Grüße aus New Orleans
Von Gisela Sonnenburg
Es gibt nichts Besseres bei schwierigem Wetter als ein Jazzkonzert mit hohem Dixiegehalt. Das bewies die von Hannes Zerbe am Dienstag in der Berliner Maigalerie der jungen Welt vorgestellte Band Faustroll Four. Schon das Einstimmen der Instrumente wirkte irgendwie kunsthaltig. Denn das tiefe Brummen aus dem Trichter des mächtigen Sousaphons und das helle Scheppern des sanft gezupften Banjos korrespondieren – auch ohne festgelegten Rhythmus.
Mit klaren Tönen, viel Präzision und dem Flair absoluter Hingabe begeistern die vier Musiker von Faustroll Four. Ruth Schepers an der Sopranklarinette legt Soli hin, die mitreißen und unter die Haut gehen. Auch Dirk Steglich, der im Quartett ebenfalls eine Sopranklarinette spielt, sowie Rolf Sudmann am Banjo und Jason J. Liebert sind Künstler von hohem Rang.
»Wir spielen Hot Jazz«, sagt Steglich: »Also Dixie, um den Eispanzer, der Berlin derzeit im Griff hat, aufzubrechen.« Das gelingt. Die Klänge scheinen direkt aus dem Mississippidelta zu kommen: Wie ein Gruß aus New Orleans mutet es an. Kleine Geschichten werden damit erzählt. Mal geht es um eine Horde Kinder, die erst brav ist und dann immer wilder wird. Aber auch im Blues findet sich das Spiel von Harmonie und Kontrapunkt. Mit Witz: Wie von Alfred Jarry erfunden (der Superheld Faustroll, Doktor der Pataphysik), gibt Faustrolls Reisebegleitung, ein menschelnder Pavian, immer nur »Haha« von sich. Das sind hier zwei Töne, die keinen Widerspruch dulden: »Haha!«
In »Chinatown« herrscht derweil ein rasanter Ton: mit den schrägen Rhythmen des Charleston und schnellen Steps im Vorwärtsrausch. Manchmal schraubt sich die Melodie auch spiralig rauf und runter und findet erst im Schlussakkord zur gemütlichen Harmonie. Das Behagliche, das Wohlgefühl, gehört beim Dixie ja fest dazu. Ebenso die Harmonien, auf denen er leichtfüßig herumklettert wie ein übermütiges Kind auf den Steinen in einem reißenden Fluss.
Der vor Lebendigkeit nur so sprudelnde Sound des Ragtime entströmt musterhaft einem Song aus dem Film »Der Clou«. Scott Joplin hingegen schuf einen Rag im Walzertakt, zwischen Melancholie und Zünftigkeit pendelnd. Der »Russian Rag« zitiert indes Rachmaninow. Und in manchen Stücken singen drei Viertel des Quartetts.
Dabei sah man schon 1928 gern mal auf die Welt herab: bei der »Reise mit dem persischen Teppich«, der natürlich ein fliegender ist. Gäbe es doch fliegende Teppiche auch für die Demonstranten im heutigen Iran. Die 90 Minuten mit Faustroll Four geben einem jedenfalls die Kraft im Herzen, sie nicht zu vergessen. Wirklich fabelhaft, diese vier.
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