»Nein, der Kapitalismus ist nicht reformierbar«
Von Irmtraud Gutschke
Einundneunzig ist er in diesem Jahr geworden, doch leidenschaftlich ist er wie ehedem: »Trotz alledem!« heißt das neue Buch von Jean Ziegler. »Warum ich die Hoffnung auf eine bessere Welt nicht aufgebe«: Der Untertitel verweist auf eine Konstante im Leben des Schweizer Soziologen und Politikers, dessen politisches Gewissen schon früh durch Reisen – insbesondere nach Afrika und Lateinamerika – geweckt worden ist. Er sah das Elend, den Hunger und schwor sich, sein Leben fortan für eine gerechte Verteilung des Reichtums zwischen armen und reichen Ländern einzusetzen.
Fast dreißig Bücher hat er verfasst, nur einige davon wurden ins Deutsche übersetzt. Das hier vorliegende ist, wie zu erwarten, ein Appell im Geiste des Humanismus. Denn es ist in der Tat ein Skandal, »dass Milliarden Menschen nicht auf lebenswichtige Güter zugreifen können, die zudem im Überfluss vorhanden sind«. Man muss es sich vor Augen halten: »Alle fünf Sekunden stirbt auf diesem Planeten ein Kind unter zehn Jahren am Hunger oder an seinen unmittelbaren Folgen …« Für Jean Ziegler ist das »eine kannibalische Weltordnung«. Mutig und entschieden nennt er die Dinge beim Namen, die Wohlstandsbürgern die Ruhe stören.
Das Buch steckt voller alarmierender Fakten. Auf beeindruckende Weise lässt der Autor miterleben, was er mit eigenen Augen gesehen hat, und er ist ohne Illusion, worin die Gründe für diese schreienden Ungerechtigkeiten liegen. Es ist »die schreckliche Gewalt des Kapitals«, die nicht ohne Einfluss auf die Vereinten Nationen bleibt.
Auch das Massaker in Gaza kommt ausführlich zur Sprache. Als UN-Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung hatte Ziegler diese Region schon mehrfach besucht, wo mehrheitlich Flüchtlinge und Nachkommen der Flüchtlinge des israelischen Eroberungskriegs von 1948, als die Armee »in einer mörderischen Militäroperation zur ›ethnischen Säuberung‹ (…) drei Viertel der palästinensischen Einwohner, zwischen 700.000 und 750.000 Menschen, von ihrem Grund und Boden vertrieb«, leben. Das setzte sich in den folgenden Jahren fort, wobei der Hunger in Gaza zur Waffe gemacht wurde. Über den heute stattfindenden Völkermord bietet das Buch viele erschreckende Einzelheiten, bis hin zu den Waffen, die dort getestet wurden, denn Israel ist der »viertgrößte Waffenexporteur der Welt«. Mit dem Mut der Verzweiflung mahnt Jean Ziegler eine »funktionierende normative internationale Ordnung« an. Aber die UNO erweist sich derzeit »als vollkommen unfähig, die Forderungen ihrer eigenen Charta zu verteidigen und durchzusetzen«.
Ohne Wenn und Aber setzt sich das Buch für den Schutz menschlichen Lebens ein, egal, woher die Menschen zu uns kommen. Der Autor zitiert Pierre Bourdieu: »Der Neoliberalismus ist eine Eroberungswaffe, er verkündet einen ökonomischen Fatalismus, gegen den jeder Widerstand zwecklos erscheint. Er ist wie Aids: Er greift das Abwehrsystem seiner Opfer an.« Diese Worte des französischen Soziologen führen Jean Ziegler zu einer klugen Schlussfolgerung: »Indem die Diktatur des Kapitals sich hinter blinden und anonymen ›Marktgesetzen‹ versteckt, zwingt sie uns die Vision einer geschlossenen und unbeweglichen Welt auf. Sie verweigert sich jeder menschlichen Initiative, jeder historischen Aktion, die aus der subversiven Tradition des noch nicht Existierenden, nicht Abgeschlossenen, kurz: der Utopie, erwächst. Sie schließt die Zukunft aus.«
Extremer Reichtum und extreme Armut stehen im Zusammenhang. »Die fünf größten Vermögen des Planeten haben sich seit 2020 verdoppelt. Genauer: Zwischen 2020 und 2023 hat sich das Vermögen der fünf reichsten Menschen des Planeten von 405 Milliarden Dollar auf 869 Milliarden erhöht.« Insbesondere auch während der Coronapandemie haben die Milliardäre »Rekordgewinne erzielt«. Noch einträglicher als der Drogenhandel, schreibt Jean Ziegler, sind die »Investitionen in die Kriegsindustrie«. »Heute zählt die Weltbevölkerung acht Milliarden Menschen. Die weltweiten Militärausgaben belaufen sich auf 2.200 Milliarden Dollar, das heißt auf 224 Dollar pro Weltbürger für die Möglichkeit, zu töten oder getötet zu werden.«
Aussagen, die man sich merken, die man herausschreiben will. Von der scharfen Kritik des Bestehenden kommt Jean Ziegler zu einer Aussage, welche man, so rigoros, wie sie ist, selten hört. »Nein, der Kapitalismus ist nicht reformierbar. Was wird nach seiner Abschaffung kommen? Das kann niemand voraussagen. Die Frage können wir nur durch Handeln und kollektive Praxis beantworten.«
Jean Ziegler: Trotz alledem! Warum ich die Hoffnung auf eine bessere Welt nicht aufgebe. Aus dem Französischen von Hainer Kober. C. Bertelsmann, München 2025, 204 Seiten, 22 Euro
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Leserbrief von Gerd-Rolf Rosenberger aus Bremen (17. Juli 2025 um 14:51 Uhr)Richtig ist natürlich, wenn Jean Ziegler schreibt, dass nach der Abschaffung des Kapitalismus niemand voraussagen kann, was dann kommen wird. Zu ergänzen ist, dass es eine »kannibalische Weltordnung« bleibt, wenn die großkapitalistischen Nationen, die 25 Prozent der Weltbevölkerung stellen, ohne Widerstand 85 Prozent des Holzes, 70 Prozent der Energie und über 60 Prozent der Nahrungsmittel verbrauchen. Für knapp 2 000 000 000 Menschen gibt es keine gesundheitliche Betreuung, 1,3 Milliarden Menschen können kein sauberes Wasser trinken. Über eine Milliarde erwachsene Menschen können nicht schreiben und lesen. Willi Gerns, marxistischer Wissenschaftler der DKP, hat recht, wenn er in seinen Büchern schreibt: »Sozialismus oder Untergang in der Barbarei!« Diese im vom Gründungskongress der KPD an der Jahreswende 1918/1919 im Parteiprogramm formulierte Alternative stellt sich heute dramatischer denn je. Die Schriftstellerin, Friedensaktivistin Dorothee Sölle zog sogar den Schluss: »Der Staatssozialismus ist tot, aber der Sozialismus als Utopie einer solidarischen und schöpfungsangepassten Gesellschaft wird noch dringend gebraucht.«
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Leserbrief von Onlineabonnent/in Franz S. (16. Juli 2025 um 09:31 Uhr)Es ist sicher wichtig, dass Ziegler immer wieder auf den extremen Reichtum auf der einen Seite und der extremen Armut auf der anderen hinweist und dass der Kapitalismus nicht reformierbar ist. Auch der Hinweis, dass Armut und Elend auf der Welt nichts mit der Anzahl der Menschen auf dem Planeten zu tun haben, ist äußerst verdienstvoll. Aber mit Einundneunzig Jahren und fast dreißig verfassten Büchern sollte man schon eine Ahnung bekommen haben, was nach der »Abschaffung des Kapitalismus« kommen wird. »Aus seiner Haut kann keiner – aus ihrer Klasse heraus können nur wenige« (Tucholsky). So verhält es sich wahrscheinlich auch mit dem Sohn eines Gerichtspräsidenten und Artillerieobersten. Der Vorname Hans war ihm wohl zu bodenständig oder zu proletarisch und so nannte er sich auf Drängen von Simone de Beauvoir (»Hans‚ das ist doch kein Name!«) fortan Jean. Der Begriff »Sozialismus« geht ihm nur sehr schwer über die Lippen. Die sozialistischen Länder in Europa wie die Sowjetunion nannte das Mitglied der Sozialdemokratischen Partei der Schweiz sogar »Terrorstaaten«. Das weltanschauliche Durcheinander bei Ziegler offenbart sich auch in einem Interview mit der Abendzeitung vom 22. März 2022 (»Jean Ziegler im Interview: ›Che hätte für Selenskyj gekämpft‹«), in dem er Putin als »unberechenbaren Diktator« mit »Verbrecher-Mentalität« bezeichnet: »Mit so einem wahrscheinlich pathologisch bestimmten Missetäter, einem Massenmörder wie Putin, kann alles passieren – auch ein Atomkrieg«.
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