Aus: Literatur »1968«, Beilage der jW vom 13.06.2018

»Was machen wir jetzt?«

Was war 1968 in der BRD los? Und was bleibt davon übrig? Eine Diskussion zwischen jW-Redakteuren anhand von Neuerscheinungen zum Thema

Von Daniel Bratanovic, Peter Merg, Christof Meueler, Peter Schaber
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Rote Fahnen sieht man besser: Demonstration gegen die Notstandsgesetze am 11. Mai 1968 in Bonn

Christof Meueler: Die Bücher, die wir uns vorgenommen haben, handeln nur von der westdeutschen ­Szene.

Peter Merg: Das liegt daran, dass hierzulande 1968 als Globalereignis weitgehend ignoriert wird. Alles kreist um die BRD, auch in den wichtigsten Neuerscheinungen.

Peter Schaber: In »Berlin – Stadt der Revolte« von Michael Sontheimer und Peter Wensierski von sind immerhin Ostberliner dabei.

Meueler: Sontheimer/Wensierski schreiben auch von einer Verbindung zwischen West- und Ostberlin 1968, als man im Osten Geld für Bauhelme als Schutz gegen die Polizei für die Studenten im Westen sammelte. Das machten Leute aus Intellektuellenkreisen. Sie gründeten sogar eine Scheinfirma, um besser an Bauhelme heranzukommen. Die prominenteste Beteiligte war die Schauspielerin Inge Keller. Die Helme wurden immer in kleinen Fuhren abgeholt, teilweise von den späteren RAF-Mitgliedern Astrid Proll oder Holger Meins.

Schaber: Und das MfS hat das beobachtet, aber nicht als Problem empfunden.

Meueler: Detlef Siegfried behauptet in seinem Buch »1968 – Protest, Revolte, Gegenkultur«, das westdeutsche ’68 sei politischer gewesen als beispielsweise in den USA, auch wenn dort alles angefangen hat: 1964 mit dem »Free Speech Movement« an der Universität in Berkeley, Kalifornien. Für Sontheimer/Wensierski beginnt die Revolte hierzulande, als im Spätsommer 1965 in Westberlin sich die Langhaarigen vereinigen und das Rolling-Stones-Konzert in der Waldbühne stürmen, wobei sie drei Polizeisperren niederrennen und die Rolling Stones dann derart verwirrt sind, dass sie nach fünf Songs abbrechen. Ein derartiges Publikumsverhalten entsetzte die Presse in West- wie Ostberlin gleichermaßen: Tagesspiegel, Bild, Neues Deutschland und Junge Welt waren tief erschüttert.

Ihr seid die Subjekte!

Schaber: Diese Gammlergeschichten waren ein Teil von ’68, den ich so nicht präsent hatte, weil meine politische Sozialisierung mit dem, was danach kam, zu tun hat. Bei Sontheimer/Wensierski wird eine Spiegel-Reportage von 1966 über »Gammler in Deutschland« zitiert, die auch sprachlich sehr schön ist: »Langhaarig, trinkfest, schmuddelig, gleichgültig, lungern sie an den Ecken der Nation: am Ohr oder um den Hals blechernes Geschmeide, um die Hüften zerfranste Jeans«. Und dann sagt einer von ihnen: »Ich halte es wie Kalle Marx, der hielt auch nichts von dieser Eigentumsscheiße«. Das ist an­politisiert, aber noch nicht dezidiert politisch.

Meueler: Und dann kommt der antiautoritär gewendete SDS daher und sagt ihnen: »Ihr seid die Subjekte!« Eine Position, die aus dissidenter marxistischer Theorie, wie zum Beispiel der von Karl Korsch, abgeleitet wird. Plus Wilhelm Reich und Herbert Marcuse, wie man in Gerhard Hanlosers Buch »Lektüre und Revolte« lesen kann.

Merg: Die Mobilisierung läuft aber vorrangig über den Hedonismus und über den Generationskonflikt. Das »Wir haben keinen Bock auf die Anforderungen der Gesellschaft« war das »Mindset«, das sich vorpolitisch durchsetzte.

Meueler: In ihrem Buch »Das andere Achtundsechzig« behauptet Christina von Hodenberg allerdings, dass damals das Verhältnis zwischen Eltern und Kindern gar nicht so schlecht gewesen sei.

Merg: Das könnte auch mit ihrer Quellengrundlage zusammenhängen. Sie verwendet ja Interviews aus einer »Bonner Längsschnittstudie des Alters«, die das Bonner Institut für Psychologie in den 60er Jahren mit über 200 älteren Leuten geführt hat.

Schaber: Das sind die Erinnerungen der Alten, nicht ihrer Kinder. Es wäre schon sehr überraschend, wenn die bürgerliche Kleinfamilie nicht repressiv gewirkt hätte, zumal in dem damaligen gesellschaftlichen Klima.

Merg: Die Stärke ihres Buch besteht darin, dass Hodenberg versucht, die Geschichte gegen den Strich zu bürsten. Es wird ja immer behauptet, erst gab es die sexuelle Befreiung und dann den Feminismus. Nach Hodenberg war die Studentenbewegung letztlich eine Minderheitenbewegung von politisierten männlichen Studenten, hat aber auf lange Sicht schon die zweite Welle der Frauenbewegung geprägt. Die Bedingungen in der Studentenbewegung waren sehr patriarchal. Das ganze bescheuerte Denken in Haupt- und Nebenwidersprüchen. Wenn Rudi Dutschke in sein Tagebuch schreibt, kommt seine Frau Gretchen kaum vor, nicht mal die Geburt seines Sohnes Hosea-Ché 1968.

Nicht einschlafen!

Meueler: Dabei vertrauten die Antiautoritären um Rudi Dutschke, deren Fraktion sich 1966 im SDS gegen die Traditionssozialisten durchsetzte, auf Selbstermächtigung und Störungen der Routinen als politisches Stilmittel, beeinflusst von der Künstlergruppe Spur, der deutschen Sektion der Situationistischen Internationale, wie Siegfried schreibt.

Schaber: Das hätte mich schon interessiert, aber leider habe ich die Siegfried-Lektüre nach der langweiligen Einleitung abgebrochen. Ich frage mich generell, was der Nutzen dieser akademischen, doch sehr deskriptiven Bücher ist, mit Ausnahme von »Berlin – Stadt der Revolte«, das ich amüsant finde. Ich würde mir Bücher zu ’68 wünschen, in denen ich erfahre, warum das Ganze gescheitert ist. Oder: Was war das Verhältnis zwischen Spontanität und Organisation?

Daniel Bratanovic: Es fällt schon auf, dass in vielen der Bücher, die wir ausgewählt haben, ein nüchterner, bisweilen einschläfernder Ton vorherrscht. Anders als noch beim 40jährigen Jubiläum von 1968 kommt niemand mehr mit einer besonders steilen These um die Ecke, die dann alle Feuilletons hinterm Ofen hervorlockt. Nicht Götz Aly, der vor zehn Jahren »Unser Kampf 1968« veröffentlicht hat, nicht Wolfgang Kraushaar, der immer wieder mit »1968« abgerechnet hat.

Meueler: Doch, Kraushaar gibt es, in Form von »100 Seiten« bei Reclam über 1968. Die sind allerdings äußerst milde gehalten.

Merg: Das scheint mir daran zu liegen, dass die Fronten doch ziemlich klar sind. Von seiten der Neuen Rechten und der AfD wird 1968 bekämpft, indem gesagt wird: Da ist alles schiefgelaufen, da müssen wir die Zeit zurückdrehen. Und die linksliberale Öffentlichkeit, sofern es sie noch gibt, möchte am heroischen Bild von 1968 weiter festhalten. Einig sind sich beide Seiten über die These von Jürgen Habermas, dass eine »Fundamentalliberalisierung« der westdeutschen Gesellschaft auf 1968 zurückzuführen sei. Die einen wollen sie rückgängig machen und die anderen wollen sie verteidigen. Problematisiert wird diese Erzählung jedoch nicht.

Bratanovic: Was diesen Büchern generell fehlt, sind die ökonomischen Aspekte der damaligen Zeit, die tauchen überhaupt nicht auf. Es geht stets um kulturelle Verschiebungen, neue Musik, Drogenkonsum und eine neue zu erkämpfende Liberalität.

Meueler: Die Bildung sei in den sechziger Jahren breiter und besser geworden, heißt es.

Bratanovic: Aber in welchem Zusammenhang steht das mit dem Prozess der Kapitalakkumulation und der Produktivkraftentwicklung? Warum ist die Bildung breiter und besser geworden? Welche Veränderungen der Sozialstruktur brachte das mit sich? Das findet nirgendwo Erwähnung. Nach 1960 wächst die Intelligenz in der Bundesrepublik zur Massenschicht heran. Und die suchte ihren gesellschaftlichen und politischen Platz. Georg Fülberth hat einmal geschrieben, die Revolte von 1968 sei das Betriebsgeräusch gewesen, das dabei entstand.

Schaber: Erstaunlich finde ich, dass die Zahl der Teilnehmer an den großen Demos gar nicht so groß war. Wenn es hochkommt, bewegt sich das im Bereich von mehreren zehntausend. Oft sind es auch nur 2.000, 3.000. Heute gehen auch so viele demonstrieren, beispielsweise gegen zu hohe Mieten und den Ausverkauf der Stadt, aber das gilt nicht als gesellschaftlicher Aufbruch.

Bratanovic: Kraushaar schreibt, erst durch 1968 sei der Protest auf der Straße als normale Politikform akzeptiert worden. Vorher wurde er als geradezu empörend wahrgenommen. Auch wenn es da schon die Ostermarschbewegung gegeben hatte.

Der Lifestyle

Merg: Der Unterschied ist der, dass es eine sozial relativ homogene Gruppe war, die 1968 demonstrierte: die Studenten und mit ihnen sympathisierende Schüler und Lehrlinge. Es gab ja auch den Lifestyle. Das, was als provokant wahrgenommen wurde, wäre vorher in Bündnissen wie bei den Ostermärschen mit irgendwelchen Gewerkschaftern oder pazifistischen Kirchenleuten nicht drin gewesen. Und dann kommt die mediale Innovation hinzu: Warum interessieren sich plötzlich so viele für den Vietnamkrieg? Weil sie Fernsehbilder davon sehen. Und auch die der Proteste dagegen.

Schaber: Daraus resultiert auch das Erinnerungsbild an 1968, weil es ein Teil des heutigen Establishments als seine eigene Geschichte begreifen kann, und zwar als kulturelle Erneuerung, die aber insgesamt für den Kapitalismus kein Problem darstellt. Es kann sein, dass das die damaligen Kapitalisten noch nicht wussten, aber für diese Wirtschaftsform ist es irrelevant, ob du lange oder kurze Haare trägst. Es ist sehr vieles integrierbar, und mit Kleidung, Musik und Literatur kann man noch ein Extrageschäft machen. Tatsächlich antagonistische Positionen gab es in der Antikriegsfrage und der Antikolonialfrage. Das, was sich nach dem Vietnamkongress des SDS an der TU in Westberlin im Februar 1968 als verlängerter, militanter Arm der Befreiungsbewegungen hierzulande herausbildete, konnte viel weniger integriert werden, weshalb diese Kämpfe auch viel weniger eine Rolle spielen in dem heutigen Diskurs über 1968.

Bratanovic: Siegfried beschreibt das vergleichsweise gründlich, als einziger. Er erinnert auch daran, dass es schon lange vor dem Schahbesuch Proteste gegen den kongolesischen Ministerpräsidenten Moïse Tschombé gab, der 1964 Westberlin besuchte.

Merg: Leute aus den kapitalistischen Zentren betrachteten die Ausgebeuteten aus dem Süden erstmals als Menschen, von denen sie etwas lernen können. Die BRD konnte man 1968 vielleicht mit Japan gleichsetzen, aber nicht mit Mexiko. Wie Lateinamerika überhaupt schon vorher, die ganzen 60er Jahre über, von revolutionären Schüben und Aufständen geprägt war.

Meueler: Die bundesdeutschen Studenten hatten das Problem, wie man bei Hanlosers Buch gut nachvollziehen kann, zu klären, in welcher geschichtlichen Situation sie sich befinden. Sie versuchten das herauszufinden, indem sie Bücher wiederentdecken, die 30 bis 50 Jahre alt waren. Die waren zwar theoriegeschichtlich relevant, aber die einzige Handlungsanweisung kam von den aktuellen Befreiungsbewegungen: Ihr müsst euch bewaffnen, der Feind ist überall derselbe.

Die K-Gruppen

Merg: Dieses Denken in Analogien wird dann in den 70er Jahren bei den K-Gruppen, den kommunistischen Kleinparteien, auf die Spitze getrieben, wenn ihre Mitglieder die 20er Jahre nachspielen.

Meueler: Immer wieder krass: der bruchlose Übergang vieler Aktivisten der antiautoritären Bewegung in den Autoritarismus der K-Gruppen.

Schaber: So antiautoritär in der Organisationsweise war der SDS auch nicht. Da gab es informelle Hierarchien.

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Cartoon von Gerhard Seyfried aus der Ausstellung »Die 68er in Cartoons«, bis 12. August 2018 in der Caricatura-Galerie Kassel

Bratanovic: Bevor es in die K-Gruppen gehen konnte, musste sich der SDS erst einmal auflösen, ratlos, was jetzt zu tun sei. Das war 1970. Der Frankfurter Theoretiker Hans-Jürgen Krahl verunglückt tödlich, einen Monat später packt der SDS ein.

Meueler: Der neue Adorno ist tot, der alte war schon ein Jahr vorher gestorben. Dazwischen aber waren die wilden Streiks der Arbeiter im Herbst 1969. Damit hatten die Studenten nicht gerechnet, das hat sie fast schon erschreckt. In Frankreich passierten diese Streiks früher, zeitgleich mit den Protesten der Studenten im Mai 1968 und schufen eine revolutionäre Situation, in Westdeutschland kamen sie zu spät. Das war ihre Tragik.

Merg: Irgendwann flaut die Welle ab. Aber da waren diese Leute schon politisiert, und sie fragten sich: Was machen wir jetzt? Es wird versucht, den revolutionären Impetus in strukturierte Formen zu bringen. Manche gründen Zeitschriften und Verlage, andere neue Organisationen.

Bratanovic: Eine Erklärung für die K-Gruppen in ihrer spezifischen Form waren nicht zuletzt die Vorgänge in China. Ein Dritte-Welt-Land befreit sich aus eigener Kraft aus dem de facto kolonialen Joch mit einer kommunistischen Partei an der Spitze. Die mag zwar politisch schräg agieren, wirkt aber auf die Studenten begeisternd.

Meueler: Das Versprechen der chinesischen Kulturrevolution: Vertraut auf die eigene Kraft, dann könnt ihr euch selbst befreien. Propagiert von Mao im innerparteilichen Machtkampf, der damit beinahe das gesamte Land samt seiner Partei ruiniert hätte.

Merg: Das Umschlagen der Antiautoritären des SDS ins Superautoritäre der K-Gruppen erkennt man gut an ihren Lektürepraktiken, das sind auch die besten Teile in der Anthologie zur Mao-Bibel, herausgegeben von Anke Jaspers, Claudia Michalski und anderen. Da wird herausgestellt, wie man in die alten Bücher geguckt hat – in der Erwartung, dort sei die Weisheit zu finden. Da sind so Sachen passiert, dass man sich vor Werkstore gestellt hat, um aus dem »Kapital« vorzulesen. Wie ein Prediger, der mit der Schrift in der Hand darauf wartet, dass der Heilige Geist über die Massen kommt.

Schaber: Ich finde es trotzdem gut, dass man sich mit so großem Ernst der Lektüre und der Politik hingegeben hat. Dass man nicht so wie heute eine gebrochene, halbironische Einstellung an den Tag legt. Damals gibt es zwar ein Element des Glaubens, aber eben auch das von Aktivierung. Natürlich war es aussichtslos, mit dem Maoismus so etwas wie eine Kulturrevolution in Deutschland anzuzetteln, aber dass man seine eigene Theorie ernst genug nimmt, um sie als Werkzeug für eine kommende Revolution einzusetzen, das gefällt mir besser, als solche ausgewogenen Gesamtdarstellungen, über die wir uns jetzt unterhalten, verfassen zu wollen. Wo das Schreiben und Lesen im besten Fall ein Vergnügen ist und im schlechtesten Fall eine Anstrengung, im akademischen Betrieb fortbestehen zu können.

Meueler: Noch ernster meinten es die Studenten, die 1969/70 damit anfingen, in die Fabriken zu gehen, um dort zu arbeiten und zu agitieren.

Merg: Es ist aber ein Fehler zu glauben, die Menschen, die 1968 auf der Straße waren, wären dann alle in den K-Gruppen gelandet. Die Leute waren zwar anpolitisiert und hatten vielleicht ein Gefühl von Freiheit entwickelt, aber die überwiegende Mehrheit startete dann trotzdem in ein normales bürgerliches Leben.

Bratanovic: Vermutlich hat von diesem Potential am stärksten die SPD mit ihrer »Willy wählen«-Kampagne profitiert, die DKP aber sicherlich auch.

Der radikale Rest

Schaber: Und der Rest, der da übrig bleibt ist für mich der sympathischere Teil. Auf einmal wollten nur noch wenige das ernst nehmen, was beim Vietnamkongress im Februar 1968 in der TU Westberlin alle gesagt hatten: »Die Pflicht jedes Revolutionärs ist es, die Revolution zu machen«. Zu den K-Gruppen kann man tausend kritische Sachen bemerken, doch die Einsicht, dass man eine organisierte politische Kraft braucht, ist wichtig, um der Spontaneität über diesen einen Moment, wo etwas explodiert, hinaus eine politische Form zu geben.

Meueler: Die Leute, die Che Guevaras Parole »Schaffen wir zwei, drei, viele Vietnam« auch nach 1968 weiterhin umsetzen wollten, sind auf einmal in der Minderheit. Die RAF hatte ja bei ihrer Gründung 1970 erklärt, sie wolle den bewaffneten Kampf ausprobieren. Als sie merkte, dass die Massen nicht mitgehen, hätte sie dieses Experiment stoppen müssen.

Schaber: Erstaunlich ist, wie man so reinschlittert in den bewaffneten Kampf. Das war oft nicht besonders gut vorbereitet. Ulrike Meinhof hat 1970 relativ spontan entschieden, bei der Befreiung von Andreas Baader in der Bibliothek nicht sitzen zu bleiben.

Meueler: Ich kannte einen Filmemacher und Künstler aus Hamburg, der war befreundet mit zwei Frauen, die nacheinander beide in der RAF landeten und ihn als laschen Zauderer beschimpften, weil er nicht in den Untergrund mitgehen wollte. Er selbst war in einem Boxklub mit Machos aus der Halbwelt. Und die sagten ihm: Lass das, die packen es nicht.

Merg: Klar, 1968 ist der Mythos der Revolte, aber dass damals die Revolution vor der Tür gestanden hat, war eben nicht der Fall. Doch das gehört zu dem Erbe, das man verarbeiten muss. Genau wie die Hinwendung zur Theorie, die Lektüre mag teilweise scholastisch gewesen sein, aber nichts spricht dagegen, wieder Georg Lukács und Karl Korsch auszugraben und zu schauen, auf was haben die reagiert? Ansonsten würden wir ja nicht hier sitzen.

Bratanovic: Die Frage, was bleibt, ist mit einer anderen Frage zu verknüpfen: Warum wird 1968 bis heute so heftig attackiert? Es gibt gegenwärtig eine starke Bewegung von rechts, 1968 zu bekämpfen, in Gestalt einer eigenen Formation, nämlich der AfD. Aber ein Angriff auf was ist das eigentlich? Auf die kulturelle Liberalisierung und die Freiheit, die damit einherging – ­ohne allerdings je ernsthaft die Eigentumsfrage zu stellen.

Meueler: Es ist ein Angriff auf die gesellschaftliche Phantasie. Die fängt bei der Kommune 1 an und geht über die diversen Aktionsausschüsse bis in die bewaffneten Gruppen. Es geht um die folgende Idee: Du machst alles neu und zwar im Moment der Handlung. Bei der RAF war immer wieder vom »Sprung« die Rede, den Sprung vom überholten Alten ins unbekannte Neue. Das fängt tatsächlich bei der Befreiung von Andreas Baader an, mit Meinhofs Sprung aus dem Fenster. Ein radikales existential-philosophisches Moment, das heutzutage nur noch in pervertierter Form auftaucht, weil in jeder besser organisierten Firma behauptet wird, dass sich ihre Mitarbeiter kraft ihrer Kreativität jederzeit neu erfinden könnten. Und zwar für die Firma.

Bratanovic: Man kann es auch ätzend formulieren: Die 68er mit ihrem Selbstverwirklichungsfimmel haben der neuen Managementliteratur die Stichwörter geliefert.

Probleme des Liberalismus

Merg: Der liberale Impuls wurde vom Kapitalismus ohne Probleme aufgegriffen und inkorporiert. Nichtsdestotrotz muss man ja sagen, dass eine liberalere bürgerliche Demokratie kapitalistischer Machart immer noch bessere Lebens- und Arbeitsbedingungen bietet als die klassisch autoritären kapitalistischen Gesellschaften, die kurz vor dem Faschismus stehen. Da kommen wir zurück zu den Anfängen von 1968: Die BRD der fünfziger und frühen sechziger Jahre, das ist der feuchte Traum von Alexander Gauland.

Schaber: Wobei dieser Gedankengang mir als jemandem, der sich im Kapitalismus nicht wohlfühlt und ihn abschaffen möchte, befremdlich erscheint. Zu sagen, die liberaleren Demokratien sind schon irgendwie besser als die weniger liberalen, ist zwar richtig, aber auch banal. Gerade die Vereinnahmung der antikapitalistischen Revolten durch neoliberale Ideologien, dieses Anything goes und Du-kannst-hier-leben-wie-du-möchtest-Geschwätz, das empfinde ich als ekelhaft. Diese Prozesse müsste man untersuchen: Wie endet Che Guevara auf einem H&M-T-Shirt? Wie kann man sich dieser Vereinnahmung entziehen? Oder geht das vielleicht auch gar nicht? Zur Klärung solcher Fragen ist das Buch »Konsum und Gewalt« von Alexander Sedlmaier nützlich.

Bratanovic: Aber um auf die Ausgangsfrage zurückzukommen: Wenn die Rechten fordern, dass das sogenannte rotgrün versiffte Deutschland ersetzt werden müsste und zwar ...

Meueler: … durch ein ordentliches ...

Bratanovic: ... und gewaschenes, diszipliniertes, durch die Restitution althergebrachter Werte und Verhaltensmuster bestimmtes Deutschland, dann sind das Angriffe, die ans Eingemachte gehen: Die Wiederherstellung der bürgerlichen Kleinfamilie mit ihren tradierten Rollenmustern, die Aufhebung der Gleichberechtigung und der Freiheit der sexuellen Orientierung.

Schaber: Aber die richtige Position ist nicht, dass wir uns jetzt hinter das angeblich weltoffene rotgrüne 68er-Deutschland stellen. Allgemein gesprochen dominieren gegenwärtig zwei Erzählungen von 1968: die neoliberale und die reaktionäre-rechtspolitische. Aber das sind nicht die einzig möglichen.

Merg: Den Funken, den Willen zur Emanzipation in einem klassenkämpferischen und internationalistischen Sinne, den gab es damals eben auch. Der Hauptfeind der Rechten aber ist der Liberalismus. Der Sozialismus, der Kommunismus und der Anarchismus sind für sie nur Spielarten des Liberalismus. Das ist ideengeschichtlich nicht ganz falsch, aber es gibt den Unterschied ums Ganze: Der Kommunismus will den Kapitalismus aufheben – und damit auch den Liberalismus.

Schaber: Ich habe jedenfalls keinen positiven Eindruck vom Liberalismus und dessen Geschichte.

Bratanovic: Sicher, hier wäre über die Widersprüche und die Verlogenheit des Liberalismus zu sprechen. Dennoch würde ich sagen, es war historisch schon einmal falsch, dass sich eine radikale oder kommunistische Linke so einseitig auf den Liberalismus eingeschossen hatte. Denn bei all dem Hässlichen, das aus der bürgerlichen Rechtsform hervorgeht, bietet sie gewisse Sicherheiten gegenüber dem, was bürgerliche Herrschaft in ihrer terroristischen Gestalt so alles angestellt hat.

Schaber: Das bestreite ich nicht, würde aber trotzdem sagen, dass im Moment der ideologische Hauptgegner im Grunde dieses liberale Selbstverständnis in den kapitalistischen Metropolen ist. Ich will den Angriff von rechts nicht verharmlosen, das ist eine große Gefahr, aber hegemonial ist immer noch das andere. Hegemonial ist, dass du sagen kannst: Ich bin weltoffen und Refugees welcome und im selben Atemzug Waffenexporte in Kriegs- und Krisengebiete rechtfertigst.

Bratanovic: Vor fünf Jahren hätte ich dir uneingeschränkt zugestimmt. Aber ich behaupte, diese Hegemonie ist brüchig geworden. Und der Angriff kommt gegenwärtig leider nicht von links, sondern von rechts.

Schaber: Aber in dem Moment, wo du auf der Kanzleramtsseite als weltoffene, die AfD angeblich »weg bassende« Demonstration auftrittst, bist du Teil des progressiven Neoliberalismus. Das war am letzten Sonntag im Mai im Grunde nichts anderes als Raven für Deutschland. Und die Rechten können sich als Gegenpol zu diesem dominanten Neoliberalismus darstellen. In Österreich sind die Rechten schon weiter: da wählt mittlerweile die Mehrheit mancher migrantischer Milieus die FPÖ. Und hierzulande ist die AfD schon der Hauptfeind, bevor sie an der Regierung ist. Das ist eine eigenartige Einstellung für Antifaschisten.

Merg: Und deshalb muss man auf die Erfahrungen von 1968 zurückgreifen, um zu klären, unter welchen Bedingungen eine radikale Politik überhaupt radikal bleiben kann.

Gerhard Hanloser: Lektüre und Revolte. Der Textfundus der 68er-Fundamentalopposition. Unrast, Münster 2018, 168 Seiten, 9,80 Euro

Christina von Hodenberg: Das andere Achtundsechzig. Gesellschaftsgeschichte einer Revolte. C. H. Beck, München 2018, 250 Seiten, 24,95 Euro

Anke Jaspers/Claudia Michalski/Morten Paul (Hg.): Ein kleines rotes Buch: Die Mao-Bibel und die Bücher-Revolution der Sechzigerjahre. Matthes & Seitz, Berlin 2018, 240 Seiten, 28 Euro

Wolfgang Kraushaar: 1968. 100 Seiten. Reclam, Stuttgart 2018, 100 Seiten, 10 Euro

Alexander Sedlmaier: Konsum und Gewalt. Radikaler Protest in der Bundesrepublik. Suhrkamp, Berlin 2018, 463 S., 32 Euro

Detlef Siegfried: 1968 – Protest, Revolte, Gegenkultur. Reclam, Stuttgart 2018, 299 Seiten, 28 Euro

Michael Sontheimer/Peter Wensierski: Berlin – Stadt der Revolte. Chr. Links Verlag, Berlin 2018, 448 Seiten, 25 Euro

Daniel Bratanovic ist Ressortleiter Thema der jW, Peter Merg Literaturredakteur, Christof Meueler Ressortleiter Feuilleton/Sport und Peter Schaber verantwortlich für den Bereich Interview


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