USA wollen alleinige Macht
Von David Siegmund-Schultze
Noch zwei Tage vor dem völkerrechtswidrigen US-Angriff auf Venezuela und seiner Entführung hatte der venezolanische Präsident Nicolás Maduro milde Töne in Richtung Washington angeschlagen: »Wenn sie Öl wollen, ist Venezuela bereit für US-Investitionen, wie im Fall von Chevron, wann immer sie wollen, wo immer sie wollen, und wie immer sie wollen«, sagte er in einem am Donnerstag im Fernsehen ausgestrahlten Interview. Während der stetig eskalierenden Aggressionen der USA gegen das lateinamerikanische Land in den vergangenen Monaten hatte Maduro immer wieder seine Bereitschaft zur Kooperation mit der Regierung von Donald Trump zum Ausdruck gebracht.
Hochrangige venezolanische Regierungsvertreter um die Vizepräsidentin Delcy Rodríguez hätten Washington neben dem weitreichenden Zugang zu den Ressourcen des Landes gar angeboten, dass Maduro nach einer Übergangsphase zurücktritt – mit dessen Einverständnis. Das berichtete die US-Tageszeitung The Miami Herald Mitte Oktober unter Berufung auf Quellen im Umfeld der Regierung in Caracas. Die mittlerweile zur Interimspräsidentin ernannte Rodríguez dementierte damals zwar, doch ganz offensichtlich war Caracas zu erheblichen Zugeständnissen bereit – und ist es nun mehr denn je. Rodríguez sagte am Sonntag, sie wolle mit Washington »zusammenarbeiten«, während Trump eine erneute Intervention androhte, sollte sie sich nicht den Forderungen der USA beugen. Sonst »wird sie einen sehr hohen Preis zahlen müssen, wahrscheinlich einen höheren als Maduro«, sagte der US-Präsident der Zeitschrift The Atlantic am Sonntag. Angesichts der militärischen Aggressionen und der nahezu vollständigen Blockade von Ölexporten durch die USA ist der Handlungsspielraum für Caracas verschwindend gering.
Die Bereitschaft der venezolanischen Regierung, Washington freiwillig Zugang zu ihrem Öl zu gewähren, wirft jedoch die Frage nach dem Motiv der US-Aggression auf. Denn neben der offensichtlich vorgeschobenen Begründung, man wolle sich vor »Drogenterrorismus« aus Venezuela schützen, sagt die US-Regierung ganz offen, es gehe ihr ums Öl. Die USA werden »Land, Ölrechte und alles, was sie von uns gestohlen haben, zurückbekommen«, sagte Trump Mitte Dezember auf einer Pressekonferenz. Doch auch wenn unter Venezuelas Boden fast ein Fünftel der globalen Ölreserven liegt – die größten weltweit –, entfällt derzeit nur deutlich unter ein Prozent der globalen Ölforderung auf das Land. Seit Ende der 2000er Jahre ist sie um zwei Drittel gesunken.
Laut Ölexperten ist eine merkliche Anhebung der Fördermenge unwahrscheinlich. Das liege nicht nur am schlechten Zustand der Infrastruktur und der Abwanderung von Zehntausenden Fachkräften in den vergangenen Jahren, sondern vor allem am derzeit niedrigen Ölpreis. Denn die schwierigen geologischen Bedingungen der Erdölförderung in Venezuela würden hohe und langjährige Investitionen erfordern, die sich beim derzeitigen Ölpreis nicht rentieren. Rystad Energy, ein norwegisches Energieforschungsunternehmen, schätzt die entsprechenden Kosten auf 110 Milliarden US-Dollar – doppelt soviel, wie alle US-Ölmultis zusammen 2024 weltweit investiert haben. Es verwundert also nicht, dass laut der britischen Wochenzeitung The Economist bisher kein US-Ölkonzern auf die großspurigen Investitionsankündigungen von Trump reagiert hat.
Zweifellos werden US-Unternehmen Gewinne aus der Aggression gegen Venezuela ziehen, doch es scheint das machtpolitische Motiv zu überwiegen: Washington will seine alleinige Vorherrschaft auf dem amerikanischen Doppelkontinent wiederherstellen und duldet keine Regierungen, die sich seinen Interessen nicht vollständig unterwerfen. Das machte US-Außenminister Marco Rubio am Montag gegenüber NBC News deutlich: »Wir werden nicht zulassen, dass die Ölindustrie in Venezuela von Gegnern der Vereinigten Staaten kontrolliert wird.« Er nannte China, Russland und Iran. »Die westliche Hemisphäre gehört uns, und niemand von außerhalb unserer Hemisphäre darf in Amerikas Hinterhof kommen«, fügte er hinzu. Gerade für Beijing stellt Venezuela eine wichtige Brücke für die eigenen ökonomischen Interessen in der Region dar – die US-Intervention ist also ein deutliches Signal an China. Die USA haben demonstriert, dass sie nicht davor zurückschrecken, einen Krieg anzuzetteln und ein gesamtes Land samt seinen Einwohnern ins Chaos zu stürzen. Diese Botschaft ist ganz explizit an Kuba gerichtet, aber auch an die Regierungen in Kolumbien und Mexiko sowie mittels Israel an Iran.
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Leserbrief von Doris Prato (6. Januar 2026 um 16:24 Uhr)Bei dem von Präsident Trump angeordneten Militärschlag gegen Venezuela geht es in Wirklichkeit um die immensen Bodenschätze des südamerikanischen Landes, schreibt der Wirtschaftsexperte Luciano Vassapollo, Professor an der Sapienza-Universität von Rom, am 6.1. 2026 im kommunistischen Magazin Italiens „Contropiano“. Hinter der Rhetorik des Drogenhandels verbirgt sich ein Wettlauf um Ressourcen, der Venezuela von einem unabhängigen Staat in ein Objekt geostrategischer Ausbeutung verwandeln könnte, warnt der Professor und führt an, dass Venezuela über einige der beeindruckendsten Bodenschätze der Erde verfügt. Allen voran besitzt das Land die weltweit größten Ölreserven mit geschätzten 300 Milliarden Barrel, die sich hauptsächlich im Orinoco-Becken konzentrieren. Dieses riesige Feld, das potenziell größer ist als viele andere globale Reserven, stellt einen entscheidenden strategischen Vorteil für jede Energiemacht dar. Venezuelas Reichtum beschränkt sich jedoch nicht nur auf Öl. Zu seinen riesigen unterirdischen Bodenschätzen zählen Gold, Diamanten, Eisenerz, Bauxit, Erdgas, Kohle und eine lange Liste von Metallen und Mineralien, die für die moderne Industrie unerlässlich sind. Jüngsten Schätzungen zufolge kontrolliert der Staat große Vorkommen an Eisenerz, Gold, Bauxit und anderen Mineralien, die traditionell von der nationalen Wirtschaft abgebaut werden. Diese Ressourcen sind nicht nur Rohstoffe von wirtschaftlichem Wert. Mineralien wie Coltan, Lithium, Seltene Erden und andere Elemente, die in digitalen Technologien, Batterien, Halbleitern und hochentwickelten Militärsystemen Verwendung finden, sind heute strategisch wichtig für die wirtschaftliche und militärische Wettbewerbsfähigkeit der Mächte. Wer diese Ressourcen kontrolliert, hat einen enormen Vorteil bei der Entwicklung der Technologien, Energiequellen und Waffensysteme der Zukunft.
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