Hirse (4)
Von Helmut Höge
Auf der Brecht-Veranstaltung im Berliner Brecht-Zentrum im Februar zeigte die aus Kasachstan stammende Filmwissenschaftlerin und Ethnologin Vettka Kirillova zu fünf Diskussionsteilen über Hirse fünf Filme mit teils altem sowjetischen Filmmaterial über die damalige kasachische Landwirtschaft und KI-Tricks. Außerdem bot sie dem Publikum Tee aus gerösteter kasachischer Hirse an. Zuvor hatte sie im Zeiss-Großplanetarium bereits Filme über die »wissenschaftlich-technische Revolution« in sowjetischen Filmen vorgeführt und dazu eine Einführung gegeben. Alles im Rahmen der »Brecht-Tage 2026«.
Wegen des thematischen Umfangs wurde ein Teil in der Diskussion ausgelassen: die FAO – Food and Agriculture Organization der UNO. Sie hatte 2023 zum Jahr der Hirse erklärt, ihre Bürokraten hatten eine Unzahl von Aktivitäten dazu initiiert: 1.500 Einträge in den sozialen Medien über Hirse gepostet, 320.000 Klicks auf ihrer Internetseite zu Hirse gezählt, 100 Veranstaltungen zum Thema in 35 Ländern organisiert, die internationalen Medien motiviert, 2.250 Artikel darüber zu veröffentlichen, ihre Hirseinfos in 19 Sprachen übersetzen lassen, 100 Hirsevideos drehen lassen und zehn Influencer fürs Hirseprogramm losgeschickt. Die Aufmerksamkeit der FAO richtete sich bei ihren Hirsepropagandaaktivitäten vor allem auf Länder in Asien und Afrika.
In den Statistiken zum Hirseanbau in verschiedenen Regionen der Erde tauchen Russland, Kasachstan und die anderen Stan-Länder nicht auf, obwohl sie dort weiter angebaut wird. Dafür diskutiert man überraschenderweise den Hirseanbau in Deutschland: »Die wärmeliebende Sorghumhirse gilt als robust, nahrhaft und klimafit – doch in Deutschland fristet sie bislang ein Schattendasein. Das Projekt SorBOOM will das ändern: Mit genetischen Analysen, Züchtung neuer Hybriden und modernen Methoden wie Drohnentechnik und Genomeditierung soll Sorghum fit für den heimischen Acker gemacht werden«, heißt es auf pflanzenforschung. de.
Der Gegensatz zwischen Genetik und Lyssenkoismus hat sich inzwischen erledigt: Fast überall auf der Welt geht es um genetisch veränderte Pflanzen, um die Ernteerträge zu erhöhen und eine Resistenz gegen Parasiten »einzubauen«. Wegen der Klimaerwärmung kommt nun die Hirse auch dort ins Spiel, wo man sie bisher zugunsten der anderen Getreidearten nicht angebaut hat, denn die Hirse verträgt große Hitze, gedeiht auch auf trockenen Böden und ist schnellwachsend. Deswegen will man in Deutschland schon mal den Hirseanbau planen, um vorbereitet zu sein und Erfahrungen mit der Pflanze zu sammeln. »Eine neue Kulturpflanze für Deutschland« – so wird sie beworben. Bei Berlin gibt es bereits einen Biohof, der sie anbaut. In Asien und Afrika ist sie schon seit zigtausend Jahren bekannt. Dort geht es eher darum, wenigstens für die FAO, die Kleinbauern für ihren Anbau zu begeistern.
Das ist insofern neu, als die bisherigen Anstrengungen dahin gingen, nicht nur die Nomaden zur Sesshaftigkeit zu veranlassen, sondern auch große konkurrenzfähige Agrarbetriebe zu fördern, die die Kleinbauern zum Aufgeben ihrer Felder und zum Abwandern in die Städte zwingen, sofern sie nicht von Großbauern als Landarbeiter, Cowboys etc. beschäftigt werden. So wie einst im Osten die Kolchosen immer größer wurden, wurde auch im Westen meist eine Agrarpolitik favorisiert, die den großen Landwirtschaften zugute kam: wachsen oder weichen. Dort wurden jedoch die »Kulaken« liquidiert, hier wurden und werden sie gefördert.
Zuletzt 2017 ließ Präsident Alexander Lukaschenko die 347 Kolchosen in Belarus auflösen. Sie wurden »reorganisiert« und in juristisch selbständige Wirtschaftsunternehmen oder Kommunalwirtschaften umgewandelt.
Im Kapstädter Museum Mayibuye Archives der University of the Western Cape (UWC) befindet sich kurioserweise ein »Kolchose« genannter Kasten, den sich Gefangene auf Robben Island gebastelt haben. Dazu zählte über zwei Jahrzehnte lang auch Nelson Mandela. Die frühere Gefängnisinsel liegt etwa zwölf Kilometer vor Kapstadt. Die »Kolchose«-Kiste war mit Zeitschriftencovern beklebt und enthielt Dinge von Wert für die Gefangenen wie Zigaretten und andere Dinge, die sie miteinander teilten. »Der Inhalt stand allen zur Verfügung – egal, ob er etwas zur Kiste beigetragen hatte oder nicht. Durch diese Box entstand ein Gefühl von Gemeinschaft und Teilungsbereitschaft, das von gegenseitiger Fürsorge geprägt war«, heißt es im Katalog zur Archivausstellung »Every Artist Must Take Sides« (2025/26) über die beiden angloafrikanischen Aktivisten Eslanda und Paul Robeson in der Berliner Akademie der Künste.
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Leserbrief von Onlineabonnent/in Heinrich H. aus Stadum (9. März 2026 um 20:55 Uhr)Könnte man das Schattendasein der Sorghumhirse in Deutschland nicht durch genetische Kombination mit Spargel belichten? Der Spargel mag es auch warm, deshalb deckt frau ihn mit Folie zu. Den Hirgel oder die Sparse könnte anfangs als Spargel, die nicht gestochenen Wurzeln später als Hirse beerntet werden. Zwei Fliegen mit einer Klappe auf einem Stück Land geschlagen!
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