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Aus: Ausgabe vom 10.03.2026, Seite 10 / Feuilleton
Theater

Das launische Glück

Nestroys »Localposse mit Gesang« als neonfarbene Comicrevue im Wiener Burgtheater
Von Eileen Heerdegen
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»Teilen is’ leichter, solang ma nix hat.«

»Alles so schön bunt hier« – mit dieser ikonischen Songzeile läutete Nina Hagen die knallige und phantasievolle Ära der letzten zwei Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts ein. Bunt ist allerdings eine unzureichende Beschreibung für die kreischfarbene Welt der aktuellen Nestroy-Inszenierung des Wiener Burgtheaters. Der 1980 geborene Regisseur Bastian Kraft hat sich deutlich an der Neonästhetik seiner Kindheit bedient. Dazu laute Musik, Songs mit typisch österreichischer Popklangfarbe, oder nur akzentuiert, ein Tusch, synchron zur Bewegung mit Anmutung von Varieté und Zirkus. Alexander Xidi Christof, Leiter der dreiköpfigen Liveband (Schlagzeug, Synthie, Klavier, Bass, Akkordeon), ist Indiemusiker und ausgebildeter Rote-Nasen-Clown.

Zwei Familien in einem Haus, die reichen Goldfuchs’ in der Beletage, die armen Schlucker auf Straßenniveau – »Zu ebener Erde und erster Stock« (Untertitel »Die Launen des Glücks«), von Johann Nepomuk Nestroy (1801–1862) war wegen des simultanen Spiels auf zwei Ebenen schon 1835 ein Erfolg. Bühnenbildner Peter Baur setzt ebenfalls auf plakative Teilung: Die Multifunktionswand in halber Höhe, durch eine grelle Leuchtleiste und einen schmalen Balkon begrenzt, der während des Festmahls der High Society schon mal bedrohlich nach unten rutscht, bis Familie Schlucker buchstäblich unterdrückt mit eingezogenen Köpfen am Boden kauert. Grandios dargestellt, inklusive der drei kindlichen Schauspieler.

»Wer kein Geld hat, soll auch nix essen!« – Der so mitleidslos abgewiesene Paul Basonga ist eine begeisternde Mutter Schlucker mit Herz und angemessen modischer Geschmacklosigkeit, ohne seine Figur an die Lächerlichkeit zu verraten. Der Geschlechtertausch gerät überzeugend und natürlich, wie auch bei Jonas Hackmann als quirligem Dienstmädel Fanny. Maresi Riegner – »Selbst schuld, wer keine reichen Eltern hat« – komisch-trotzig als kiebige Goldfuchs-Tochter, die sich ausgerechnet in den armen Adolf von unten verliebt. Markus Meyer gefällt als gieriger, intriganter Diener Johann, eine Rolle, in der es sich der vielseitig begabte Nestroy (Pianist, Philosophie- und Jurastudent, Sänger, Schauspieler, Autor) fünf Tage Arrest kosten ließ, als er gesetzeswidrig improvisierend vom eingereichten Text abwich, um einen Kritiker als »dümmsten Menschen von Wien« zu beleidigen.

Heute vermissen die Kritiker »ihren« Nestroy: »Ohrenfolterndes babylonisch-österreichisch-deutsches Kauderwelsch« wütet die rechte Kronenzeitung, Regisseur Kraft kennt seine Pappenheimer und lässt Adolf Schlucker singen: »Musst zuhör’n, wie Piefkes die Texte vermurksen, mit hochdeutschem Zungenschlag Nestroy vergurken!«

Tatsächlich aber dialekten neben den Wienern Basonga und Riegner auch die Steirerinnen Stefanie Dvorak (Salerl) und Andrea Wenzl autochthon. Letztere in einer Hosenrolle, wie es früher hieß, und wieder mit einer Demonstration ihrer großen Wandlungsfähigkeit, äußerst komödiantisch und, gerade wegen ihrer körperlichen Zartheit, sehr überzeugend als großkotziger und doch so kleinmütiger Angeber Damian.

Zu Inga Timms ausgefallenen Kostümen kommt ein opulenter Farben- und Formenrausch, nahezu ausschließlich als Projektion (Video: Jasmin Kruezi, Licht: Marcus Loran). Sogar zusätzliche Darsteller, im Mix mit der tatsächlichen Besetzung von Sabina Perry perfekt durchchoreographiert. Dazu großformatige Texte, Sprechblasen, fliegende Unterhosen mit Herzchen­design oder barocke Einrichtungsopulenz für oben und riesige Ratten für unten.

Immer an der Wand lang, heißt es für die Schauspieler: Unten sind es Türchen, durch die man hinaus-, oder sich zum Schlafen hineinklemmen kann, oben aufgesetzte Ornamente, an denen die Dienstboten zu manch groteskem Bild umherklettern. Die eingeschränkte Dreidimensionalität erinnert an alte Papptheater oder Bilderbücher mit Ausklappfigürchen, die grellen Farben wandeln es zur modernen Graphic Novel.

Am Ende lässt das launische Glück die Rollen tauschen und Mutter Sepherl Schlucker tritt den Beweis an, dass Armut allein nicht den besseren Menschen ausmacht: »Teilen is’ leichter, solang ma nix hat.«

Nächste Vorstellungen: 23., 30.3., 10.4.

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