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Aus: Ausgabe vom 14.02.2026, Seite 11 / Feuilleton
Berlinale

Die Uhr tickt aus

Berlinale. In der Zeitschleife gefangen: Gore Verbinskis »Good Luck, Have Fun, Don’t Die«
Von Kai Köhler
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Zurück in die Zukunft: Sam Rockwell

Es gibt verlockendere Angebote als das am Anfang von Gore Verbinskis »Good Luck, Have Fun, Don’t Die«. Zuerst halten die Gäste eines Diners in Los Angeles den schmuddeligen Mann, der sie beim Imbiss stört, nur für einen durchgeknallten Penner. Allerdings verleiht der Eindringling seiner Forderung, mit ihm zusammen die Welt zu retten, durch ein wohlsortiertes Arsenal von Bomben Nachdruck. Mehr oder minder freiwillig lassen sich einige der Gäste also rekrutieren. Der Mann behauptet, er komme aus der Zukunft, bewege sich in einer Zeitschleife und versuche zum inzwischen 117. Mal, mit unterschiedlichen Teams aus Gästen des besagten Restaurants sein Ziel zu erreichen. Sehr vertrauenserweckend ist das nicht. Das »Good luck« des Filmtitels werden die in ihre Rolle gezwungenen Helden brauchen; das »Have fun« gilt allenfalls fürs Kinopublikum, und mit dem »Don’t die« hat es schon 116mal nicht geklappt.

Doch gegen wen oder was soll es überhaupt gehen? In der Zukunft hat sich eine KI die Macht gesichert. Die eine Hälfte der Menschheit ist tot, die andere – wenige Widerständler abgerechnet – bekommt von ihrer tristen Umgebung nichts mit und wird in die schöne Phantasiewelt einer »Virtual Reality« versetzt. Wer da an »Matrix« denkt, liegt nicht falsch. Sobald die Zeitschleife beschrieben wird, ist von »Und täglich grüßt das Murmeltier« (»Groundhog Day«, Harold Ramis, 1993) explizit die Rede. Und so führt der Weg der Weltenretter durch zahlreiche Anspielungen auf Science-Fiction- und Horrorfilme, vor allem aber natürlich auf Weltenrettungsfilme (die »Terminator«-Reihe, »Twelve Monkeys« von Terry Gilliam bzw. Chris Markers »La Jetée« u. v. a. m.).

Dazu gehört unbedingt die rückwärts tickende Uhr. Viel Zeit darf nie bleiben und bleibt auch hier nicht. Ein neunjähriges Computergenie steht kurz davor, die KI zu programmieren, die die Menschheit versklaven wird. Die Software, um diese KI zu kontrollieren, wird leider erst fünfzig Jahre später erfunden. So müssen sich der Mann aus der Zukunft und seine Truppe bis zu dem Neunjährigen durchkämpfen, um dieses Programm rechtzeitig einzuspeisen und den Verlauf der Geschichte zu ändern. Hindernisse sind die Polizei, ein Killerduo, eine Riesenhorde zombieartig auf ihre Handys starrender Teenager und ein überdimensioniertes Katzenbabymonster mit Appetit auf Menschenfleisch. Diese Aufzählung ist unvollständig, und der Ermahnung, doch besser nicht zu sterben, können nicht alle Beteiligten Folge leisten.

Einige von ihnen bekommen Vorgeschichten, die nicht minder skurril sind als die Haupthandlung. Schon vor der Erfindung der siegreichen KI sind fast alle Menschen auf ihre Bildschirme fixiert. An Schulen ist der Unterricht unmöglich geworden. Zugleich ist – wir sind in den USA! – das Gewaltniveau hoch. Amokläufe und Schulmassaker sind an der Tagesordnung. Opfer werden körperlich perfekt nachgeklont, ihr Charakter gerät leider noch etwas holzschnittartig. Eltern, die Geld sparen wollen, bekommen nur eine Ausführung, von der sie sich ab und zu Werbung anhören müssen. Manche sind’s zufrieden: In einer Selbsthilfegruppe trifft eine der zukünftigen Weltenretterinnen auf ein Elternpaar, das bereits den vierten Klon seiner Tochter hat und nun mit neuen Eigenschaften experimentiert. Dass ihre aktuelle Tochter zugleich muslimisch und leicht rassistisch ist, bereitet ihnen viel Vergnügen.

Die Späße in diesem Film sind erfreulich böse. Leider geben sich Filmkritiker gerne ernst, in der Pressevorführung wurde kaum gelacht. Die Handlung besteht fast ausschließlich aus bekannten Versatzstücken. Doch sind diese derartig geschickt kombiniert, dass sie doch wieder einen spannenden, schwer vorhersehbaren Verlauf bilden. In den Rückblenden kennt »Good Luck« auch sterile Räume: die Eigenheime wohlhabender Eltern oder das Institut, in dem die Kinderklone programmiert werden. Das Design der eigentlichen Weltrettungsaktion lässt sich als Edeltrash beschreiben, vom Schnellrestaurant am Anfang über Hinterhöfe und Parkhäuser auf dem Weg bis zum Schaltzentrum am Ende. Alles ist abgewrackt, aber derart distanzschaffend hübsch abgewrackt, dass es ausreichend künstlich wirkt.

Sympathisch ist der Hohn über eine Welt, in der Menschen überwiegend aufs Smartphone starren. Und die Warnung vor der KI, ist das nicht ein Modethema? Wohl kaum. Zwar wird eine KI nicht die Menschheit unterjochen wollen, denn ein Programm will nichts und kann nichts wollen. Sobald aber eine KI mit Waffensystemen verbunden wird und sich das Programm, vom Kampfauftrag ausgehend, selbständig und zweckrational optimiert, kann es unvorhersehbare Aktivitäten entwickeln. Wenig spricht dafür, dass ein solches Programm Raum lässt, die Hälfte der Menschheit ruhigzustellen und durchzufüttern. In diesem Sinne: Good luck!

»Good Luck, Have Fun, Don’t Die«, Regie: Gore Verbinski, BRD/USA 2025, 134 Min., Berlinale Special, 15., 16., 19., 21.2.

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