Vollgeschleimt und weggeballert
Von Thomas Behlert
Wer in den Kinderzimmern seiner Nachkommen herumstöbert, dem fällt möglicherweise auf, dass dort viel wirres Zeugs lagert: dürre Puppen ohne Geschlecht, höchstens halb fertiggebaute Autos, Tiere aus seltsamen Klemmbausteinen. Damit Sie dieses Jahr weihnachtlich eingewickelten Quatsch vermeiden können, so Sie denn unbedingt wollen, präsentiert die junge Welt an dieser Stelle entsprechende Kandidaten.
Begeben wir uns auf den Friedhof der Kuscheltiere – 2025 dominiert von den Squishmallows. Die ballähnlichen Weichteile werden als »Squish-Bestie für lange Reisen oder gemütliche Abende zu Hause« beworben. Squish-Liebhaber haben die Wahl: Allesfresser Stitch, Grogu aus Star Wars, Spiderman, Relaxo, Harry Potters Eule Hedwig. Außerdem gibt es einen Kuschelerdbeermilchshake. Rätselhaft. Hab’ ich einen Hype verschlafen?
Sehr spezieller Unfug sind Sorgenfresser, die auf Wunsch wichtiger Werbestrategen Boogie Woogies heißen. Bekannte Figuren aus Film und Fernsehen, die gegen »schlechte Laune, Spinnen und Ärger« helfen sollen. Man schreibt seine Sorgen auf einen Zettel, steckt ihn in den Reißverschlussmund des Fressers und wartet – eine halbe Ewigkeit – aufs Resultat. Ich habe es ausprobiert, notierte auf einem Zettel, dass ich einen Sorgenfresser aus dem Regal des Spielzeughandels entwenden möchte. Meine Sorge sei, dass man mich erwischen könnte. Prompt landete Fresser Pingping zufällig in meinem Beutel. Ich wurde erwischt und hatte eine Sorge mehr. Ein grober Muskelprotz von Detektiv schaffte mich in den »heiligen Raum« der Überwachungsbildschirme. Jetzt habe ich eine Anzeige am Hals, die hoffentlich wegen Geringfügigkeit eingestellt wird, und im Geldbeutel 50 Euro weniger. Von wegen Sorgenfresser.
Kommen wir zum PVC. Es sollten besser keine Monstertrucks von Mattel unterm Weihnachtsbaum parken – sie sind nicht sehr stabil, die grellen Farben schmerzen Eltern in den Augen. Manche der ferngesteuerten Autos können Treppen steigen, werden, jaja, zu Bestien in der freien Natur. »Durch Drücken eines Knopfes führt Rageasaur einen unglaublichen Wheelie-Stunt vor, der jeden beeindruckt.« Tigershark Clim ist allzeit »bereit für die Zerstörung, Crashes und Kletter-Action«. Nun, nach ein paar Wochen sind viele der Monster, die mit ihren »Big Rigs für die maximale Zerstörung« sorgten, eher ein Fall für die gelbe Tonne.
Auch in diesem Jahr sind bunte Waffen im Kinderzimmer gern gesehene Gäste. Etwa das Blastercorn im, na klar, Einhorndesign. Das um seinen Hals plazierte Herz gibt der Waffe eine »zauberhafte Note«. Mit einer Reichweite von 27 Metern können kraftvolle Schüsse abgegeben werden, mit Leichtigkeit trifft der kämpfende Nachwuchs das Ziel. In der Werbung heißt es: »Die flatternden Flügel des Blastercorns bringen eine verspielte Portion Magie in jedes Spiel!« Unbedingt.
Der Crusher wiederum kann im »Slam-Fire-Modus vier Softdarts pro Sekunde abfeuern«, im beigefügten Munitionsgürtel befinden sich immerhin 35 Darts. Dann wäre da noch das Turbo-Fire-Gewehr in den Powerfarben Rot und Blau, das »Feuerkraft, Geschwindigkeit und Genauigkeit in einem vereinigt«. Die kleinen Expazifisten können schlappe »20 Softdartpfeile in Sekunden mit dem Slam-Fire-Modus« abfeuern. Auch die lustige, bunte Waffen fabrizierende Firma Nerf hat fürs Weihnachtsgeschäft neue Sachen am Start. Etwa »Elite 2.0 – Eaglepoint RD-8«, das jeder Mission angepasst werden kann. Oder »Fortnite Frenz 4 Ever« mit »cooler Rotationstrommel« für einen »epischen Spielspaß«.
Kommen wir zu typischen Mädchensachen – zu den Barbies, deren Packungen in diesem Jahr Farbwechsel-Make-up, parfümierte Squishy-Tiere und Glücksbärchenkostüme enthalten. Herrlich: Die schlanken Püppchen können erst ins Kostüm gesteckt und danach mit dem beigefügten Schleim die tollsten Überraschungen erleben oder aber den Farbewechseleffekt ihrer Haare genießen. Neben der großen Barbiefamilie wohnen kleine Doorables mit großen Kulleraugen, sehr langen Haaren, goldenen oder quietschbunten, recht kurz geratenen Kleidern. Partys feiern unsere 14 Zentimeter großen Sammelfiguren mit den beweglichen Gelenken. Da bleibt kein Kinderauge trocken.
An dieser Stelle hätte etwas über Spielzeug stehen sollen, das einst Kinder in der DDR erfreute und jetzt neu aufgelegt wurde. Leider beschränkt sich der Markt der Ostalgie auf bestens bekanntes »Sandmännchen«-Personal wie Moppi, Pittiplatsch, Schnatterinchen, Herrn Fuchs und Frau Elster. Gibt es gedruckt, gepresst oder im Fernsehen, wie immer. Ehemals beliebte Nebendarsteller wie Herrn Uhu, Mauz und Hoppel, Borstel Buddelflink oder Mischka haben kein Glück gehabt. Gemein.
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