht mit Friedrich Merz mithalten kann: Er hat Zölle zurückgenommen, um den Ärger über steigende Lebenshaltungskosten zu dämpfen; er hat die Epstein-Akten freigegeben, weil es an der MAGA-Basis ernsthaft rumort; er hat sich mit China auf die Abnahme großer Mengen von US-Soja geeinigt, um es sich mit den Farmern, einem recht wichtigen Teil seiner Wählerschaft, nicht endgültig zu verderben. Zugegeben: Das wären Peanuts, hielte Trump die Zeit für gekommen, den Konflikt mit China auf die Spitze zu treiben. Das aber ist – noch – nicht der Fall. Denn Trump hat realisiert, dass Beijing bei einigen zentralen Aspekten am längeren Hebel sitzt. So kontrolliert es die überaus wichtigen seltenen Erden – und fiele Taiwans Chipriese TSMC einem Waffengang um die Insel zum Opfer, die US-Rüstungsindustrie hätte ein zweites kaum lösbares Problem.

Also hat Trump den Konflikt mit China zuletzt eher gedämpft. Er hat die Zollattacken etwas heruntergefahren, er will im April Beijing besuchen und hat sogar Xi in die USA eingeladen: Er will vorläufig Ruhe im Karton. Dass er an seinem langfristigen Ziel festhält, Beijing niederzuringen, hat er übermittelt, als er Ende Oktober gemeinsam mit Takaichi auf einem in Yokosuka für einen möglichen Waffengang gegen China bereitstehenden US-Flugzeugträger posierte. Wann und wie der Konflikt wieder zugespitzt wird, das will Trump aber selbst bestimmen – und daher hat er Takaichi telefonisch klargemacht, sie werde nicht abgestimmte Provokationen gegen Beijing in Zukunft hoffentlich unterlassen. Bei Japans Nationalisten ist das nicht gut angekommen. Letzten Endes aber können auch sie sich der Erkenntnis nicht entziehen, wer wedelt und wer nicht.

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  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Ulf G. aus Hannover (29. November 2025 um 13:08 Uhr)
    Die japanische Ministerpräsidentin steht nicht alleine, wenn sie mit Krieg gegen China droht, für den Fall eines chinesischen Angriffs auf Taiwan. Aus den USA gab es ganz ähnliche Drohungen. So berichtete etwa die Linke Zeitung (https://linkezeitung.de/2023/05/16/washington-wants-war-with-china-served-hot-not-cold/) von Plänen, dass die USA im Fall eines Konflikts zwischen Taiwan und China die »fortschrittliche Halbleiterproduktionsanlagen bombardieren und zerstören würden«. Das wurde 2023 geäußert und zwar von Trumps ehemaligem nationalen Sicherheitsberater Robert O’Brien. Trump selber »behauptet, Xi mit der Bombardierung Beijings gedroht zu haben, sollte China Taiwan angreifen« (jW 20.08.2025). Am 10.7.2025 berichtete jW von einer vorgeblichen Mikrofonprobe Trumps »Er werde aus Moskau und Beijing «die Scheiße herausbomben», wenn sie weiter Krieg in der Ukraine führten bzw. Taiwan angriffen«. Nun gibt es also etwas zivilere Töne von Trump. Man kennt Trumps Wankelmütigkeit. Schön, dass es jemanden gibt, der ihn zu bändigen weiß. Das Hin und Her um den Umgang mit Taiwans wie auch immer gearteten Souveränität zeigt allerdings auf, dass es auch keineswegs so eindeutig um die Souveränität der Donbassrepubliken 2022 bestellt war, wie die Westpropaganda immer gern behauptet. Es ist längst an der Zeit, den rechtlichen Grauzonencharakter diverser Konflikte anzuerkennen, statt nur die eigene Meinung gelten zu lassen und mit Gewalt durchzusetzen.
  • Leserbrief von Istvan Hidy aus Stuttgart (28. November 2025 um 11:20 Uhr)
    Die Äußerungen der neuen japanischen Regierungschefin Sanae Takaichi, Japan könne bei einem chinesischen Angriff auf Taiwan militärisch reagieren müssen, haben eine schwere diplomatische Krise ausgelöst. China reagiert extrem scharf, verlangt von den USA eine klare Ablehnung taiwanischer Unabhängigkeit und setzt Japan wirtschaftlich sowie politisch unter Druck. Die USA geraten dadurch in einen schwierigen Balanceakt zwischen ihrem Verbündeten Japan, ihrer Taiwan-Politik und dem Bemühen, das Verhältnis zu China zu stabilisieren. Gleichzeitig zeigt China gegenüber Südkorea eine viel mildere Haltung, obwohl die USA Seoul überraschend erlaubt haben, atomgetriebene U-Boote zu bauen – eine sicherheitspolitische Veränderung, die auch China betrifft. Der Kontrast liegt laut Analyse an den neuen Regierungschefs: Takaichi gilt in Peking als China-kritisch und wird als »Feind« behandelt, während Südkoreas Präsident Lee als potenzieller »Freund« gilt. Der Artikel betont, dass Chinas scharfe Reaktionen gezielte diplomatische Werkzeuge sind – und sich schnell ändern können, wenn Staaten aus Pekings Sicht »falsch« handeln.
    • Leserbrief von Onlineabonnent/in Torsten Andreas S. aus Berlin (28. November 2025 um 13:34 Uhr)
      Hallo, Herr Hidy! Mir fehlen einfach Kraft und Zeit, auf Ihre vielen Beiträge einzugehen. Heute: Es gibt eine Volksrepublik China und eine Republik China, die tatsächlich als Teil der VR China nicht mehr als früheres Staatsgebiet Japans (bis 1945 – so die aktuelle Amtsperson) ins Spiel kommen kann. (Die offiziellen Gebietsansprüche dieser Scheinrepublik übertreffen mit der Hälfte Sibiriens die kühnsten Erwartungen.) Abschließend: Welche Aussagen/Einlassungen wollen wir für bare Münze nehmen, wenn der Pantokrator sich äußert? (Verzeiht mir, liebe Griechischen, bitte!) Lesen Sie sich ein in die Operationen Condor, RRubicon und Cyclone, bitte! Allein diese Strategien zu betrachten, reicht zur Bewertung der Telefonate aus. – Sorry, mir fehlt die Zeit. Alles Gute, Herr Hidy!
  • Leserbrief von Rayan aus Unterschleißheim (28. November 2025 um 10:34 Uhr)
    Was sollen »Hundeschwänze« denn sonst machen, als versuchen zu wackeln, wenn der Hund mit seinem Narzissmus beschäftigt ist und somit gar keine Zeit für Wackel-Spielchen hat? Zumal im Schwanz bekanntermaßen nicht viele Hirnzellen zu finden sind. Also nicht nur beim japanischen, auch beim beispielsweise deutschen Schwanz: Der eine ist vor knapp 100 Jahren in den Weiten Russlands, der andere in den Weiten Chinas versackt, und beide können sich offenbar null daran erinnern. Oder gar die seit damals ja krass veränderten Verhältnisse korrekt einordnen: Heutzutage käme nicht mal der Hund weit genug, um überhaupt »in den Weiten« versacken zu können. Die armen Schwänze fühlen sich daher bestimmt als genau das, was sie durch diese Relation de facto sind: Kleine Stummel. Die ganz viel wackeln müssen, in der Hoffnung, damit von ihrer Unbedeutung ablenken zu können … Fazit: Nationalisten sind doch schon echt arme (Wackel-)Würstchen.

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