Aus: Ausgabe vom 13.06.2018, Seite 11 / Feuilleton

Mutter Tulpe, Vater Biene

Verlorene Illusionen: »Die 68er in Cartoons« in Kassel und »Lauter lupenreine Demokraten« in Greiz

Von Thomas Behlert
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Damals war alles schlechter: Karikatur von Katharina Greve in Kassel

Ja, ja, viele 68er wurden zu den Menschen, vor denen sie einstmals gewarnt hatten. Zum 50. Jahrestag gräbt man Jockel Fischer wieder aus, oder Langhans’ Rainer mit und ohne Harem. Ganz anders beschäftigen sich der Lappan-Verlag aus Oldenburg und die Caricatura-Galerie Kassel mit dieser längst vergangenen Epoche. Lappan veröffentlichte »Die 68er Cartoons«, deren Originale derzeit in einer Ausstellung in der Caricatura zu sehen sind. Es sind politische und gesellschaftliche Cartoons, die die Protagonisten karikieren – die Pflastersteinwürfe, den Rock ’n’ Roll, die Drogen und die Blumen und das große Gerede. Sogar ungewaschene Haare gibt es. Der Karikaturist Mario Lars zeichnete, was davon noch übriggeblieben ist. Bei ihm fragt eine Frau auf der Parkbank einen Schnösel mit Schlips: »Ich bin ein Blumenkind, wissen Sie, was das bedeutet?« Darauf er: »Mutter Tulpe, Vater Biene.« Tja, nichts ist mehr übrig, oder man war noch nicht dabei, wie Stephan Rürup einen Mann ohne besondere Eigenschaften sagen lässt: »Die sexuelle Revolution der 68er ist komplett an mir vorbeigegangen. Ich war drei und hatte einen winzigen Pimmel.«

Viele der Zeichner sind zu jung, um diese Zeit bewusst erlebt zu haben, machen aber einen ordentlichen Witz, andere waren selbst vor Ort. Unvergessen ist der große Last-Exit-Sossenheimer Chlodwig Poth (1930–2004). Bevor er aussah wie ein Karl-Marx-Seibeiuns und nach dem Untergang des Realsozialismus zum »Zonenkönig Chlodwig« der Titanic wurde (»Die endgültige Teilung Deutschlands – das ist unser Auftrag«), berichtete er in den 70er Jahren von seinen verlorenen Illusionen als sogenannter 68er: »Mein progressiver Alltag« hieß seine regelmäßige Kolumne in Pardon, dem Vorläufer von Titanic. Ein meisterlicher Comicstrip. Ähnlich ikonographisch verewigte Gerhard Seyfried das etwas weniger akademisch ausgerichtete Spontimilieu mit all seinen Joints, alten Mercedes-Benz-Kisten und Antibullenwitzen. Bei ihm schießt ein Kämpfer mit der Steinschleuder eine Wanne um, und ein ehemaliger 68er brennt die Sonderschau zum Thema 68er ab, um seinem Sohn zu zeigen, dass er es immer noch kann.

Auch im ostthüringischen Greiz kümmert man sich um die Reste der Demokratie in Deutschland: »Lauter lupenreine Demokraten« heißt dort im Schloss die »9. Triennale der Karikatur«, für die 80 Künstler 250 Arbeiten ausstellen. Darunter sind Tageszeitungscartoons, bei denen die gezeichneten Dinge gerne eine Aufschrift bekommen. Auf dem Sprungbrett steht »Demokratie« und der Herr »Despot« springt in die Tonne mit der Aufschrift: »Diktatur«. Selten so gelacht.

Im begleitenden Buch, das man sich nach dem Museumsbesuch gönnen kann, steht sehr richtig geschrieben, was es mit so einem satirischen Bild auf sich hat: »Eine Karikatur kann nicht die Welt retten, sie kann aber den Blick schärfen, Ansichten auf den Punkt bringen, den Betrachter durch zunächst leicht erfassbare Pointen zum Nachdenken bringen«. So schreit bei Clemens Ottawa ein Nazi seinen Rechner an: »Nein, ich werde den Links nicht folgen!«, und bei Denis Metz wird alles zur traurigen Wirklichkeit, denn ein Schiffskapitän ruft vom stabilen und großen Schiff zu den Flüchtlingen, die auf einem übervollen Gummiboot nach Hilfe flehen: »Wir können euch nicht mehr helfen, sonst wählen noch mehr AfD«. Vielleicht findet das jemand in der Linkspartei ja lustig.

»Die 68er in Cartoons«, bis 12.8. in der Caricatura-Galerie Kassel; »Lauter lupenreine Demokraten«, bis 7. Oktober im Satiricum Greiz

Saskia Wagner (Hg.): Die 68er-Cartoons, Lappan-Verlag, Oldenburg 2018, 128 Seiten, 14 Euro

Staatliche Bücher- und Kupferstichsammlung Greiz (Hg.) Lauter lupenreine Demokraten, Lappan-Verlag, Oldenburg 2018, 164 Seiten, 12,99 Euro

Siehe auch die heutige Literaturbeilage, die mit 68er-Cartoons der Kasseler Ausstellung illustriert ist


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