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Aus: Ausgabe vom 15.04.2026, Seite 11 / Feuilleton
Sachsen-Anhalt

Zur Freiheit verführt

Briefe aus Blauland
Von Bernhard Spring
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Die AfD wurde selbstverständlich nicht gefragt: Christopher Street Day in Wernigerode (7.6.2025)

Lieber Freund, endlich gibt es auch mal gute Nachrichten von hier. 976 Personen in Sachsen-Anhalt haben ihr Geschlecht geändert, seitdem das durch das Selbstbestimmungsgesetz deutlich vereinfacht wurde. Toll, oder? Freie Entfaltung statt ­psychiatrischer Atteste und eines Lebens, das sich nicht richtig anfühlt.

Dass ich dir überhaupt davon schreiben kann, ist – du glaubst es sicher kaum – der AfD zu verdanken. Deren Abgeordneter Gordon Köhler hat bei der Landesregierung nachgefragt und diese Zahl präsentiert bekommen. Und ist damit bestimmt alles andere als glücklich, denn die Zahlen widersprechen komplett dem Geist der AfD.

Die behauptet, dass die Änderung des Geschlechtseintrags ein Thema »insbesondere in urbanen Regionen« sei. So was gibt es in Sachsen-Anhalt nicht, hier finden sich nur ländliche Regionen und vereinzelte Städte. Tatsächlich aber: Struggle mit der Geschlechtsidentität ist kein aufgeschäumtes Starbucks-Thema aus Berlin-Mitte, sondern beschäftigt die breite Gesellschaft. Von der die AfD offenbar keine Ahnung hat.

Und dann sehen die Rechten die »psychische Gesundheit und das Wohl von Jugendlichen« gefährdet. Blöd nur, dass in Sachsen-Anhalt gerade einmal rund 40 Teenies das Geschlecht geändert haben, sonst nur Erwachsene. Von einer frühreifen Entscheidung kann also kaum die Rede sein – vor allem, weil nur vier Personen ein zweites Mal ihr Geschlecht umschreiben ließen (wobei die Leute vom Amt offenließen, ob man zum alten zurückkehrte oder zu »divers« oder »sonstiges« wechselte). Wieder ist die AfD krass an der Realität vorbei.

Und von wegen man müsste »Schutz für Frauen« organisieren, weil so viele Männer sich als Frauen in Umkleiden und andere sensible Bereiche einschleichen würden. Kriminell auffällig wurde nur ein Kerl, der sich als Frau in einen Frauenbereich reinkriminalisiert hat: Marla-Svenja Liebich aus Merseburg, zuvor als Sven Liebich bekannt, verurteilt wegen rechter Volksverhetzung und eingeladen in den Frauenknast. Dummerweise aktuell untergetaucht.

Blöd nur, dass die AfD trotz dieser erschlagenden Realität einfach nicht die Kurve kriegt: Sie prangert an, dass Liebich wegen »nonkonformer Meinungen« verurteilt wurde (so Abgeordneter Hans-Thomas Tillschneider) und dass das »absurde Gesetz« eine »verquere Genderideologie« bediene. Heißt: 976 Personen in Sachsen-Anhalt wurden laut AfD ideologisch verführt. Nur eben nicht von der AfD.

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