Abschied von einem Kämpfer und Gelehrten
Von Bernard Schmid, Paris
Vier Leben führte Mohammed Harbi, der 1933 in El Harrouch im Nordosten Algeriens auf die Welt kam und am Neujahrstag im Alter von 92 Jahren in Paris verstarb. Ein erstes als Student und junger politischer Aktivist, ein zweites – das nicht im Widerspruch zum vorgenannten stand – als anerkannter Experte und Verantwortungsträger in einem jungen Staat kurz nach dessen Unabhängigkeit infolge einer unter hohen Opfern errungenen Entkolonisierung. Es folgten ein drittes Leben als politischer Gefangener und ein viertes, das längste von allen, als in breiten Kreisen anerkannter Historiker, Forscher, Buchautor und Diskutant auf Konferenzen und bei Veranstaltungen.
Die Eltern Harbis kamen aus Honoratiorenfamilien in Algerien, das zum Zeitpunkt seiner Geburt bereits seit mehr als einhundert Jahren von Frankreich unterworfen und kolonisiert worden war: Grundbesitzer väter-, Religionsgelehrte mütterlicherseits. Seine frühe Politisierung erfolgte in der Schule, unter anderem durch den Kontakt zu einem Lehrer der Oberstufe, Pierre Souyri (1925–1979). In den 1950er Jahren zählte er zu der rätekommunistisch orientierten linksintellektuellen Gruppe um die Zeitschrift Socialisme ou barbarie, die u. a. Cornelius Castoriadis gegründet hatte, die von 1949 bis 1965 erschien und in der er hauptsächlich über China schrieb. Harbi nahm aber auch über sein persönliches Umfeld die Widersprüche einer Kolonialgesellschaft wahr. Denn trotz einer vergleichsweise privilegierten materiellen Situation war auch seine Familie mit den Realitäten von Kolonialismus und Repression konfrontiert: Zwei Angehörige starben bei den Massenmorden in den Wochen, die auf die brutale Niederschlagung einer Demonstration in Sétif am 8. Mai 1945 folgten.
Unter dem Einfluss seines intellektuellen Mentors, aber auch unmittelbarer familiärer Erfahrung erhielt Harbi eine doppelte Prägung: Er wurde antikolonialer algerischer Nationalist wie viele seiner Landsleute, aber auch dezidierter Marxist. Wirklich aktiv wurde er jedoch ab 1953, nachdem er sich als Student an der Pariser Sorbonne eingeschrieben hatte. Er war zugleich in der damals starken französischen Studentengewerkschaft UNEF und in den Strukturen der algerischen Nationalen Befreiungsfront (FLN) in der »Metropole« Frankreich tätig. Letztere schickte ihn 1958 nach Westdeutschland, die dortigen Unterstützungsnetzwerke des FLN waren beim Sammeln von Geld und von Waffenmaterial wichtig.
Nachdem die Unabhängigkeit im Juli 1962 proklamiert und der FLN zur Regierungs-, bald zur Einheitspartei geworden war, wurde Harbi Berater des ersten Staatspräsidenten Ahmed Ben Bella (1962–65), behielt jedoch einen eigenen Kopf und kritisierte früh beispielsweise die Unterordnung der Gewerkschaften des Dachverbands UGTA unter die Partei. Nachdem im Juni 1965 die Armee unter dem darauf zum Präsidenten aufrückenden bisherigen Verteidigungsminister Houari Boumedienne geputscht hatte, ging Harbi zusammen mit anderen Angehörigen des linken FLN-Flügels in die Opposition. Gemeinsam mit Mitgliedern der verbotenen Algerischen Kommunistischen Partei (PCA), 1966 umbenannt in Partei der Sozialistischen Avantgarde (PAGS), gründeten sie die Organisation de la résistance populaire (ORP) als politische Widerstandsfront. Bei einem ihrer Treffen wurde Harbi im Juli 1965 festgenommen und fünf Jahre lang inhaftiert. In seiner winzigen Zelle verfasste er das Manuskript für sein 1975 publiziertes erstes Buch, »Aux Origines Du Front de Libération Nationale« (Die Ursprünge der Nationalen Befreiungsfront, jW).
1973 floh er aus Algerien, wo er einem Politikverbot und Kontrollauflagen unterworfen blieb, ging nach Frankreich und studierte dort. 1991 erhielt er auch die Qualifikation als Hochschullehrer und unterrichtete Soziologie und Geschichte an der Universität Paris-8 in Saint-Denis. Zeitlebens blieb Harbi seinen politischen Idealen verbunden. Er war Agnostiker und Feminist und kritisierte die bei und nach der Unabhängigkeit entstandene Staatsmacht, ohne je die Ideale des Antikolonialismus und des Kampfs gegen Unterdrückung in Frage zu stellen.
Friedenspropaganda statt Kriegsspielzeug
Mit dem Winteraktionsabo bieten wir denen ein Einstiegsangebot, die genug haben von der Kriegspropaganda der Mainstreammedien und auf der Suche nach anderen Analysen und Hintergründen sind. Es eignet sich, um sich mit unserer marxistisch-orientierten Blattlinie vertraut zu machen und sich von der Qualität unserer journalistischen Arbeit zu überzeugen. Und mit einem Preis von 25 Euro ist es das ideale Präsent, um liebe Menschen im Umfeld mit 30 Tagen Friedenspropaganda zu beschenken.
links & bündig gegen rechte Bünde
Jetzt den kostenlosen jW-Newsletter abonnieren – täglich das Beste aus der Tageszeitung junge Welt, direkt in Ihr Postfach. Ihre E-Mail-Adresse wird natürlich niemals an Dritte weitergegeben.
Ähnliche:
Vincent Isore/IP3press/imago05.01.2026Orden für rechten Provokateur
Agence/Bestimage Agence/imago16.12.2025Staatsgründung in Paris ohne Rückhalt
IMAGO/ABACAPRESS15.12.2025Strich durch die Rechnung
Regio:
Mehr aus: Ausland
-
Neue Weltordnung der Rechtlosigkeit
vom 06.01.2026 -
Schwierige Deeskalation in Syrien
vom 06.01.2026 -
Auf engstem Raum
vom 06.01.2026 -
USA wollen alleinige Macht
vom 06.01.2026