Aus: Ausgabe vom 13.06.2018, Seite 11 / Feuilleton

Der Pate im Beton

Nanni Balestrinis Camorra-Roman »Sandokan« wird wiederaufgelegt

Von Gerd Bedszent
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»Wenn der Wind der Unterdrückung aufhört, werden die Segel uns zum Glück führen.« Schild im Nord von Neapel, Heimat der Camorra

Nanni Balestrini ist einer der interessantesten Protagonisten der italienischen Kulturlandschaft, er gilt unter anderem als Chronist des in den 60er Jahren einsetzenden sozialen Aufbruchs. Im deutschsprachigen Raum wurde er hauptsächlich durch seine Romantrilogie »Die große Revolte« (»Wir wollen alles«, »Die Unsichtbaren« und »Der Verleger«) bekannt, in der er Aufstieg und Niedergang der operaistischen Bewegung schildert. Balestrini beschreibt darin die ungeheure Kraft sozialen Aufbegehrens, aber auch die heftige Brutalität, mit welcher der bürgerliche Staat auf diesen Angriff reagierte.

»Sandokan« ist der Spitzname von Francesco Schiavone, einem berüchtigten Anführer eines Camorra-Clans, der 1972 als 18jähriger das erste Mal verhaftet und 2008 zu lebenslänglicher Haft verurteilt wurde. In dem dokumentarischen Roman wird die Herrschaft des organisierten Verbrechens am Beispiel einer süditalienischen Kleinstadt verdeutlicht. Stumpfsinn und Tristesse dieser abgehängten, stockkonservativen Region verhinderten eine linke Politisierung der Jugend, beförderten statt dessen die kriminelle Bandenbildung.

Balestrini schildert eindringlich und gekonnt die brutalen Kämpfe dieser Banden um den Zugang zu lukrativen Einnahmequellen, wie beispielsweise Drogenhandel, Prostitution, Glücksspiel oder Produktpiraterie. Durch Infiltrierung staatlicher Behörden und Absprachen mit führenden Politikern erlangten sie Zugriff auf staatliche Fördertöpfe. Die Gelder wurden durch Investitionen im Ausland gewaschen, binnen kurzer Zeit entstanden weltweit agierende Wirtschaftsimperien. Die kamen sich natürlich in die Quere, die Clanchefs begannen sich gegenseitig umzubringen. Hunderte unbeteiligter Menschen wurden Opfer der Bandenkriege, Dutzende führender Clanmitglieder endeten als einbetonierte Leichen. Die zu Beginn des Buches geschilderte Festnahme des »Paten der Paten« markiert den Beginn einer heftigen Reaktion der Staatsorgane.

In der eigenwilligen Sprache des Autors, ohne Punkt und Komma, verdichten sich all diese Ereignisse zu einem Chorgesang, zu einer wilden Sinfonie des Grauens. Der Held des Romans, welcher die Geschehnisse aus seiner Sicht schildert und kommentiert, ist allerdings kein Mafioso. Denn auch im Land der Camorra gibt es Menschen, die sich nicht mit den hoffnungslosen Zuständen abfinden wollen. Dass dieser Widerstand erfolglos bleibt, der Held seiner verwüsteten Heimat wütend den Rücken kehrte, ist folgerichtig. Raub war schon immer ein Bestandteil kapitalistischen Wirtschaftens, und gegen diesen Raub befördernde Strukturen können letztlich weder Staatsanwälte noch schwerbewaffnete Polizeikommandos etwas ausrichten.

Das Buch erschien erstmals 2006 in deutscher Übersetzung. Für die Neuauflage wurde es geringfügig überarbeitet und um ein Vorwort von Roberto Saviano ergänzt. Wie dieser schreibt, war die italienische Erstausgabe des Werkes von heftigen juristischen Auseinandersetzungen begleitet – der Namenspatron des Buches und dessen Familie hatten Anwälte in Marsch gesetzt, um das Erscheinen des Romans zu verhindern.

Nanni Balestrini: Sandokan. Eine Camorra-Geschichte. Mit einem Vorwort von Roberto Saviano. Aus dem Italienischen von Max Henninger, Verlag Assoziation A, Berlin 2018, 138 Seiten, 16 Euro


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