Gegründet 1947 Montag, 2. März 2026, Nr. 51
Die junge Welt wird von 3063 GenossInnen herausgegeben
Aus: Ausgabe vom 16.01.2026, Seite 2 / Ansichten

Neue Epoche der Weltwirtschaft

2k2.jpg

Am Donnerstag berichteten FAZ, Handelsblatt und jW auf ihren Titelseiten vom Rekordüberschuss in Chinas Außenhandel. Die meisten anderen Medien brachten die Meldung unter ferner liefen. FAZ und Handelsblatt berichteten zudem ausführlich im Innenteil. Handelsblatt: »Die Zahlen zeigen: Die Weltwirtschaft tritt gerade in eine neue Epoche ein.«

Die FAZ setzt das Foto eines großen Containerschiffs auf ihre erste Seite und ulkt: Markus Söder habe verkündet, größere Einheiten seien »erfolgreicher als kleine«. Aber weder das Saarland noch Bremen hätten sich inzwischen abgeschafft. »Dafür gab China bekannt, im Jahr eins des zweiten Trump’schen Zollkriegs« eine Rekordbilanz im Außenhandel erreicht zu haben. FAZ: »Da könnte sich selbst ein Bayer klein vorkommen.«

Der Bericht des FAZ-Wirtschaftskorrespondenten für China, Gustav Theile, trägt die Überschrift: »Chinas Exportrekord für die Geschichtsbücher«. Theile zitiert Dan Wang, Direktorin für China des Beratungsunternehmens Eurasia Group: »Es gibt keinen historischen Vergleich für eine ähnliche Exportdominanz.« Zuletzt hätten die USA während der Weltkriege »Exportüberschüsse ähnlichen Ausmaßes« erzielt.

Die Volksrepublik kämpfe aber, so Theile, »im Inland mit einer schwachen Nachfrage, die von der Immobilienkrise ausgelöst wurde«. Die Erzeugerpreise sinken demnach seit drei Jahren, die Deflation sei deutlich spürbar: »Eiscreme kostet mitunter weniger als 25 Cent. Hotelzimmer in gehobenen Vier-Sterne-Hotels kosten in vielen Städten kaum 50 Euro, Mahlzeiten häufig nur zwei, drei Euro.« Chinesische Produkte seien so in den vergangenen drei Jahren im Ausland immer günstiger geworden, während die hohe Inflation in westlichen Industrienationen deren Produkte »deutlich teurer« gemacht habe.

Erneut berichtet zudem im Handelsblatt dessen China-Korrespondent Martin Benninghoff über einen chinesischen Weltmarktführer: Das Unternehmen DJI aus dem südchinesischen Shenzhen habe einen Anteil von 76 Prozent am globalen Markt für zivile Drohnen in der Landwirtschaft und bei Lieferdiensten. Kurz vor Weihnachten aber hätten die USA die meisten ausländischen Drohnen faktisch verboten. Das richte sich vor allem gegen DJI. Die standardmäßige Begründung: Private Unternehmen wie DJI müssten Daten an den chinesischen Staat weitergeben. DJI reagiere darauf mit Produktvielfalt und stelle nun auch E-Bike-Antriebe und Staubsaugerroboter her.

Die EU will laut FAZ und Handelsblatt ähnlich wie die USA gegen chinesische Konkurrenz vorgehen. Neue Epoche, neue Wirtschaftskriege. (as)

links & bündig gegen rechte Bünde

Jetzt den kostenlosen jW-Newsletter abonnieren – täglich das Beste aus der Tageszeitung junge Welt, direkt in Ihr Postfach. Ihre E-Mail-Adresse wird natürlich niemals an Dritte weitergegeben.

  • Leserbrief von Istvan Hidy aus Stuttgart (15. Januar 2026 um 21:20 Uhr)
    Einige Anmerkungen: China ist in der materiellen Produktion zur Werkbank der Welt geworden. Diese industrielle Basis hat in den vergangenen Jahrzehnten ein enormes allgemeines Wohlstandswachstum im Land ermöglicht. Demgegenüber stützt sich die US-Wirtschaft – abgesehen von weiterhin bedeutenden Teilen der Rüstungsindustrie – in hohem Maße auf Börsenbewertungen, Finanzdienstleistungen und komplexe Finanzprodukte, von denen die breite Bevölkerung nur begrenzt profitiert. Hinzu kommt, dass China seine Währung, den Yuan, über lange Zeit bewusst niedrig bewertet hat, was die Exportfähigkeit zusätzlich stärkt. Dadurch erklären sich auch die im Bericht genannten sehr niedrigen Binnenpreise. Gleichzeitig verfügt China mit knapp 1,4 Milliarden Menschen über ein außergewöhnlich großes Reservoir an Talenten – quantitativ wie qualitativ. Dazu passt eine oft erzählte Anekdote aus dem chinesischen Tischtennis: Zu einer Weltmeisterschaft erschien der eigentlich nominierte Spieler nicht am Flughafen. Der Trainer suchte kurzfristig Ersatz und erreichte telefonisch lediglich den zu diesem Zeitpunkt Achtplatzierten der chinesischen Rangliste. Er solle einfach seinen Schläger mitbringen. Der Spieler reiste mit – und wurde Weltmeister. Auf die Frage eines Reporters nach seinem Glück antwortete er bescheiden, dass nicht nur er, sondern jeder der Top Ten ebenso Weltmeister hätte werden können. Diese Kombination aus industrieller Stärke, strategischer Wirtschaftspolitik und enormer personeller Tiefe erklärt einen wesentlichen Teil der chinesischen Exportdominanz – und warum die Weltwirtschaft tatsächlich in eine neue Epoche eintritt.

Ähnliche:

  • Der Wahn von den goldenen Zeiten, die unter seiner Ägide anbrech...
    24.12.2025

    Die Politik des Regelbruchs

    Globale Verwerfungen. Mit Beginn der Amtszeit von Donald Trump ist die internationale Lage noch unübersichtlicher geworden
  • »Buy European« heißt für Autoindustrie wohl zunächst, dass die P...
    08.10.2025

    EU macht dicht

    Kommission verdoppelt Einfuhrzölle für Stahl und fördert »heimische« Produktion, etwa von KI und Rüstung. Das betrifft Freund wie Feind

Regio:

Mehr aus: Ansichten

                                               10 Wochen junge Welt online lesen für nur 10 € – jetzt bestellen!