Spionage in Grönland
Von Jörg Kronauer
Wirklich unerwartet kam sie nicht, die Meldung, die am Mittwoch in Dänemark hohe Wellen schlug. Bereits Anfang Mai hatte das Wall Street Journal berichtet, die Trump-Regierung habe mehrere Geheimdienste, darunter die CIA und die NSA, beauftragt, Informationen über Grönlands Unabhängigkeitsbewegung zu sammeln. Der Grund? Das sei »einer der ersten konkreten Schritte« auf dem Weg zur Realisierung des erklärten Zieles von Präsident Donald Trump, »Grönland zu erwerben«. Die beauftragten Dienste verfügten über alles, was man zur Informationsgewinnung benötige: »Spionagesatelliten, Kommunikationsüberwachung und Spione vor Ort«. Zwar hatte die Wahl in Grönland am 11. März eine große Mehrheit für Parteien ergeben, die eine Annexion ihres Landes durch die USA entschieden ablehnten. Die Partei Naleraq aber, die nicht nur den Austritt aus dem Königreich Dänemark, sondern auch eine enge Kooperation mit den USA anstrebt, erhielt fast 25 Prozent. Gibt es in Grönland vielleicht doch fruchtbaren Boden für Trumps Eroberungspläne?
Die US-Regierung macht offenbar die Probe aufs Exempel. Am Mittwoch meldete der öffentlich-rechtliche Dänische Rundfunk (DR) unter Berufung nicht zuletzt auf Regierungs- und Geheimdienstquellen, die US-Spionageoperationen in Grönland seien mittlerweile in vollem Gang. Von drei US-Amerikanern war die Rede, die die Haltung der Bevölkerung des dänischen Autonomiegebiets bezüglich der Pläne des US-Präsidenten scannten. Diese hätten eine Liste mit grönländischen Anhängern der Vereinigten Staaten erstellt sowie eine zweite mit Gegnern des Annexionsvorhabens. Zudem hätten sie begonnen, Kontakte zu Politikern, Geschäftsleuten und einfachen Bürgern in Grönland aufzunehmen. Darüber hinaus eruierten sie Themen, die geeignet seien, Stimmung gegen Dänemark zu machen. Als klassisches Beispiel gilt der Spiralenskandal: Bis in die 1990er Jahre hinein ließen Dänemarks Behörden vielen tausend Mädchen und jungen Frauen unter den grönländischen Inuit ungewollt Spiralen einsetzen, um sie gebärunfähig zu machen. Kein Wunder, dass sich die dänische Ministerpräsidentin Mette Frederiksen genau am Mittwoch in einer offiziellen Stellungnahme dafür entschuldigte.
Der Bericht des DR löste nicht nur landesweit, sondern auch international heftige Empörung aus, zumal von den drei US-Amerikanern zwei einst für Trump gearbeitet haben sollen und der dritte immer wieder in seinem persönlichen Umfeld beobachtet worden ist; ihre Namen teilte der DR freilich nicht mit. Außenminister Lars Løkke Rasmussen bestellte sogleich den Geschäftsträger der US-Botschaft in Kopenhagen ein. Sämtliche Versuche, in Grönland eine »fünfte Kolonne« zu schaffen oder die dänische Souveränität anderweitig zu unterhöhlen, seien »gänzlich inakzeptabel«, erklärte er. Es sei »wichtig«, »sehr klar« gegen die Aktivitäten der USA Position zu beziehen. Dänemarks Inlandsgeheimdienst PET warnte vor »Einflusskampagnen verschiedenster Art«, die darauf zielten, Grönlands Bevölkerung gegen Dänemark aufzubringen und so Keile zwischen beide zu treiben – ein Mittel, das klassischerweise auch in sogenannten Farbrevolutionen zum Einsatz kommt.
Die US-Regierung bügelte Nachfragen schroff ab. Man könne sich nicht zu den Aktivitäten »privater US-Bürger in Grönland« äußern, hieß es im Außenministerium. Offizielle Reaktionen aus der EU liegen bisher nicht vor. Frankreichs Präsident Emmanuel Macron hatte Grönland Mitte Juni bei einem Besuch in seiner Hauptstadt Nuuk Beistand gegen die »räuberischen Ambitionen« zugesichert und verkündet, »Europa« müsse den US-Vorstoß als »Weckruf« begreifen. Auch die Bundesregierung ist aktiv geworden. Am 16. August lief der Einsatzgruppenversorger »Berlin« der Bundesmarine zu einem Hafenbesuch in Nuuk ein. Zwei Tage später führte dort Nils Schmid, Parlamentarischer Staatssekretär im Bundesverteidigungsministerium, Gespräche mit dem dänischen Verteidigungsminister Troels Lund Poulsen sowie Grönlands Außenministerin Vivian Motzfeld. Für September hat sich zudem Verteidigungsminister Boris Pistorius angekündigt.
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