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Aus: Ausgabe vom 29.08.2025, Seite 8 / Ausland
Genozid in Gaza

»Israel versucht, die Welt an der Nase herumzuführen«

Journalisten schließen sich für Petition gegen Zensur und für Zugang nach Gaza zusammen. Ein Gespräch mit André Liohn
Interview: Dieter Reinisch
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Unter Lebensgefahr: In Gaza-Stadt protestieren Menschen gegen die unaufhörliche Ermordung von Journalisten durch israelische Soldaten (26.8.2025)

Mehr als 1.300 Journalistinnen und Journalisten aus zahlreichen Staaten haben eine Petition unterzeichnet, die Sie gestartet hatten. Was hat Sie zur »Freedom to Report«-Initiative motiviert?

Ich arbeite seit 20 Jahren als Kriegsfotograf. Wenn so etwas wie in Gaza passiert, möchte ich zuerst dorthin, um darüber zu berichten. Seit die Offensive in Gaza begann, hat Israel den Zugang für Journalisten vollständig blockiert. Zunächst dachten wir, dass es für einen bestimmten Zeitraum sein wird. Aber nun sind es fast zwei Jahre, und es gibt keine Anzeichen, dass Israel die Grenzen für ausländische Journalisten öffnen wird. Lokale Journalisten berichten von dem Leid der Palästinenser. Die UNO, NGOs, Ärzte: Alle sagen, dass es eine Hungersnot in Gaza gibt. Aber Israel leugnet es. Medien berichten also, dass es möglicherweise so sei. Israel darf nicht mehr verhindern, dass darüber berichtet wird.

Warum sollte die Regierung einlenken?

Da Israel alles leugnet, wäre es doch im eigenen Interesse, ausländische Journalisten hineinzulassen, die überprüfen, ob Israel recht hat. Aber da es das nicht tut, deutet alles darauf hin, dass die Beweise stimmen, und Israel versucht, die Welt an der Nase herumzuführen.

Immer wieder behaupten Regierung oder Militär, lokale Journalisten würden für die Hamas arbeiten.

Das haben sie nach der Ermordung von Anas Al-Scharif und seinen Al-Dschasira-Kollegen behauptet. Die angeblichen Beweise, die sie vorlegen, sind Fotos von Anas mit Hamas-Repräsentanten. Ich habe auch Fotos mit Leuten, mit denen ich normalerweise nicht gerne Fotos machen würde. Aber dennoch habe ich diese Fotos gemacht, da dies Teil des Protokolls ist. Was Israel gegen Anas vorgelegt hat, ist alles andere als überzeugend.

Wie wird der Ausschluss ausländischer Journalisten aus Gaza begründet?

Es sei wegen der Sicherheit, die sie nicht garantieren könnten. Ich habe aus allen Kriegen berichtet, die Sie sich vorstellen können. Ich kann Gefahren sehr gut abschätzen und in Zusammenarbeit mit den Agenturen, für die ich unter Vertrag bin, die Arbeit gut planen. Dass es zu gefährlich für uns sei, ist eine Ausrede, die wir nicht gelten lassen. Ärzte, humanitäre Helfer, Politiker, Geistliche und andere haben Zugang zu Gaza erhalten. Alle kommen zurück und berichten von denselben Verbrechen, die Israel begeht.

Welches Ziel verfolgt die Petition?

Wir wollen zeigen, dass Journalisten nicht allein sind. In ganz Palästina werden Journalisten von der israelischen Armee angehalten, wenn sie ihre Arbeit machen. Eine Beschwerde ist heutzutage sehr gefährlich, wenn man allein ist. Sie können dir die Akkreditierung wegnehmen oder die Einreise nach Israel verhindern, dann kannst du deinen Job nicht mehr machen. Journalisten aus über 65 Ländern, darunter die bekanntesten und erfahrensten der Branche, haben die Petition unterzeichnet. Wenn wir in einem Kollektiv agieren, können wir unsere Schritte besser planen.

Zweitens wollen wir von Israel und der Hamas Garantien haben, ohne Einflussnahme und Zensur in Gaza arbeiten zu können. Wir haben dazu Briefe an das israelische Ministerium und die Hamas geschrieben. Außerdem wollen wir eine Debatte anstoßen, denn der Journalismus leidet heute unter einigen Einschränkungen. Journalisten sind heute »neutral«, doch angesichts der Ereignisse können Journalisten nicht mehr neutral sein. Sie müssen »unparteiisch« sein, aber neutral diesen Verbrechen gegenüberzustehen, hilft niemandem. »Neutralität« birgt die Gefahr des Schweigens.

In der Petition schreiben Sie, dass es Journalismus, kein Aktivismus sei.

Journalisten haben Angst, als Aktivisten gesehen zu werden. Viele in den USA und in Europa haben Angst, zu sagen, was sie denken, weil sie fürchten, ihren Job zu verlieren. Wir müssen Journalisten aktivieren und vereinen, denn unser Recht zu berichten ist uns genommen worden. Aktivieren ist nicht Aktivismus – das wollen wir klar machen.

André Liohn lebt im norwegischen Trondheim, ist Fotojournalist, Preisträger der Robert-Capa-Goldmedaille und Koordinator von »Freedom to Report«

Zur Petition: freedomtoreport.org

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