Aus: Ausgabe vom 08.11.2017, Seite 12 / Thema

Keine zweite Front

Vor 75 Jahren besetzten US-amerikanische und britische Truppen Nordafrika. Die gegen die Naziwehrmacht gerichtete »Operation Torch« brachte der UdSSR indes keine militärische Entlastung

Von Martin Seckendorf
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»Operation Torch«: US-amerikanische Truppen landen Anfang November 1942 in Nordafrika

Am 6. November 1942 meldete die deutsche Seekriegsleitung, dass sich die Streitkräfte der britischen Kronkolonie Gibraltar »mit einem starken, aus dem Atlantik kommenden Geleitzug vereinigt« hätten und der riesige Schiffskonvoi »Kurs Ost« in das westliche Mittelmeer nehme.

Anfänglich gab es auf deutscher Seite eine erhebliche Fehleinschätzung dessen, was sich anbahnte. So erfasste die faschistische Aufklärung nur zwei der aus drei Teilen bestehenden alliierten Armada. Der direkt aus den USA kommende Konvoi unter General George Patton blieb unerkannt. Die Stärke der zwei anderen Konvois wurde erheblich unterschätzt. Klar war man sich darüber, dass es sich um die Vorbereitung einer Landeoperation handelt. Verwirrung gab es in der faschistischen Führung über die voraussichtlichen Landepunkte.

Faschistische Konfusion

Im Lagebericht des Oberkommandos der Wehrmacht (OKW) vom 7. November heißt es, »die Vermutungen über das Ziel des Geleitzuges (…) gehen weit auseinander«. Man spekulierte, die Landung erfolge in Libyen, um die aus Ägypten fliehenden deutsch-italienischen Streitkräfte im Rücken zu fassen. Auch Kreta, Korsika, Südfrankreich, Sardinien und Sizilien wurden als mögliche Ziele vermutet. Vorsorglich wurden die für die »Operation Anton« vorgesehenen Verbände der Heeresgruppe D in Frankreich in Alarmbereitschaft versetzt. Diese seit langem geplante Operation, die ab 11. November ausgeführt wurde, sollte das der Kollaborationsregierung in Vichy unterstellte, von der Wehrmacht im Krieg von 1940 nicht besetzte französische Gebiet unter die Kontrolle der Nazis bringen. Damit wollte man einen Übertritt der Vichy-Regierung zur innenpolitischen Sicherung des Gebietes überlassenen »Reststreitkräfte« auf die Seite der Alliierten verhindern.

Das OKW befahl am 7. November großmäulig die »Vernichtung des englischen Verbandes« in »rücksichtslosem sieghaften Einsatz«, da es davon die »Existenz« der deutsch-italienischen Afrika-Armee unter Hitlers »Lieblingsgeneral« Erwin Rommel abhängen sah. Die Luftwaffe wandte beim Lagevortrag sofort ein, wegen der Situation in Stalingrad und im Kaukasus sei eine »Verstärkung der Luftstreitkräfte« im Mittelmeer »im Augenblick nicht möglich«. Die deutsche Seekriegsleitung musste nach der Landung der Alliierten am 8. November eingestehen, dass »die Abwehr gegen die feindlichen Geleitzugverbände bei ihrem Vormarsch im Mittelmeer und eine wirksame Störung der Landungen missglückten«.

Am 8. November begann die anglo-amerikanische »Operation Torch« (Fackel) unter dem Oberbefehl des US-amerikanischen Generalleutnants Dwight D. Eisenhower. An der bis dahin größten amphibischen Landung der Geschichte nahmen etwa 107.000 Soldaten mit 430 Panzern teil. Fast 700 Schiffe, darunter 300 Kriegsschiffe, hatten den Transport der riesigen Streitmacht durchgeführt und die Anlandung gesichert.

Für die Wehrmacht völlig überraschend, gingen die alliierten Streitkräfte an drei Punkten in den französischen Kolonien Nordafrikas an Land: Die Westgruppe griff beiderseits von Casablanca mit dem Ziel an, die marokkanische Stadt und die Atlantikküste unter ihre Kontrolle zu bringen. Zwei weitere Gruppen landeten in Algerien, und zwar in Oran und der Hauptstadt Algier. Die drei Gruppen sollten danach in Richtung Osten gegen die französische Kolonie Tunesien vordringen.

An einigen Punkten stießen die Invasoren auf Widerstand französischer Truppen, die der Kollaborationsregierung in Vichy unterstanden. Die US-Amerikaner schlossen mit dem Repräsentanten des Vichy-Regimes in Nordafrika, François Darlan, ein Abkommen, nach dem die französischen Truppen kapitulieren sollten. Im Gegenzug sicherten die USA im Grunde die Weiterexistenz des profaschistischen Systems in Afrika zu. Das bedeutete u. a., dass Juden, Résistance-Kämpfer, Vertreter des »Freien Frankreich« (Gaullisten) und einheimische Kräfte, die für die nationale Befreiung kämpften, weiterhin verfolgt wurden. Das Abkommen löste einen Sturm der Entrüstung aus. US-Präsident Franklin D. Roosevelt geriet in politische Bedrängnis. Vorsichtig distanzierte er sich von dem Kuhhandel, bezeichnete das Abkommen als »zeitweiliges Hilfsmittel« und versprach, es werde keine »dauerhafte Regelung« sein.

Die Kämpfe wurden eingestellt. Sie verzögerten aber den Vormarsch der anglo-amerikanischen Truppen nach Tunesien um entscheidende Tage. Die Nazis konnten militärisch reagieren. Das unter Vichy-Verwaltung stehende Tunesien war in der damaligen militärischen Situation eines der wichtigsten Territorien für die Beherrschung Nordafrikas und die Kontrolle des südlichen Mittelmeers in der gesamten West-Ost-Ausdehnung von Gibraltar bis zum Suezkanal.

Gewandelte Beziehungen

Mit dem Überfall des Faschismus auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941 hatte sich auch die militärische Lage Großbritanniens grundlegend gewandelt. Der britischen Führung um Premier Winston Churchill war klar, dass durch die Bindung der Wehrmacht in der Sowjetunion eine faschistische Invasion der Inseln, die besonders seit dem deutschen Sieg über Frankreich im Juni 1940 wie ein Damoklesschwert über Land und Leuten schwebte, vorläufig »vom Tisch« war. Auch der breite Strom amerikanischer Lieferungen auf die Britischen Inseln schuf größere Sicherheit. Damit konnte sich das nicht erst durch den militanten Antikommunismus Churchills und die sowjetische Politik seit dem Molotow-Ribbentrop-Abkommen vom August 1939 extrem angespannte sowjetisch-britische Verhältnis vorübergehend verbessern. Man müsse jetzt die Sowjetunion, so die Meinung in London, durch materielle Unterstützung in die Lage versetzen, dass sie in dem faschistischen Sturm nicht untergehe. Noch am Abend des deutschen Angriffs hielt Churchill eine programmatische Rundfunkrede und sagte: »Er nehme nicht ein einziges Wort zurück«, das er vorher über den Kommunismus gesagt habe. Jetzt sei allerdings eine neue Lage entstanden. Sobald die Nazis die UdSSR niedergezwungen hätten, würden sie sich wieder der Eroberung Britanniens zuwenden. »Die Gefährdung Russlands ist (…) unsere eigene Gefährdung«, rief er aus. Deshalb müsse die britische Politik »Russland und dem russischen Volk jedmögliche Hilfe gewähren«. Ein am 15. Juli geschlossenes Abkommen besiegelte das britisch-sowjetische Bündnis während des Krieges und machte den Weg frei für die Lieferung britischer Waren zu günstigen finanziellen Bedingungen.

Zäher entwickelten sich die sowjetisch-amerikanischen Beziehungen. Isolationisten und Interventionisten stimmten in ihrer extremen antisowjetischen Haltung überein. Vor allem ihre Ablehnung der sowjetischen Westgrenze, wie sie in den Folgeabkommen des deutsch-sowjetischen Nichtangriffsvertrages von 1939 entstanden war, erschwerte eine Verbesserung des Verhältnisses. Nur zögernd setzten sich realistisch denkende Kreise um Franklin D. Roosevelt durch. Gespräche des Präsidentenberaters Harry Hopkins zwischen dem 30. Juli und 1. August in Moskau leiteten die Wende ein. Die USA lehnten es zwar ab, Fragen z. B. über die gemeinsame Politik im Kriege und über die Nachkriegsordnung mit der Sowjetunion zu erörtern. Doch wurden amerikanische Warenlieferungen in größerem Umfang, vorläufig noch gegen Barzahlung, vereinbart. Eine Entsendung von Truppen und schweren Waffen an die deutsch-sowjetische Front wurde verweigert. Man müsse erst abwarten, ob die Rote Armee standhalten könne, so das amerikanische Argument. Am 7. November 1941 verkündete der Präsident den Beschluss, die Verteidigung der UdSSR sei lebenswichtig für die Sicherheit der USA. Damit wurden die im Leih- und Pachtgesetz der USA festgelegten günstigen Liefer- und Zahlungsbedingungen auf die UdSSR angewandt.

Die Vereinbarungen waren für die Sowjetunion sicher wichtig. Die zentrale Forderung der UdSSR nach militärischer Entlastung durch Eröffnung einer zweiten Front in Westeuropa wurde nicht erfüllt. Nur dadurch wären die Nazis gezwungen gewesen, Truppen in nennenswerter Größenordnung aus der UdSSR abzuziehen.

Verhängnisvolle Entscheidung

Auf militärischem Gebiet stand die Sowjetunion in der für sie wohl kritischsten Phase des Krieges von Anfang September bis Mitte Dezember 1941, als die Wehrmacht bis etwa 20 Kilometer auf Moskau vorgerückt war, dem gewaltigen Aggressor alleine gegenüber. Die US-Administration begründete ihre abwartende Haltung damit, dass man erst im nächsten Jahr, vielleicht auch erst 1943 in der Lage sei, in Europa einzugreifen. Andere Pläne verfolgte die britische Führung. Da die Bindung der Wehrmacht im Osten und die amerikanische Unterstützung eine faschistische Invasion Britanniens unwahrscheinlich machten, wollte man sich auf die Sicherung des Atlantikverkehrs gegen deutsche U-Boote sowie des Macht- und Einflussbereichs im Mittelmeergebiet und im Nahen und Mittleren Osten konzentrieren. Diese Regionen waren durch die seit September 1940 erfolgte Aggression der Italiener gegen Ägypten, ein mögliches Vordringen der Wehrmacht über den Kaukasus in Richtung Basra und Indien und zunehmend durch antikoloniale Befreiungsbewegungen bedroht. Churchill meinte im April 1942, er sehe seine »vornehmste Pflicht in der Verteidigung« des Empire.

Im Konzept der US-amerikanischen Führung gab es nach dem Überfall der Japaner auf den US-Stützpunkt Pearl Harbor und der folgenden deutschen Kriegserklärung am 11. Dezember 1941 erhebliche Änderungen. Die USA mussten entscheiden, welche Region den Schwerpunkt ihrer Kriegführung bilden sollte. In einer Studie vom Juli 1942 fasste Roosevelt das Ergebnis der Diskussionen zusammen, das in der Formel gipfelte: »Germany first«. Es sei wichtig, zuerst die Nazis zu besiegen, dann würde möglicherweise Japan auch ohne große Kriegshandlungen aufgeben. Diese Kräfte hatten offensichtlich die längerfristigen Pläne der Nazis durchschaut. Hitler erklärte sie am 5. Dezember 1940 vor seiner Generalität: Durch die Eroberung der Sowjetunion mit ihren »unermessliche(n) Reichtümer(n)« würde Nazideutschland der »Herr Europas« mit einer Landverbindung nach Asien, ökonomisch unangreifbar und in der Lage, »den Kampf gegen Kontinente« um die Weltherrschaft »zu führen.« Das war eine tödliche Bedrohung, auch für die USA.

Die USA favorisierten eine baldige großangelegte militärische Landung in Nordwestfrankreich, um den Faschismus militärisch zu bedrängen. Da die Masse der Nazitruppen in der Sowjetunion gebunden sei und sich die deutschen Befestigungsanlagen am Kanal und an der französischen Atlantikküste noch in einem embryonalen Zustand befänden, sei die Situation für die Eröffnung einer zweiten Front günstig. Auch die politische Seite wurde erörtert: Nur wenn man einen bedeutenden Beitrag zum Sieg über den Faschismus leiste, könne man in erheblichem Maße die Nachkriegsentwicklung beeinflussen. Über den Charakter der Nachkriegsordnung ließen die beiden imperialistischen Hauptmächte keinen Zweifel. Churchill kommentierte die anglo-amerikanische Proklamation vom 12. August 1941 mit den Worten, dass sich die USA und Großbritannien zusammengeschlossen hätten, »um bis zur Aufrichtung einer besseren Ordnung eine Art von Polizeigewalt über die Welt auszuüben«.

Die militärische Entwicklung in Nordafrika im Jahr 1942 verstärkte das britische Zögern hinsichtlich einer Großlandung in Frankreich. Seit Anfang 1942 trieben deutsch-italienische Truppen unter Rommel die 8. britische Armee in Libyen nach Osten vor sich her. Im Juni fiel die britische Seefestung Tobruk. Die Faschisten drangen in Ägypten ein. Erst 70 Kilometer vor Alexandria kamen sie mehr durch Nachschubmangel als durch britische Einwirkung zum Stehen.

Faschistische Truppen in Ägypten bedeuteten eine ernste Bedrohung britischer Positionen im Mittelmeergebiet und im Nahen und Mittleren Osten. Die Lage schien für Churchill auch dadurch so gefährlich, weil die Nazis die Ägypter zum Aufstand gegen die Briten aufriefen. Rommel forderte die Propaganda- und Diversionszentralen in Deutschland auf, seine Bemühungen in dieser Richtung zu unterstützen.

Churchill lehnte sowohl gegenüber den USA als auch der Sowjetunion eine Großlandung in Frankreich mit dem Argument ab, dass sie vorläufig noch aussichtslos sei. Angesichts der prekären militärischen Lage der Briten in Ägypten und zur Erhaltung des britisch-amerikanischen Bündnisses gaben die USA ihre Pläne für Nordwestfrankreich vorläufig auf und unterstützten die britische Forderung nach einem starken US-Engagement in Nordafrika.

Am 25. Juli 1942 befahl Roosevelt, genaue Pläne für eine Landung in Französisch-Nordafrika zu erarbeiten. Unter der Deckbezeichnung »Torch« sollte die Landung nicht später als am 30. Oktober erfolgen. Der »Torch«-Oberbefehlshaber Eisenhower war davon ausgegangen, dass die Operation bis spätestens zum Jahresende mit der Einnahme Tunesiens beendet sein werde und man sich dann auf eine Invasion in Nordwestfrankreich vorbereiten könne. Doch die Kämpfe zogen sich bis Mitte Mai 1943 hin. Die Eröffnung einer zweiten Front war in weite Ferne gerückt.

Mit der Vorbereitung von »Torch« war eine der folgenreichsten Entscheidungen des Zweiten Weltkrieges gefallen. Der Krieg sollte länger dauern und die Zahl der Opfer beträchtlich steigen. Die Westmächte hatten den Schwerpunkt ihres Kampfes für längere Zeit in den Mittelmeerraum verlegt, und das in einem Augenblick, in dem die Sowjetunion wegen der scheinbar unaufhaltsam gegen Stalingrad und den Kaukasus rollenden Wehrmachtsoffensive »Braunschweig« (siehe jW-Themaseite vom 27.6.2017) wiederum in eine kritische Lage geraten war. Hinzu kam, dass in dieser für die UdSSR bedrohlichen Situation die Westmächte die Lieferungen an den sozialistischen Staat auf der Nordroute praktisch einstellten – man brauche den Schiffsraum für Truppentransporte nach Nordafrika, hieß es. Auch die Lieferungen über Basra am Persischen Golf wurden erheblich reduziert. Statt dessen wurden auf diesem Weg die britischen Truppen in Ägypten und in Nahost versorgt. Stalin blieb trotz der Lage in der Sowjetunion nichts anderes übrig, als die schwerwiegende Verletzung der Bündnispflichten hinzunehmen.

Wettlauf nach Tunis

Nachdem die anglo-amerikanischen Truppen gelandet waren, befahl das OKW, Tunesien zu besetzen. Nordafrika müsse als »Vorfeld« des faschistischen Europa »unbedingt gehalten werden«, verfügte das OKW. Von Westen drangen die alliierten Verbände langsam in Richtung Tunesien vor. In Ägypten hatte die Nilarmee unter Bernard Montgomery nahe der Stadt Al-Alamain einen entscheidenden Sieg über Rommels Armee errungen. Seit dem 4. November drängte sie die deutsch-italienischen Verbände zügig in Richtung Westen zurück. Eine Vereinigung der beiden alliierten Stoßkeile hätte das Ende der faschistischen Herrschaft in Nordafrika bedeutet mit schwerwiegenden Folgen für das wankende Mussolini-Regime und die gesamte Südflanke des Naziimperiums.

In aller Eile wurden aus Italien und Frankreich zusammengewürfelte Einheiten im Lufttransport nach Tunesien geworfen. Schon am 8. November hatte das OKW wirklichkeitsfremd befohlen, die gelandeten alliierten Truppen »im Zuge einer demnächstigen offensiven Kampfführung wieder aus Nordafrika« zu vertreiben.

Der angelaufene Transfer über See wurde zunächst dadurch behindert, dass Widerstandskämpfer tunesische Häfen durch Schiffsversenkungen blockiert hatten. Die deutsch-italienische Streitmacht in Tunesien wuchs binnen weniger Wochen auf ca. 100.000 Mann. In kurzer Zeit war ein großer Teil des Landes besetzt und Verbindung mit den aus Libyen zurückflutenden Verbänden Rommels hergestellt. Diese konnten sich in Südtunesien hinter der Mareth-Linie vorübergehend verschanzen. Den Run auf Tunesien hatten die Westmächte vorerst verloren. In den Kämpfen bis Ende Dezember 1942 erlitten die unerfahrenen US-amerikanischen Truppen schwere Verluste. Die Nazis konnten das okkupierte Gebiet in Tunesien weiter nach Westen ausdehnen.

Die Erfolge führten in der deutschen Militärführung zu unglaublicher Euphorie. Der Wehrmachtsführungsstab schrieb am 10. Dezember 1942, die weitgehende Zurückdrängung der alliierten Truppen aus Nordtunesien berechtige zu der Hoffnung, »dass es uns gelingt, in Tunesien die Basis für spätere Angriffsoperationen zu halten und auszuweiten«. Wegen des kurzen Weges von Sizilien nach Tunesien glaubte das Oberkommando des Heeres, genügend Panzer und anderen Nachschub bereitstellen und unverzüglich »die Reise nach Casablanca ohne große Aufenthalte beginnen« zu können. Das sollte sich schnell und dramatisch ändern. Am 15. Dezember 1942 notierte die deutsche Seekriegsleitung, von 53 Schiffen für den Afrikatransport mit insgesamt 177.717 Bruttoregistertonnen (BRT) seien 42 Fahrzeuge mit 155.630 BRT verlorengegangen, vier Schiffe mit 12.480 BRT seien beschädigt worden. Nur noch sechs Einheiten mit 9.607 BRT waren fahrbereit. »Eine katastrophale Bilanz«, wird in der Analyse eingeschätzt.

Trotzdem begann Rommel Mitte Februar 1943 die »Reise nach Casablanca«. Er griff die anglo-amerikanischen Truppen bei Kasserine in Mitteltunesien an, so dass sie sich nach Algerien zurückziehen mussten. Ziel war der Durchbruch zur algerischen Mittelmeerküste. Die östlich davon stehenden starken alliierten Kräfte sollten vernichtet werden. Schon nach wenigen Tagen wendete sich das Blatt. Unter großen Verlusten mussten sich die faschistischen Truppen zurückziehen.

Auch die britische Nilarmee setzte ihren Vormarsch zügig fort. Rommel, inzwischen Oberbefehlshaber aller deutschen und italienischen Truppen in Tunesien, griff am 6. März Montgomery an – und erlitt die größte Niederlage seit Al-Alamain. Ein Drittel der deutschen Panzer ging verloren. Am 9. März wurde Rommel entlassen. Die Amtsenthebung erfolgte in aller Heimlichkeit. Man wollte den um den Generalfeldmarschall aufgebauten Mythos nicht dadurch zerstören, dass seine Person mit einer katastrophalen Niederlage in Verbindung gebracht wurde. Die Propagandagestalt Rommel als unbesiegbarer Feldherr sollte in kommenden schwierigen Situationen noch verwendbar sein.

Widersprüchliches Ergebnis

In Tunesien hatten die Alliierten in der Luft und auf See die absolute Herrschaft errungen. Das deutsche Besatzungsgebiet war blockiert. Für die Faschisten verschärfte sich die Lage dramatisch.

Am 12. Mai endeten die Kämpfe. Etwa 275.000 deutsche und italienische Soldaten gerieten in Gefangenschaft. Harold Alexander, der britische Oberbefehlshaber in Tunesien, funkte am 13. Mai 1943 an Churchill: »Pflichtgemäß erstatte ich Meldung, dass der Feldzug in Tunesien beendet ist. Jeder feindliche Widerstand hat aufgehört.« Das Unternehmen war ein strategischer Erfolg.

Doch »Torch« bedeutete nicht die zweite Front. Es wurden keine deutschen Soldaten aus der Sowjetunion und für die Ostfront vorgesehene Nachschubgüter nach Tunesien gebracht. In einer Studie des OKW vom 10. Dezember 1942 heißt es, dass »die eigenen Kräfte mit der Masse auch weiterhin im Osten gebunden bleiben und im Augenblick einen dauerhaften Kräftezuschuss allein schon für eine erfolgreiche Verteidigung erfordern«.

Die Sowjetunion stand den Hauptkräften des Faschismus weiterhin allein gegenüber.

Martin Seckendorf schrieb an dieser Stelle zuletzt am 27. Juni 2017 über den Sommerfeldzug der faschistischen Wehrmacht gegen die Sowjetunion.


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