Abseits der Bühne
Von Holger Römers
Der Dokumentarfilm »Coexistence, My Ass!« entlehnt seinen Titel einem Comedyprogramm, mit dem Noam Shuster Eliassi mehrfach in Nordamerika sowie beim Edinburgh Fringe Festival aufgetreten ist. Deshalb scheint es folgerichtig, dass auch die Erzählstruktur auf besagter One-Woman-Show aufbaut. Regisseurin Amber Fares streut regelmäßig Ausschnitte einer Vorstellung ein, die ihre israelische Protagonistin im September 2025 vor Montrealer Publikum gegeben hat. Der Bühnenmonolog liefert wiederum (mittelbar) die Stichworte, um mit Material aus anderen Quellen den biographischen Hintergrund Shuster Eliassis aufzublättern beziehungsweise Eindrücke aus ihrem Privatleben und ihrer Arbeit in Israel zu sammeln. Dabei macht sich erst allmählich eine Dissonanz zwischen den beiden Erzählebenen bemerkbar, die man schließlich als Ausdruck eines fundamentalen Widerspruchs auffassen kann: Abseits der Bühne haben die Reflexionen der 1987 geborenen Komikerin nämlich die Wirkungsmöglichkeit ihrer politisch gemeinten Stand-up-Nummer nachhaltig in Frage gestellt.
Dieser interessante Widerspruch mag schlicht mit den konzeptuellen Brüchen zu erklären sein, die die fünfjährige Entstehungsgeschichte des Filmes mit sich brachte – zumal vor dem Hintergrund des eskalierenden Nahostkonflikts. Dabei variieren die ersten zwanzig Minuten den Kurzfilm »Reckoning with Laughter: Noam Shuster returns to Israel«, den Fares 2021 im Auftrag von Al-Dschasira über dieselbe Hauptfigur angefertigt hat. Rekapituliert wird deren vorübergehender Aufenthalt in den USA, wo 2019 auf Einladung der Harvard University die Entwicklung des Bühnenprogramms begann, dessen geplante Präsentation an vergleichbar prestigeträchtigen Orten, wie etwa dem Washingtoner Kennedy Center, vom Coronalockdown vereitelt wurde.
Shuster Eliassi macht sich keine Illusionen (mehr) darüber, warum sie von westlichen Eliteinstitutionen herumgereicht wurde: Von jüdischen Eltern, deren Familien aus dem Iran beziehungsweise aus Rumänien eingewandert waren, ist sie in Wahat al-Salam/Neve Shalom großgezogen worden. Diese selbsternannte »Oase des Friedens« ist womöglich der einzige Ort in Israel, wo Juden und Palästinenser in absichtlicher Nachbarschaft leben und damit scheinbar den Beweis erbringen, dass Koexistenz bloß eine Frage guten Willens wäre – ungeachtet eklatanter Ungleichheiten. Kein Wunder, dass diese Frau, die fließend Arabisch spricht und deren beste Freundin seit Kindheitstagen eine Palästinenserin ist, schon im Grundschulalter von TV-Journalisten gern vor deren Kameras gestellt wurde, wie entsprechende Videoausschnitte vor Augen führen. Man sieht zudem Nachrichtenbilder eines Besuchs von Hillary Clinton, der Shuster Eliassi nach eigenen Angaben als Sechsjährige die Hände schüttelte, bevor später der Dalai Lama folgte, dem sie nunmehr als UN-Vertreterin begegnete.
Dazu passt Fares’ Filmographie: Die libanesischstämmige Kanadierin hatte bisher nur einen Langfilm, den Dokumentarfilm »Speed Sisters« (2015) über palästinensische Rennfahrerinnen, vorzuweisen. Doch als letzte Arbeit ist bezeichnenderweise »We Are Ayenda« (2023) verzeichnet, ein von Whats-App produzierter Kurzfilm, der in erbaulichem Ton nacherzählt, wie afghanische Jugendfußballerinnen mit der vage angedeuteten Hilfe westlicher Geheimdienstler aus Kabul evakuiert wurden. Davor gab es die Koregie bei einer Episode von »Gutsy – Geschichten über mutige Menschen« (2022), einer Apple-TV-Dokuserie, über die man wahrscheinlich nur wissen muss, dass sie von Hillary und Chelsea Clinton produziert und moderiert wurde.
In diesem Film begleitet Fares jedoch eine schrittweise, konsequente Radikalisierung, die ihre faszinierende Wirkung nicht zuletzt dem ursprünglichen Bemühen um Gefälligkeit verdankt: Es gibt keinen Zweifel, dass Shuster Eliassi Humor von Anfang an als Mittel betrachtete, um für die Interessen der Palästinenser zu streiten. Folgerichtig hadert sie mit dem unpolitischen Charakter von Stand-up-Comedy in Israel – und findet sich doch zu Witzeleien über Körperbehaarung bereit. Aus diesem Dilemma hat sie offenbar geschlossen, ›übers Ausland‹ auf die eigene Gesellschaft einwirken zu müssen: 2022 provoziert sie ein internation les Medienecho, indem sie den Zynismus der sogenannten Abraham-Verträge mit einem vorgeblichen Loblied (»Dubai, Dubai«) in gesäuseltem Arabisch aufs Korn nimmt.
Zuletzt sieht man sie in diesem Film vor allem demonstrieren, gegen den Gazakrieg und zuvor gegen die Ausblendung des Themas Besatzung aus der verbreiteten Kritik an Netanjahus Justizreform. Das impliziert die Wirkungslosigkeit der zunächst angewandten humoristischen Mittel – weshalb es in gewisser Weise logisch ist, dass die Montrealer Gags in ihrer glatten Routine von Anfang an schal anmuten. Eben deshalb bleibt freilich offen, ob die Forderung nach einem demokratischen, binationalen Staat »from the river to the sea«, in der dieser Monolog gipfelt, die zeitgenössische Variante des Kabaretts abschließend transzendiert – oder ihren politischen Anspruch endgültig ad absurdum führt.
»Coexistence, My Ass!«, Regie: Amber Fares, USA/Frankreich 2025, 95 Min., Kinostart: heute
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