Große Pläne
Von Stefan Heidenreich
Speziell wenn Sachen dabei sind, gründlich schiefzugehen, setzt eine fiebrige Suche nach einem Plan ein. Als könnte man das Unglück doch noch abmildern, indem man ihm die Plakette »besonders sinnvoll« umhängt. Die Ergebnisse der phantastischen Suche nach möglichen Zielen und Erfolgen übersteigen die Zahl der tatsächlichen zu erklärenden Ereignisse bei weitem. Oft wird bei dieser Gelegenheit ein Spruch von Moltke dem Älteren bemüht: »Kein Operationsplan reicht mit einiger Sicherheit über das erste Zusammentreffen mit der feindlichen Hauptmacht hinaus.« Doch der preußische Feldherr hatte aus dieser Einsicht keineswegs die Konsequenz gezogen, mehr Vorsicht walten zu lassen. Im Gegenteil. Seine Lösung lautete »Wägen, dann wagen«, also ins Risiko gehen und dann durchwursteln. Scheitert der erste Plan, bedeutet das nicht, dass es nun einen Plan weniger gäbe. Ganz im Gegenteil. Für jedes aufgegebene Ziel wachsen etliche neue nach. Getrieben von den Fehlschlägen, verselbständigt sich die Planerei. Und solange die Lage weiter neue Katastrophen hervorruft, braucht es laufenden Nachschub an Rechtfertigungen. Erst ganz am Ende fällt dann dem Sieger das Recht zu, aus all diesen mitlaufenden Planspielen nachträglich eine ihm genehme Geschichte zu fabrizieren.
Doch an dieser Stelle befindet sich die Weltlage noch ganz und gar nicht, schon gar nicht der Iran-Krieg. Gerade weil keines der anfangs ausgegebenen Ziele erreicht wurde, läuft der Ausstoß vorgeblich sinnvoller Ersatzziele auf Hochtouren.
Die einfachste Lösung hätte darin bestanden, wie vergangenes Jahr frühzeitig aus dem für beide Seiten ruinösen Spiel auszusteigen. Doch das geht in diesem Fall nicht. Zumindest für Trump käme die »Taco«-Lösung (»Trump always chickens out«) allerdings mit hohen Kosten. Er ließe seine Verbündeten im Stich, ohne das Problem zu lösen, das er ihnen eingebrockt hat. Ein wenig erinnert die Lage an das Autorennen (»chickie run«) in dem Film »Rebel Without a Cause«, deutscher Verleihtitel treffend neutestamentarisch »… denn sie wissen nicht, was sie tun«. Beide Autos rasen auf die Klippe zu, aber es gelingt dem Helden nicht, hinauszuspringen, weil sich seine Jacke am Türgriff verheddert hat.
In der Zwischenzeit fördert die panische Sinnsuche durchaus erwägenswerte Vorschläge zu Tage. Könnte es etwa sein, dass zwar ein kleiner Plan gescheitert ist, aber der große Plan zugleich bestens funktioniert? Dass der verrückte Präsident die im Hasenfußspiel (»chicken game«) spieltheoretisch erfolgversprechende »Madman«-Option zieht? Je verrückter ein Spieler auftritt, desto weniger ergibt es Sinn, ihn bis zum Äußersten zu reizen und auf rationales Einlenken zu hoffen. Im übrigen übernimmt Trump sehr erfolgreich die Aufgabe, vor großem Publikum mit einem roten Hering herumzuwedeln, um abzulenken und die Schuld auf andere zu schieben.
Dem großen Plan zufolge liegt das Ziel des Konflikts gar nicht im Iran, sondern im kommunistischen Kadertum China, wie US-Strategen seit langem ganz offen verkünden. Schließlich bezieht das Reich der Mitte die Hälfte seines Öls aus dem Persischen Golf. Der unbedacht wirkende Überfall auf den Iran hat dazu geführt, dass Chinas Energieversorgung ernsthaft gefährdet ist.
Im Sinne dieser großen Ziele lässt sich auch Trumps schräger Hilferuf an all die ölimportierenden Länder verstehen. Wer Öl aus dem Golf wolle, solle doch bitteschön helfen, den Schiffahrtsweg zu öffnen. Unter anderem nannte er China. Dessen ablehnende Haltung öffnet Trump nun eine Tür, um doch noch unbeschadet aus dem Spiel auszusteigen.
Am Ende könnte es seinen Spin Doctors sogar gelingen, die Schuld an dem ganzen Schlamassel, die hohen Spritpreise eingeschlossen, den Chinesen zuzuschieben. Ähnlich wie man anfangs versucht hat, die Russen für die Sprengung der Gaspipeline Nord Stream 2 verantwortlich zu machen. Ohnehin sind die Parallelen zwischen beiden Vorfällen zur Verknappung von Öl und Gas nicht von der Hand zu weisen. Aber China hat einen großen Vorteil. Es hat sich gut vorbereitet und wägt, ohne zu wagen.
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