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Aus: Ausgabe vom 23.02.2026, Seite 10 / Feuilleton
Berlinale

Beelzebub

Berlinale. »Lord of the Flies« als Miniserie
Von Marc Hairapetian
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Die Frucht der Erkenntnis?

»Die Dreharbeiten waren ein Abenteuer für sich«, offenbarte »Lord of the Flies«-Regisseur Marc Munden beim Interview während der Europapremiere im Rahmen der Berlinale-Special-Series-Sektion. »Viele der jugendlichen Darsteller hatten keine schauspielerischen Erfahrungen. Es war nicht einfach, ihnen Anweisungen zu geben. Sie machten in den Gruppenaufnahmen mitunter, was sie wollten, und wir verwendeten dann nur die brauchbaren Takes, aber das macht unsere Miniserie so lebendig.«

Im Gegensatz zu der grimmigen, noch in Schwarzweiß gedrehten Survivalrobinsonade von Peter Brook (1963) und der enttäuschenden Farbversion von Harry Hook (1990) widmet sich die neue vierteilige Adaption des Romans von Literatur-Nobelpreisträger William Golding in jeweils 60 Minuten jeweils der Sicht einer der vier Hauptfiguren. Zur Zeit des Zweiten Weltkriegs strandet eine Gruppe von Schülern nach einem Flugzeugabsturz auf einer tropischen Pazifikinsel. Ralph (Winston Sawyers) versucht, die Jungen mit Hilfe des Brillenträgers – Vertreter szientistischer Rationalität – Piggy (David McKenna) anzuführen, in der Hoffnung zu überleben und gerettet zu werden. Doch Jack (Lox Pratt) entfacht eine Rebellion der Barbarei, der nicht nur der über seherische Fähigkeiten verfügende Simon (Ike Talbut) zum Opfer fällt.

Die in Malaysia gedrehte Koproduktion der BBC, des australischen Streamingdienstes Stan sowie Sony Pictures Television zeigt in düsteren Bildern von Kameramann Mark Wolf, wie der Mensch dem Menschen eine Bestie sein kann. Und dies subversiv in Gestalt von Kindern, mit denen im allgemeinen Begriffe wie »Unschuld« und »Reinheit« assoziiert werden. Je mehr die Jungen den Bezug zu Zivilisation und Gesetz verlieren, desto mehr regiert Irrationalismus und das Recht des Stärkeren. Die Autoritären siegen gegenüber den Demokraten innerhalb der gut 20köpfigen Gruppe. Sie beten Beelzebub an, den alttestamentarischen Herren der Fliegen, Ba’al Zevuv, der – hier personifiziert durch einen aufgespießten, von Insekten umflogenen Schweineschädel – zum Kriegsgott mutiert.

Thomas Hobbes’ »Bellum omnium contra omnes« (Krieg aller gegen alle) gipfelt am Ende in einer Vertreibung aus dem Paradies, wenn Jacks Erfüllungsgehilfen die Insel anzünden und ein Inferno im Stil von »Apokalypse Now« entfachen.

»Lord of the Flies«, Regie: Marc Munden, UK 2026, vier Folgen à 58 Min., Berlinale Special Series, ab 24.2. u. a. auf Sky

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