Letzter Eintrag ins Register
Von Barbara Eder
Das Zeitungssterben ist kein österreichisches Schicksal. Im Fall des politisch klar verorteten Tagebuchs ist die Einstellung jedoch symptomatisch. Am 30. Jänner 2026 gaben Chefredakteur Benjamin Opratko und Geschäftsführer Samuel Stuhlpfarrer das Ende der Zeitschrift nach sechs Jahren Erscheinen bekannt, Autoren und Fotografen derselben erfuhren davon am Vortag. Sinkende Abonnentenzahlen, stark steigende Produktionskosten und weitere absehbare Teuerungen – diese ökonomischen Grundlagen machen eine Fortführung unmöglich. Das Eingeständnis fiel nüchtern aus, doch blieb zwischen den Zeilen spürbar, was hier verloren geht: die Zeitschrift einer in Österreich schwach ausgeprägten linken Gegenöffentlichkeit, deren Herausgeber sich von Beginn an nicht an Marktlogiken, sondern an politischer Überzeugung orientierten.
Seit Oktober 2019 erschien Tagebuch als aufwendig gestaltete Printzeitschrift mit Essays, Reportagen, Interviews, Kommentaren, festen Debattenseiten und einem umfangreichen Rezensionsteil. Die Redaktion setzte auf lange Formen und tiefe Recherchen, fernab von lärmendem Agenturjournalismus, investigativem Imponiergehabe und der Beschleunigungslogik digitaler Newsrooms. Der Untertitel »Zeitschrift für Auseinandersetzung« blieb bis zuletzt Programm – und zugleich bewusst gesetzte historische Referenz. Erstmals erschienen war die als Wiener Tagebuch bekannte Zeitschrift (der Name variierte über die Jahre immer wieder, gegründet wurde sie als Österreichisches Tagebuch) 1946 als Kulturorgan der Kommunistischen Partei Österreichs. Seit dem »Prager Frühling« nahm das Druckwerk eine Sonderstellung ein. Die Lossagung vom politischen Mutterschiff, der eigenständige Kurs, die Weigerung, Fremdbestimmung und Dogma mitzutragen – all das schimmerte in der Neuauflage durch. Ohne Nostalgie, aber mit historischem Sensorium verstand sich das neue Tagebuch als Fortsetzung des alten unter veränderten Vorzeichen. Die Rubrik »Tagebuch im Tagebuch« machte diese Genealogie explizit, indem sie frühere Texte kontextualisierte und sie in die Gegenwart rückübersetzte.
»Tagebuch sucht die Auseinandersetzung mit den Verhältnissen« – diese Setzung war bezeichnend für das Selbstverständnis der Zeitschrift. Samuel Stuhlpfarrer, zuletzt ihr Geschäftsführer, orientierte sich dabei an einem strömungsübergreifenden Begriff von Linkssein: oppositionell, analytisch und nicht identitätspolitisch verengt. »Politische Überzeugung«, so Stuhlpfarrer im Gespräch mit jW, habe man bei Tagebuch bewusst »über wirtschaftliche Vernunft« gestellt und sich dabei »vom gedruckten Wort leiten lassen«. Tagebuch, sagt er rückblickend, habe »gewissenhaft die politische Bühne bestritten« – auch zu jenen Zeiten, die er selbst als »schwere Jahre für die Linke« bezeichnet. Entlang klassischer Spaltungslinien – etwa der Coronapolitik oder dem Gazakrieg – wurde nicht polarisierend zugespitzt, sondern differenziert argumentiert. Das Themenspektrum erstreckte sich von Autoritarismusanalysen über Arbeits- und Klassenfragen bis zu Erinnerungspolitik, Migration und Kulturpolitik.
Doch die Verhältnisse, sie sind nicht so. Zuletzt erschien Tagebuch zweimonatlich, unterstützt durch eine Publizistikförderung von rund 6.000 Euro. Für die Presseförderung wäre eine mindestens zweiwöchentliche Erscheinungsweise nötig gewesen, die staatliche Qualitätsjournalismusförderung setzt ein Minimum an zwei Vollzeitäquivalenten voraus – zuletzt waren für das Tagebuch nur mehr eineinhalb Vollzeitstellen finanzierbar. Auch der hierzulande weit verbreiteten Ästhetisierung des Politischen, durch die Konfliktuales ins Kunstregister verschoben wird, hat Tagebuch sich nie verschrieben. Die Jahresschuber für Unterstützerinnen und Unterstützer, die die Hefte eines gesamten Jahrgangs bündeln, blieben in ihrer Gestaltung äußerst schlicht – eine stille Ästhetik des Widerstands. Papier gewordene Solidaritätsbekundungen ändern jedoch nichts an der strukturellen Enge der österreichischen Medienlandschaft. Aber sie markieren, was bleibt: eine Haltung.
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