Vormarsch im Nebel
Von Reinhard Lauterbach
Russland hat im südukrainischen Bezirk Saporischschja mehrere weitere Orte erobert und nähert sich damit dem Ziel, die befestigte Stadt Guljajpole einzuschließen. Das bestätigten nach russischen Meldungen mit halbtägiger Verspätung auch ukrainische Quellen. Das in Washington ansässige »Institut für das Studium des Krieges« (ISW) schrieb die russischen Gewinne dem spätherbstlichen Wetter mit dichtem Nebel zu. Dieser habe die ukrainischen Drohnen nutzlos gemacht und Russland das Vordringen erleichtert. Derselbe Beitrag, der in der Nacht zum Sonntag veröffentlicht wurde, nennt allerdings als einen der Faktoren dieses Erfolgs auch über Monate betriebene Anstrengungen Russlands, über dem Gefechtsfeld eine »nahe Sperrzone« gegen ukrainische Drohnen einzurichten.
In der ukrainischen Öffentlichkeit mehren sich unterdessen kritische Stimmen über die Entscheidung des Oberbefehlshabers Olexander Sirskij, nicht früher den Rückzug aus dem umkämpften und teilweise von russischen Stoßtrupps kontrollierten Pokrowsk angeordnet zu haben. Von seinen Haltebefehlen hatte sich zuletzt auch Präsident Wolodimir Selenskij distanziert und den Offizieren an der Front erlaubt, den Rückzug zu befehlen, wenn dies erforderlich werde. Der Bild-Reporter Julian Röpcke schrieb am Wochenende auf X, den »Phantasieerzählungen« des ukrainischen Militärs könne niemand mehr glauben.
Zudem werden neue Details über die Umstände der Flucht des hochgradiger Korruption verdächtigten ehemaligen Selenskij-Vertrauten Timur Minditsch bekannt. Er soll demnach aus der Antikorruptionsstaatsanwaltschaft und aus der Präsidialverwaltung heraus gewarnt worden sein und das Land an Bord eines »VIP«-Taxis über Lwiw verlassen haben. Die Grenze habe er mit Genehmigung der Behörden – als Vater dreier minderjähriger Kinder – überschreiten dürfen. Da Minditsch auch einen israelischen Pass hat und Israel eigene Staatsangehörige nicht ausliefert, halten sich Hoffnungen auf eine Aufklärung seiner Rolle in engen Grenzen. Eine wesentliche Rolle bei der Belastung von Minditsch spielte offenbar der wegen des betrügerischen Bankrotts seiner »Privatbank« in Untersuchungshaft sitzende Oligarch Igor Kolomojskij. Er sagte am Freitag in einer gerichtlichen Anhörung, die Zeit des »Mininapoleons« Selenskij sei bald vorbei. Minditsch hatte nach der Wahl Selenskijs zum Präsidenten dessen Anteile an der Fernsehproduktionsfirma »Studio Kwartal 95« übernommen und zuvor schon für Kolomojskij gearbeitet.
Während Selenskij inzwischen die »sofortige Umstrukturierung der staatlichen Unternehmen« und die Neubesetzung von deren Vorständen und Aufsichtsräten ankündigte, versuchte sein Berater Michailo Podoljak, die Reichweite der Enthüllungen um Minditsch zu relativieren. Er sagte in einem Fernsehinterview, Korruption sei ein »Kennzeichen jeder entwickelten Volkswirtschaft« und müsse als solche hingenommen werden.
Selenskij selbst brach am Sonntag zu einer Reise nach Athen, Paris und Madrid auf. Aus Griechenland soll die Ukraine über bestehende, einst noch zu sowjetischen Zeiten gebaute Pipelines US-Flüssigerdgas erhalten. Vor der Vertragsunterzeichnung in der griechischen Hauptstadt hatte Selenskij auf Telegram zugesichert, die für den Gasimport erforderlichen zwei Milliarden US-Dollar zu beschaffen. In Paris will er mit Staatschef Emmanuel Macron ein Abkommen über die Lieferung französischer Kampfflugzeuge unterzeichnen. Was er aus Spanien mitbringen will, war zunächst nicht bekannt. Das Land hat sich bisher nicht durch besonderen Enthusiasmus bei der Unterstützung der Ukraine hervorgetan. Hauptproblem im ukrainischen Hinterland ist, dass die Luftabwehr nicht in der Lage ist, die Vielzahl von Drohnen und Raketen, die Russland einsetzt, abzufangen. Trotz erheblicher Verluste, die offenbar einkalkuliert sind, schlagen immer auch etliche russische Geschosse in den Zielen ein. Zuletzt traf es unter anderem ein Umspannwerk im Bezirk Poltawa, wodurch große Teile der Zentralukraine die Stromversorgung verloren. Die Ukraine meldete ihrerseits, sie habe russische Raffinerien in Rjasan südlich von Moskau und in Samara an der Wolga angegriffen.
Friedenspropaganda statt Kriegsspielzeug
Mit dem Winteraktionsabo bieten wir denen ein Einstiegsangebot, die genug haben von der Kriegspropaganda der Mainstreammedien und auf der Suche nach anderen Analysen und Hintergründen sind. Es eignet sich, um sich mit unserer marxistisch-orientierten Blattlinie vertraut zu machen und sich von der Qualität unserer journalistischen Arbeit zu überzeugen. Und mit einem Preis von 25 Euro ist es das ideale Präsent, um liebe Menschen im Umfeld mit 30 Tagen Friedenspropaganda zu beschenken.
links & bündig gegen rechte Bünde
Jetzt den kostenlosen jW-Newsletter abonnieren – täglich das Beste aus der Tageszeitung junge Welt, direkt in Ihr Postfach. Ihre E-Mail-Adresse wird natürlich niemals an Dritte weitergegeben.
-
Leserbrief von Istvan Hidy aus Stuttgart (17. November 2025 um 09:51 Uhr)Sowohl an den Frontlinien als auch im kaum geschützten Hinterland verliert die Ukraine zunehmend die Kontrolle. Besonders deutlich zeigt sich dies in der Militärstruktur: Nach offiziellen ukrainischen Angaben wurden allein im Jahr 2025 (bis Oktober) 162.500 Verfahren wegen unerlaubtem Entfernen (AWOL) sowie 21.600 Verfahren wegen Desertion eingeleitet. Diese Zahlen stammen unmittelbar aus den Strafverfolgungsbehörden der Ukraine und übersteigen bereits die gesamte Personalstärke mancher europäischer Armeen. Gleichzeitig stellt die EU weiterhin enorme Mittel bereit. Rechnet man alle Formen der Unterstützung zusammen – also nicht nur Waffenlieferungen, sondern auch die umfassenden Zuschüsse für den ukrainischen Staatshaushalt – kommt die EU inzwischen auf über 180 Milliarden Euro Gesamtunterstützung. Damit finanziert Europa längst nicht nur das Militär, sondern große Teile des ukrainischen Staatsapparates. Angesichts der enormen Zahl an offiziellen Desertions- und AWOL-Verfahren wirkt die fortgesetzte EU-Finanzierung wie ein Fass ohne Boden: Milliarden fließen hinein, während gleichzeitig die personelle und organisatorische Stabilität des ukrainischen Militärs rapide erodiert. Trotz dieser Entwicklung tätigt Präsident Selenskij weiterhin große Beschaffungen, obwohl seine Truppe durch die massenhaften Ausfälle erheblich geschwächt ist. Die Diskrepanz zwischen politischer Darstellung und realer militärischer Lage wird dadurch immer offensichtlicher.
Ähnliche:
Agencja Wyborcza.pl/Tomasz Stanczak via REUTERS12.09.2025Drohnenvorfall zieht Kreise
EPA/MYKHAILO MARKIV/picture alliance / dpa11.09.2025Von Netzen und Gräben
ZUMA Press Wire/IMAGO08.09.2025Größter Angriff seit 2022
Regio:
Mehr aus: Ausland
-
Aufregung in Polen um Sabotage an Gleisen
vom 17.11.2025 -
Wie kämpft man als Beschäftigter für Palästina?
vom 17.11.2025 -
Ohne Kommentar
vom 17.11.2025 -
Kanonenfutter für den Warlord
vom 17.11.2025 -
Annexionspläne und Gewalteskalation
vom 17.11.2025 -
Provokation gegen China
vom 17.11.2025