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Aus: Ausgabe vom 01.09.2025, Seite 15 / Politisches Buch
Debatte über Ukraine-Krieg

Einmal um die Ohren gehabt

Realistisch in Maßen: Klaus von Dohnanyi und Erich Vad im Gespräch über die Ursachen des Krieges in der Ukraine
Von Arnold Schölzel
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Nach der »Regime-Change-Operation«: »Maidan«-Milizen in einem Trainingslager bei Kiew (14.3.2014)

Klaus von Dohnanyi, Jahrgang 1928, trat 1957 in die SPD ein, war Mitarbeiter von Willy Brandt, handelte als Wirtschaftsstaatssekretär ab 1968 das Röhren-Erdgas-Geschäft der Bundesrepublik mit der Sowjetunion aus, war Bundesbildungsminister, Staatsminister im Auswärtigen Amt und von 1981 bis 1988 Erster Bürgermeister Hamburgs. Ab 1990 privatisierte er für die Treuhand Betriebe auf dem ehemaligen Gebiet der DDR. Er hadert mit seiner Partei, die immer Friedens- und Sozialpolitik verbunden habe. Gegenwärtig sei die Friedenspolitik aber »abgehackt«. In seinem Buch »Nationale Interessen. Orientierung für deutsche und europäische Politik in Zeiten globaler Umbrüche« (im Januar 2022 erschienen) erklärte er sinngemäß: Die »Sicherheitsinteressen« der USA (und Großbritanniens) sind denen Deutschlands entgegengesetzt.

Erich Vad wurde 1957 geboren, war seit 1976 Berufssoldat, zuletzt Generalmajor. Er promovierte über den Militärklassiker Carl von Clausewitz, arbeitete bei der NATO, ab 2001 in der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, wo er Angela Merkel kennenlernte, und war von 2006 bis 2013 deren Berater im Bundeskanzleramt. Seit 2022 rief er dazu auf, den Ukraine-Krieg auf diplomatischem Weg zu beenden, weil er militärisch nicht entschieden werden könne, und schloss sich dem einschlägigen Aufruf von Alice Schwarzer und Sahra Wagenknecht an. 2024 veröffentlichte er die Schrift »Ernstfall für Deutschland. Ein Handbuch gegen den Krieg«. Er schildert darin drastisch das mögliche Szenario einer russischen Reaktion auf einen Beschuss mit deutschen Langstreckenwaffen wie dem »Taurus«.

Die biographischen Hintergründe und beide Bücher spielen eine Rolle in dem Gespräch vom 9. Juli zwischen Dohnanyi und Vad, das in »Krieg oder Frieden – Deutschland vor der Entscheidung« dokumentiert wird. Dohnanyi erwähnt, dass er 1945 als 16jähriger »ein Kampfbataillon des sogenannten Reichsarbeitsdienstes« zu führen hatte und auf der Flucht vor der Roten Armee gehängte Fahnenflüchtige und einen Zug von KZ-Häftlingen sah: »Es ist ein großer Unterschied, ob man über den Krieg redet oder ob man ihn mal um die Ohren gehabt hat.« Vad erzählt von Günther Pape, Ende 1944 mit 37 Jahren zum General befördert, »der eben auch die deutsche Panzertruppe der Bundeswehr aufgebaut hat« und Nachbar des jungen Vad war: »Er war und ist mein Vorbild.« Vad hält »das Abschreckungsprinzip der NATO« für »sehr, sehr wichtig«, auch »für die künftige Aufstellung der Bundeswehr«. Zugleich sei für ihn Clausewitz »der strategische ›Mastermind‹«, der Krieg und Politik zusammen gedacht habe, genauer: Man brauche ein politisches Konzept, wenn man Krieg führe und wenn man ihn beenden wolle. Sein Vorwurf: Die damit verbundene Frage nach realistischen Zielen »haben wir uns in der Ukraine-Debatte überhaupt nicht gestellt.«

Das ist der Dreh- und Angelpunkt des Gesprächs. Dohnanyi sieht diese deutsche Ziellosigkeit bis heute anhalten und fragt, warum Friedrich Merz die aktuelle US-Politik »gewissermaßen« unterlaufe und »nicht einmal den Versuch« unternehme, »zu einem Frieden mit Russland zu kommen«. Vad setzt auf Trump und erklärt: Aus deutscher und westeuropäischer Interessenlage sei »ein europäischer Krieg überhaupt keine rationale Option. Das ist aus amerikanischer oder aus britischer Sicht anders.« Die NATO habe immer Abschreckung mit Dialog und Interessenausgleich verbunden.

Was Putin 2022 gemacht habe, habe er »aus seiner Interessenlage heraus machen« müssen, auch wenn er, Vad, den Völkerrechtsbruch nicht akzeptiere. Aber die russische strategische Sichtweise sei nie berücksichtigt worden. Am Anfang habe die NATO ihre Osterweiterung durch Kooperation mit Russland »abgefedert«. Aber diesen Kurs hätten vor allem die USA verlassen. Der »Maidan«? Vad: »Regime-Change-Operationen gehören nun mal zum Repertoire« der USA. Allein im Kalten Krieg bis 1991 habe Washington 66 solcher Operationen durchgeführt – und dann eben auch in der Ukraine. Wenn Trump jetzt den Panamakanal und Grönland zu einer Frage der »nationalen Sicherheit« erkläre, dann verstehe er »diese strategische Sichtweise, aber wir müssen sie auch den Russen und Chinesen zubilligen«. Ein Gespräch am Generalstabssandkasten – also realistisch in Maßen.

Klaus von Dohnanyi, Erich Vad: Krieg oder Frieden – Deutschland vor der Entscheidung. Westend, Neu-Isenburg 2025, 124 Seiten, 20 Euro

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