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Aus: Ausgabe vom 30.01.2026, Seite 10 / Feuilleton
Literatur

Tagebuch des Elches

Clemens J. Setz hat mit »Das Buch zum Film« frühe Notate veröffentlicht
Von Ken Merten
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Die Menschheit als Publikum einer seltenen Begebenheit

Im Sommer letzten Jahres litt Großbritannien unter einer Dürre. Um Kühlwasser für die Serverzentralen zu sparen, bat die Umweltbehörde um Löschung alter Mails aus den Postfächern. Ein Vierteljahrhundert zuvor, da sei er anfangs noch nicht ganz volljährig gewesen, schreibt der Grazer Autor Clemens J. Setz in seinem neuen Buch, habe er das Notieren begonnen, und zwar »zuerst in täglichen E-Mails an verschiedene, von mir als eine Art lebendes Tagebuch missbrauchte Menschen«. Der Zettelkasten des Georg-Büchner-Preisträgers von 2021 ist voriges Jahr auch als »Buch zum Film« erschienen. Man kann damit den Servern Luft zufächeln.

Die in den 2000er Jahren entstandenen Notate sind nicht unbehaun publiziert, Setz macht das im Vorwort deutlich. Man würde es bei der Lektüre auch ohne den Hinweis mutmaßen. Setz schildert, wie er nach der Schule Zivildienst in einer Einrichtung für Menschen mit Behinderungen leistete. Wer das Werk des Steirers kennt, wird sich an die heterotopischen Handlungsorte der Romane »Indigo« (2012) und »Die Stunde zwischen Frau und Gitarre« (2015) erinnern.

»Man lässt mich«, notiert Zivi Setz im September 2000 und heute schockieren derlei Zustände nicht, »völlig ohne Einschulung, Kinder via Magensonden füttern, mit dem Hinweis, es sei niemand sonst da, der Zeit dafür hat. Ich mache andauernd alles falsch. Hinterher vertuschen alle alles. Abends stehe ich an der Haltestelle und werde von Wahlkampfplakaten angestarrt.«

Er verliebt sich in eine Klientin – und es beginnt, was an »Das Buch zum Film« autofiktionaler Roman ist: »J.s Eltern kommen über Ostern zu Besuch. Den schwitzenden schnaubenden Alkoholikervater kennengelernt. Er würdigt mich keines Blickes, will nicht hier sein. ›Sie mögen Eichendorff?‹, frage ich wie ein Idiot die Mutter. J. erwähnte es mehrere Male. Aber es entspinnen sich keine Gespräche.« Es lässt sich mutmaßen, dass hier nachträglich bearbeitet und die Handlung konturiert wurde. Nach dem Wehrersatzdienst ziehen Setz und J. zusammen. Beide sind mit tyrannischen Vätern geschlagen, sie wird zudem von Depressionen geplagt, was dem jungen Lehramtsstudenten alles abverlangt. Setz wandelt J. – so aussichtslos, als schütze man jemand vor der prallen Sonne mit einem durchsichtigen Regenschirm – in eine dritte, scheinbar außenstehende Person: »Eine Frau, die sagt: ›Ich brauche einen Mann, der mich davon abhält, mich irgendwann zu erhängen. Einer, der nicht einmal das leisten kann, sorry, aber den kann ich einfach nicht ernst nehmen.‹« Vielleicht aber spricht hier nicht J., sondern der junge Setz spricht aus, was er denkt, was sie denkt.

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»Das ist Clemens.«

Dazwischen finden sich Miniaturen, getrocknete Blumen, vor der Blüte in Buchseiten gelegt und gepresst, Ideen für Erzählungen, die über den Status der Idee nie hinauskamen und wenn nicht aus-, auf diese Weise zumindest anerzählt sind: »Geschichte über einen blinden Klavierstimmer, der ein an sich gar nicht besonders schlimm verstimmtes Klavier neu einstellen soll. Dabei sind die Anleitungen und Wünsche der Familie auffallend unmusikalisch, und schwer erfüllbar, wie ›Die mittleren Töne sollen abends nicht an fernes Glockenläuten und an den Tod erinnern‹.« Wenig überraschend ist auch, dass der adoleszente Setz schon so poetisch meschugge ist wie der Autor von »Die Liebe zur Zeit des Mahlstädter Kindes« (2011) und »Monde vor der Landung« (2023). Seine Notizen aus der Zeit kurz nach »9/11« wecken Erinnerungen daran, wie man Anfang 2020 regelmäßig die interaktive Karte des Tagesspiegels zum Stand der Coronapandemie sichtete als ein neues, extravagantes wie morbides regelmäßig gelebtes Leben: »Bis spät in die Nacht vor CNN. Man schläft sehr leicht davor ein, behütet von der Katastrophe. Der extremste Ernstfall enthält ja keine Überraschungen mehr, also wirkt die Berichterstattung vollkommen geborgenheitseinlullend. Schon drei Tage später vermisst man es.«

Wer statt dessen lieber wieder Server statt Bäume strapazieren will: Einiges aus »Das Buch zum Film« wusste oder ahnte man bereits dank Setz’ gemeinsam mit der Schriftstellerkollegin Barbara Zeman (»Beteigeuze«, 2024) betriebenen, so informativ-amüsanten wie penetrant verplauderten Podcasts »Erster österreichischer Sachbuchpreis«.

Zu Beginn der 22. Episode sprechen die beiden über den Elch, der sich in die Alpenrepublik verirrt hat. Man solle das Tier nicht stören, so Setz, sondern es vorbeiziehen lassen. Die Menschheit als Publikum einer seltenen Begebenheit, Tagebuch des Elches. Schon im Vorwort zu »Das Buch zum Film«, hält Clemens J. Setz, angelehnt an ein beliebtes Froschmeme, fest: »Das ist Clemens. Er ist das Konzept, das entsteht, wenn du die folgenden Seiten liest.«

Clemens J. Setz: Das Buch zum Film. Verlag Jung und Jung, Salzburg 2025, 192 Seiten, 24 Euro

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