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Aus: Weihnachten, Beilage der jW vom 24.12.2025
Kino

Unter Brüdern

Dysfunktionale Familie: Anders Thomas Jensens schwarze Komödie »Therapie für Wikinger« mit Mads Mikkelsen
Von Ronald Kohl
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Was geht einem wohl durch den Kopf, wenn man im Wald hinter dem Haus der Eltern nach Geld buddelt, genauer gesagt, nach 20 Millionen Dänischen Kronen, und anstelle der Beute des Raubüberfalls von vor 15 Jahren die Ausweispapiere seines verschollenen Vaters findet und einen Koffer mit Papas Pyjama und Zahnputzzeug?

Anker (Nikolaj Lie Kaas), der schon seit einer Woche vergebens bis in die Nacht mit der Schaufel zugange war, glaubte bis zu diesem Moment, dass der Alte die Familie damals sitzen gelassen hatte. Das empfand er zwar als Verrat, doch er hatte auch seine Erklärung für die Flucht: die Wikingermacke seines Bruders Manfred (Mads Mikkelsen).

Keiner, auch nicht das Publikum, weiß, weshalb Manfred irgendwann anfing, nur noch mit dem behörnten Helm und einer stählernen Axt in die Schule zu gehen. Vermutlich wurde er schon vorher gehänselt, aber die Kostümierung machte alles nur noch schlimmer. Und als ihm der Vater schließlich die Axt wegnahm, wurde er jeden Tag verdroschen, erst in der Schule und danach in der Scheune zu Hause vom Alten; vermutlich die gängigste Art einer »Therapie für Wikinger« von Regisseur Anders Thomas Jensen (»Adams Äpfel«). Und eine für Nichtwikinger, denn Anker, der keinerlei Verständnis für den Tick seines Bruders aufbrachte und nach wie vor ohne Helm und Axt zur Schule ging, wurde trotzdem vom Vater schwer misshandelt, der festgelegt hatte, dass Anker für Manfred verantwortlich ist.

Welchen Erfolg hatte nun die Therapie? Wie bereits angedeutet, einen ziemlich großen. Denn 20 Millionen Dänische Kronen sind kein Pappenstiel (rund 2,7 Millionen Euro). Insgesamt wurden bei dem Raubüberfall über 40 Millionen erbeutet und ein Wachmann erschossen. Aber für den Mord war Anker nicht verantwortlich. Leider. Es würde die Dinge nämlich vereinfachen, wenn er der kaltblütige Killer von damals wäre und nicht dessen Partner.

Flemming (Nicolas Bro), der sich nicht hatte erwischen lassen, hat seinen Anteil längst auf den Kopf gehauen, als Anker vorzeitig entlassen wird, wegen guter Führung. So ein Weichei abzuziehen, hält Flemming für eine der leichtesten Übungen. Aber da hat er die Rechnung ohne Manfred gemacht, den neuerdings alle John nennen müssen, und wehe, wenn nicht.

Auch wenn »Therapie für Wikinger« allen Ansprüchen an einen gelungenen Thriller genügt (Blut, Spannung, noch mehr Blut), steht doch im Mittelpunkt das Drama der Familie, deren Oberhaupt Anker seit seiner Entlassung aus dem Knast nun wieder ist. Manfred hat für den großen Tag 60 Vollkornbrötchen von der Lieblingssorte seines Bruders gekauft und dazu ein großes Stück Butter.

Solange Anker abwesend war, hatte sich Freja (Bodil Jørgensen), die ältere Schwester der beiden, um Manfred gekümmert. Es ist nicht so, dass sie Anker die Führungsrolle überlässt: Sie sieht ihn in der Pflicht. Doch Anker sieht nur das Geld. Das heißt, er sieht es eben nicht, weil nur einer den Platz kennt, an dem es vergraben wurde, nämlich Manfred, äh, Entschuldigung: John.

Das ist natürlich ein idiotischer ­Name für einen Wikinger. Aber wenn er Wikinger ist, ist er auch nicht John. Der Psychiater erklärt Anker das Problem seines Bruders: Dissoziative Identitätsstörung. Anker könnte jetzt googeln, doch das würde ihn nicht weiterbringen. Entweder die Macke ist echt, dann hat er ein Problem. Oder John macht nur einen auf John, dann hat er auch ein Problem. Also muss er mehrgleisig fahren. Der Psychiater, der Krebs hat und wenigstens einmal im Leben wissenschaftlich etwas reißen will, unterstützt ihn dabei. Er stellt eine Band zusammen. Denn John nennt sich John wegen John Lennon, der am gleichen Tag umgebracht wurde wie der Vater. Was die Sache vereinfacht, ist der Umstand, dass sie nur zwei Leute aus der geschlossenen Psychiatrie befreien zu brauchen, denn der Typ, der sich für George Harrison hält, glaubt auch, Paul McCartney zu sein.

So wird aus dem altehrwürdigen Haus der Eltern ein Tonstudio des Schreckens. Und als Freja auftaucht, wünscht man sich, Manfred würde sich für Lindemann halten oder noch ­besser für Ronald Van Zant, der als Boss von Lynyrd Skynyrd regelmäßig im Suff Bandkollegen und Roadies vermöbelt hat. Denn Freja sieht schlimm aus nach dem Besuch von Flemming, der über zwei Meter groß ist und knapp vier Zentner wiegt und der sich bestimmt bald persönlich nach dem Fortgang der Grabungen erkundigen wird. Wenn Sie mich fragen: ein völlig therapieresistenter Typ. Es sei denn, ein Wikinger nimmt sich der Sache an.

»Therapie für Wikinger«, Regie: Anders Thomas Jensen, Dänemark/Schweden 2025, 116 Min., Kinostart: 25.12.

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