EU hilft sich selbst
Von Reinhard Lauterbach
Wer ein Gedächtnis mit einer Speicherdauer von mindestens einem Monat hat, erinnert sich vielleicht noch an den EU-Gipfel Mitte Dezember. Brüssel wollte unbedingt Mittel für die weitere Finanzierung der Ukraine und des dortigen Krieges lockermachen. Der direkte Zugriff auf in Belgien blockierte russische Zentralbankguthaben fand keine Mehrheit, also zog die Kommission einen über den EU-Haushalt gesicherten Kredit über 90 Milliarden Euro in zwei Jahren aus dem Ärmel. Der von der Ukraine gemeldete Bedarf lag etwa doppelt so hoch. Woher der Rest kommen sollte, blieb offen. Trotzdem lobten sich die Urheber des Plans über den grünen Klee.
Einen Monat später ist die Luft raus aus der europäischen »Großzügigkeit«. Es stellt sich heraus, dass nur ein Drittel des bewilligten Geldes für die Aufrechterhaltung der allgemeinen Staatsfunktionen vorgesehen ist – da stehen also Kürzungen im Raum, um den Staatsbankrott wenigstens hinauszuschieben. Denn die anderen zwei Drittel der 90 Milliarden Euro will Brüssel gleich selbst behalten: Das Geld soll für den Kauf von Waffensystemen verwendet werden, und zwar, wie Frankreichs Präsident Emmanuel Macron zugab, vorzugsweise in der EU. Nur in Ausnahmefällen solle von dem EU-Kredit die US-Rüstungsindustrie gemästet werden. Wenn schon, dann die eigene.
Im Klartext: Die EU spendiert ihrer Rüstungsbranche noch einige Dutzend Milliarden Euro mehr – über alles hinaus, was es an einschlägigen Programmen ohnehin schon gibt. Bezahlen soll den Aufbau der entsprechenden Kapazitäten und deren anfängliche Auslastung aber die Ukraine. Da ist es schon fast tröstlich, dass die Ukraine das ihr aus Brüssel zufließende Geld natürlich nie und nimmer wird zurückzahlen können. Die Rechnung wird also früher oder später den europäischen Steuerzahlern präsentiert werden; den deutschen zu etwa jenen 25 Prozent, die am EU-Haushalt auf die BRD entfallen.
Der Krieg ernähre sich selbst, hat irgendein alter Römer einmal behauptet. So lange, wie ihn die Leute ernähren. Denn, um den römischen Politiker und Rhetor Cicero zu aktualisieren: Quousque tandem abutere patientia nostra? Wie lange noch wollt ihr unsere Geduld missbrauchen?
links & bündig gegen rechte Bünde
Jetzt den kostenlosen jW-Newsletter abonnieren – täglich das Beste aus der Tageszeitung junge Welt, direkt in Ihr Postfach. Ihre E-Mail-Adresse wird natürlich niemals an Dritte weitergegeben.
-
Leserbrief von Dr. Lothar Zieske aus Hamburg (17. Januar 2026 um 21:52 Uhr)Reinhard Lauterbach hätte den letzten Absatz seines Kommentars weglassen oder seine Quellen prüfen sollen. Außer dem Cicero-Zitat ist auch das andere nicht korrekt: »Der Krieg ernähre sich selbst, hat irgendein alter Römer einmal behauptet.« Es war aber weder ein alter Römer, noch sonst eine reale Person, sondern eine Theaterfigur. Das Zitat charakterisiert Wallensteins Taktik im Dreißigjährigen Krieg. Als Zitat wird es von Schiller in seinen »Piccolomini« dem General Isolani in den Mund gelegt. Es ist schon ein Unterschied, ob ein »alter Römer« oder ein frühkapitalistischer Militär zitiert wird. Lothar Zieske
-
Leserbrief von Onlineabonnent/in Stefan Bell aus Mülheim an der Ruhr (16. Januar 2026 um 09:16 Uhr)Das vollständige Zitat lautet »Quo usque tandem abutere, Catilina, patientia nostra?« und stammt aus der Rede, die von Cicero im Römischen Senat am 8. November 63 v.u.Z. gehalten wurde. Cato der Ältere war zu diesem Zeitpunkt schon lange tot. Stefan Bell, Mülheim a.d. Ruhr
-
Leserbrief von Istvan Hidy aus Stuttgart (15. Januar 2026 um 21:47 Uhr)Was die EU hier betreibt, ist im Kern nur eine verspätete Kopie der Trump’schen Idee, die eigene Rüstungsindustrie zu pushen. Aber die EU unterschätzt eklatant die Realität: Den Aufbau einer leistungsfähigen Militärindustrie kann man nicht einfach per Kredit erzwingen. Es fehlen die notwendigen Grundmaterialien, günstige Energiequellen und das Know-how – die gesamte industrielle Basis ist nicht mehr vorhanden. Die strategische Blindheit der EU-Führung ist geradezu alarmierend: Jetzt, wo Trump mit Grönland spielt, springt die EU hektisch hinterher, als müsse sie plötzlich handeln. Dabei bleibt völlig unverständlich, warum sie zuvor keine langfristigen geopolitischen Chancen genutzt hat. Diese Nachholaktion wirkt weniger wie kluge Politik und mehr wie panisches Reagieren auf die Initiativen anderer – ein fatales Zeichen mangelnder Weitsicht und Planung.
-
Leserbrief von Hans Hermann Kindervater aus Bergisch Gladbach (16. Januar 2026 um 11:47 Uhr)Ihre Ausführungen sind richtig. Aber »ein weiter so wie bisher« ist sicherlich auch keine Lösung.
-
Mehr aus: Ansichten
-
Neue Epoche der Weltwirtschaft
vom 16.01.2026 -
Praxis der Landnahme
vom 16.01.2026 -
Weltverbesserer des Tages: WEF-Teilnehmer
vom 16.01.2026