Jubel der Woche: Junge, Elster
Von Jegor Jublimov
Obwohl mein Freund Thomas am liebsten amerikanische Filme studiert, erklärte er mir vor einiger Zeit, einer seiner absoluten Lieblinge stamme von der Defa: »Der tapfere Schulschwänzer«. Der Film, gedreht 1966 in der Schönhauser Allee und in Berlin-Mitte, mit einer leicht verständlichen, kindgemäßen Moral, frappiert durch seine Authentizität und war der einzige Spielfilm eines großen Dokumentarfilmers. Der Berliner Winfried Junge kann am Sonnabend seinen 90. Geburtstag in Golzow groß feiern. Da klingelt es doch? Über die Kinder von Golzow – 1961 in der Oderbruch-Gemeinde eingeschult – hat er Dutzende langer Filme gedreht. Bis ins neue Jahrtausend kehrte Junge für Aufnahmen zurück oder besuchte die Protagonisten an neuen Wohnorten. Damit schuf er die umfangreichste Langzeitdokumentation der internationalen Filmgeschichte, seit den 1980er Jahren in Zusammenarbeit mit seiner Frau Barbara. Die Filme bestechen durch ihre Ehrlichkeit, zeigen ein Stück Geschichte aus Sicht normaler Leute in wechselhaften politischen Zeiten. Darum heißt eine empfehlenswerte Zusammenfassung der Reihe, die der RBB am Mittwoch im Nachtprogramm sendet, auch »Drehbuch: Die Zeiten«.
Darüber sollte nicht vergessen werden, dass Junge auch publizistisch u. a. für die FDJ-Zeitschrift Forum und die traditionsreiche Weltbühne tätig war. Als Dokumentarist beobachtete er nicht nur das Leben in der DDR (z. B. »Sagen wird man über unsere Tage«, 1974, »Das Pflugwesen – es entwickelt sich«, 1987), sondern war auch in anderen Teilen der Welt (»Gruß aus Libyen«, 1989). Seine Filme zeichnen sich ebenso durch genaue Beobachtungen aus wie durch Parteinahme zugunsten der Ärmsten und Unterdrückten.
Sollten zum 95. Geburtstag am Mittwoch noch Glückwünsche alter Kollegen oder Verehrer für Thea Elster in Dresden eintreffen? Dass sie im Januar gestorben ist, wurde außerhalb ihrer Heimatstadt kaum verbreitet. Doch in Dresden war sie eine künstlerische Institution. Nach ihren ersten Engagements in Wittenberg und Altenburg trat sie ab 1956 für mehr als zwei Jahrzehnte am Dresdner Staatstheater auf, wo sie von Shakespeare und Weisenborn bis zu Brecht und Gogol alles spielte, »was gut und teuer war«. Seit sie im Stück »Von allen vergessen« des kommunistischen türkischen Dichters Nâzım Hikmet, der ins Exil gezwungen worden war, 1959 bei einem Dresdner Studiogastspiel im DFF auftrat, war sie häufig auf dem Bildschirm (»Polizeiruf«-Folge »Nachttaxi«, 1974) zu sehen, gelegentlich auch auf der Leinwand (»Im Spannungsfeld«, 1970). Als Ehefrau des Chief (Günter Naumann) in der Serie »Zur See« (1977) ist sie noch immer wieder zu erleben. Sie hat Musical gespielt und an der Dresdner Hochschule für Musik Chanson unterrichtet. Die kontinuierlichste Zusammenarbeit aber verband sie mit dem Defa-Trickfilmstudio in Dresden. Von Ende der 1950er bis zum Beginn der 1990er Jahre hat sie rund 40 Animationsfilmen ihre Stimme gegeben.
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