Liebe und Verlust
Von Andreas Schäfler
Hier ist eine neue Stimme, die aufhorchen lässt. Weich, aber tragfähig, warm und sinnlich, selbst wenn sie mal herbe Noten einstreut. Faszinierend in ihren verschliffenen Melismen und fremdartig schon der Sprache wegen, die sie oft anschlägt: Ayça Miraç singt viele ihrer Lieder in Lasisch – einem Idiom, das sie von ihrer Mutter gelernt hat, die aus dem Grenzgebiet zwischen dem Nordosten der Türkei und Georgien stammt.
Unsereins versteht also erst mal kein Wort, bekommt in den englischen Übersetzungen der Songtexte jedoch fast alle synästhetischen Mutmaßungen bestätigt: Es geht, in einfacher lyrischer Form und zumeist in gemächlichem Tempo vorgetragen, um Sehnsucht und Schicksal, um Liebe und Verlust. Und in den, väterlicherseits geprägt, auf türkisch gesungenen Stücken um das zunehmend bedrohte Lebensgefühl des alten Istanbul, wo die Familie regelmäßig übersommerte.
Miraç wuchs mit ihren Eltern im Ruhrgebiet auf, studierte am Konservatorium in Enschede, gründete 2017 in Köln ihr Quartett und debütierte mit dem Album »Lazjazz«. 2019 trat sie unter anderem beim Weltmusikfestival in Rudolstadt auf und wagt nun mit »A Window to the Bosporus« einen Ausfallschritt – weg von narrensicheren Potpourris, mit denen man sich ein erstes Publikum erobert, hin zu einem eigenständigen Profil, das die knapp 40jährige Sängerin in der Auseinandersetzung mit der Kultur ihrer familiären Herkunftsregion zu ergründen und zu schärfen versucht.
Befremdlich wirkt bei diesem Experiment weniger Miraçs entlegenes Repertoire, sondern vielmehr der Umstand, dass es hier in das sozusagen handelsübliche Gewand eines jazzigen Klaviertrios gehüllt wird. Dieses Verfahren mag naheliegen, weil die offene Struktur von modalem Jazz mit Weltmusikelementen problemlos harmonieren kann, doch es führt nicht selten zu esperantoartigen Kompromissen. Besser gelang das etwa der albanischen Sängerin Elina Duni bei ihrem Debüt mit dem unkonventionellen Trio des Pianisten Colin Vallon, wo eben nicht der kleinste gemeinsame Nenner das Maß aller Dinge und nicht eine etwas blutleere Allgemeinverträglichkeit die Folge war.
Zwar machen Henrique Gomide am Klavier, Philipp Grußendorf am Kontrabass und Marcus Rieck am Schlagzeug ihre Sache ohne Fehl und Tadel, aber halt auch so dezent und gediegen, dass die Tonspur manchmal fast zu versanden droht. Löbliche Ausnahmen von der fast asketischen Strenge des Albums bilden »Ele Mele Kismeti« und »Bu Dünya Bir Pencere« (»Diese Welt ist wie ein Fenster«), wo es mal etwas forscher und auch rhythmisch akzentuierter über Stock und Stein geht, und die Ballade »Aksam Bogazici’nde«, die Gomide mit einer guten Dosis brasilianisch eingefärbter Versponnenheit anreichert und dabei von Bass und Schlagzeug phantasievoll, aber subtil begleitet wird.
Fast wünscht man sich für die Fortsetzung von Ayça Miraçs Karriere da und dort mal eine lasische Dudelsackpassage oder das Solo von einer Kemençe (der türkischen Laute), was diesem durchaus reizvollen Ost-West-Transfer einen entschiedeneren Charakter und mehr klanglichen Reichtum verleihen würde. Und vielleicht lohnte sich sogar der eine oder andere Flirt mit Laz-Pop-Einflüssen, die seit Ende der 90er Jahre in den türkischen Metropolen herumgeistern. Ein paar mehr musikalische Kapriolen täten uns allen gut!
Ayça Miraç: »A Window to the Bosporus« (Neuklang/in-akustik)
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