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Aus: Weihnachten, Beilage der jW vom 24.12.2025
Zum Ende

Húsika kommt nicht

Keine Weihnachtsgeschichte
Von Pierre Deason-Tomory
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Daniel Bratanovic ist Chefredakteur der jungen Welt und lässt auch am heimischen Herd nichts anbrennen.

Als Graumann ein Kind war, erhielt seine Familie jedes Jahr zu Weihnachten ein Päckchen von Pistu Bácsi und Klara Néni aus Budapest, darin Szaloncukor-Bonbons für die bunten Teller und ein Brief von Onkel und Tante, den der Vater nach der Bescherung vorlas. Er entzifferte ungarische Endlossätze und trug vor in einem österreichisch geprägten Deutsch, und da und dort ließ er versehentlich die Übersetzung aus und reihte lauter Umlaute aneinander. Die Mutter saß auf ihrer Couch und äffte seinen Akzent nach, alle Jahre wieder.

Von dieser Lesung abgesehen, war vom Vater während der Feiertage nicht viel zu hören, sonst auch nicht. Noch Jahre später, wenn der erwachsene Graumann zu Besuch kam, wurde viel geredet am Esstisch, aber nur Sohn und Mutter schwätzten, der Herr des Hauses, Nándor, sprach kaum. Das änderte sich, nachdem er mit 76 Jahren einen Herzinfarkt überlebt hatte.

Bis dahin hatte er nach dem Essen immer den Tisch abgeräumt und die Küche fertiggemacht, während die anderen im Wintergarten weiter durcheinanderquatschten. Jetzt blieb er einfach sitzen. Er ignorierte, wie Mutter irgendwann aufstand und das Geschirr wegtrug, und fragte und erzählte. Wie er 1944 mit seiner Familie auf der Flucht von der Roten Armee eingeholt und sein horthytreuer Offiziersvater erfreulicherweise nicht füsiliert wurde, aber die Pferde tauschen musste. Nicht hergeben, sondern tauschen. Gegen zwei halb tote Schindmähren, aber immerhin.

Er erinnerte sich an die durchtanzten Wochenenden im Nachkriegsbudapest und an das Mädchen, das einen tollen Busen hatte, der nach dem Auskleiden leider nicht mehr da war. Wie er eine junge Frau liebte, die er nicht mehr sehen durfte, weil die Eltern keinen Goj mit Ypsilon in der Familie gebrauchen konnten. Auch sie schrieb ihm jedes Jahr zu Weihnachten einen Brief. Es hatte sie nach München verschlagen, und die zwei werden sich dort wiedergetroffen haben nach ihrer Flucht und seiner viel späteren Ausreise aus Ungarn, beide vom Schicksal mit anderen Menschen verheiratet. Einmal beichtete er die Seitensprünge mit Sängerkolleginnen, die ihm während seines Graz-Engagements zugestoßen waren, während die Familie bei Salzburg wohnte. »Schau. Sie waren jung und allein. Und so hungrig …«

Nándor brachte seinen Sohn nach dessen Besuchen mit dem Auto zum Bahnhof und jedes Mal in Lebensgefahr, obwohl er sich bemühte, die Verkehrsregeln ungefähr zu befolgen. Während er unentwegt fluchte. Am Bahnhof verabschiedeten sie sich herzlich, und der junge Alte ging zum Zug, und eines Tages weinte er leise dabei.

Ihnen blieben noch ein paar Jahre. Als er 89 war, ging der Vater in die Klinik und verweigerte alle Medikamente. Gegessen hat er. Die Kinder bewachten ihn abwechselnd und brachten Spezereien, die er selbst bestellt hatte, ihm aber alle nicht schmeckten, und er fragte: »Kommt Mutter auch?« Er hatte ein Bild von ihr am Bett stehen, sie selbst blieb, von wenigen kurzen Ausnahmen abgesehen, fern.

Er lebte noch vier Wochen, lag in seinem Bett, sprach nicht viel. Wenn Graumann die Wache übernahm, schaltete er manchmal einen Klassiksender ein. Dann dirigierte Nándor mit der rechten Hand. »Ich dirigiere nicht, ich taktiere!« – »Und was läuft gerade?« – »Beethoven. Das hat er geschrieben, um seinen Auftraggeber zu Tode zu langweilen.« Er taktierte zuweilen auch, wenn es still war im Zimmer.

Der Pfleger kam hereingeweht und fragte: »Soll mer Sie a weng höher lehng?« – »Jo, ein bisschen?« – »Sonst basst alles?« – »Eigentlich bin ich tot.« – »Des glaub ich nicht. Tote tragen keine Karos.« – »Und ich verstehe auch nicht, wenn man gestorben ist, warum alles aussieht wie vorher!«

Irgendwann fragte er nicht mehr, wo seine Frau bleibt, die er früher zärtlich »Húsika« genannt hatte. Schließlich schlief er ein, ohne wieder wach zu werden. An einem Freitag morgen um halb fünf betraten der angerufene Graumann und die Mutter Nándors Zimmer in der Klinik. Der Graue rang um Fassung, die Mutter lächelte. Zufrieden sah sie aus. Später von ihr diese Nachricht: Eine Beerdigung wird es nicht geben. Sie hätten vor langer Zeit so entschieden.

Das erste Weihnachten ohne den Vater war ruhig, die Söhne machten es der Verwitweten schön, und sie war happy. Weitere zwei Jahre später feierten sie ein letztes Mal. Als Graumann der Mutter zeigte, wie sie früher die bunten Teller mit den Süßigkeiten angerichtet hatte, sagte sie: »Ick kann mich nich erinnern, in diesem Haus schon mal Weihnachten jefeiert zu haben.« Er fragte sich, ob sie sich an ihren Mann erinnern konnte. Oder wollte. Erwähnt hat sie ihn nicht mehr.

Ein halbes Jahr später gab es dann doch eine Beerdigung, für beide, in der Trauerhalle saßen Kinder und Enkel, Freunde und Nachbarn, Nándors eigene Stimme begleitete die Feier mit ungarischen Volksliedern von einer CD, die vom indisponierten Friedhofspersonal natürlich zu leise abgespielt wurde. Und so konnte Graumann auf seiner Bank ein Flüstern vernehmen aus Richtung der beiden Urnen, die vorne friedlich nebeneinanderstanden: »Húsika! Wo warst du die ganze Zeit?« – »Hör mir uff mit ›Huuschika‹! Der nennt mich wieder ›Fleischchen‹, ick werd nich mehr! Und watta wieda anjezogen hat …«

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