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Aus: Ausgabe vom 30.03.2026, Seite 6 / Ausland
Russland

Iran-Krieg als Augenöffner

Die politische Szene Russlands stellt sich auf eine langandauernde Konfrontation mit den USA ein
Von Reinhard Lauterbach
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Iran und Russland sind einander strategische Partner: Die Präsidenten Peseschkian und Putin (Aschgabat, 12.12.2025)

Eines stach sofort ins Auge: Die russische Reaktion auf den neuen US-amerikanisch-israelischen Iran-Krieg fiel deutlich schärfer aus, als die Anfang des Jahres auf die Entführung des venezolanischen Präsidenten Nicolás Maduro und seiner Frau in die USA. In der Karibik habe Russland kaum Möglichkeiten gehabt, praktisch zugunsten seines Verbündeten einzugreifen, schrieb Mitte März Dmitri Trenin, langjähriger Chef des Moskauer Büros der US-amerikanischen »Carnegie-Stiftung für den Frieden«, in einem auf Facebook veröffentlichten Beitrag. Was er nicht offen hinzufügte, aber Pointe dieser Aussage ist: Im Fall Irans sei das etwas anders. Das sei ein Partner unweit der russischen Südflanke, dessen Bedrohung ernster zu nehmen ist.

Auch Fjodor Lukjanow, Chefredakteur der außenpolitischen Fachzeitschrift Russia in Global Affairs, schrieb vor wenigen Tagen dort einen Text mit der Überschrift »Können sie es wiederholen?« Er erinnerte darin an zwei historische Jubiläen, die als Einleitung des ersten Kalten Krieges gelten: das »Lange Telegramm« des damaligen US-Botschafters in Moskau, George F. Kennan, vom 12. Februar 1946, und die einen knappen Monat später gehaltene Rede von Winston Churchill an der Universität Fulton im Bundesstaat Missouri mit der berühmt gewordenen Metapher vom »Eisernen Vorhang« zwischen Lübeck und Rijeka. Der Westen habe den ersten Kalten Krieg gewonnen, und Russland habe heute nicht das geringste Interesse, sein Gesellschaftsmodell zu exportieren. Aber ein historisches Gedächtnis hätten nicht nur die Sieger, sondern auch die Besiegten. Für Russland bedeute dies, es sei »unzulässig, den gewaltsamen Faktor – gemeint ist das russische Atomarsenal – auszuklammern; er müsse vielmehr ständig in Bereitschaft gehalten werden.« Lukjanow ist einem breiteren Publikum als Moderator von öffentlichen Auftritten des russischen Präsidenten Wladimir Putin und Gastgeber der »Waldai-Gespräche« bekannt – er ist also nicht irgendein Professor und Herausgeber einer Zeitschrift.

Auch Dmitri Trenin ist nicht irgendwer. Er hatte, bevor er 2008 die Leitung des Moskauer Büros der ­Carnegie-Stiftung übernahm, im russischen Generalstab gedient, zuletzt im Rang eines Obersten. Seine Texte für die Stiftung waren von dem Bestreben geleitet, dem Westen »Russland verständlich zu machen«: Sie waren ausgewogen und im Ton gemäßigt. Das hat sich mit seinem aktuellen Aufsatz nicht geändert, der Inhalt aber sehr wohl. Nun schreibt er, die heute lebenden Russen müssten sich auf ein Leben im Schatten der Sanktionen der USA einstellen, und die Hoffnungen auf die Trump-Administration bei nicht wenigen Akteuren in Moskau seien illusorisch gewesen: Die US-Politik sei und bleibe »doppelzüngig«. Es falle auf, dass Donald Trump dieselben Personen – Steve Witkoff und Jared Kushner – sowohl genutzt habe, um Scheinverhandlungen mit Iran zu führen, als auch die Ukraine-Gespräche mit Russland. Unausgesprochene Schlussfolgerung: Uns versuchen sie ebenfalls zu betrügen. Besonders alarmiert äußert sich Trenin über die »zur Gewohnheit gewordene Übung« der USA, zu Beginn eines Konflikts die gegnerische Führung physisch zu liquidieren. Auch auf wirtschaftliche Zusammenarbeit mit den USA solle Russland lieber nicht setzen. Sie sei zwar »nicht ausgeschlossen, aber unwahrscheinlich«. Trenin empfiehlt Russland, sich auf die Verbindungen zu seinen Partnern in den BRICS zu konzentrieren.

Doch es gibt auch noch die »russischen Globalisten«. Zu ihnen muss man vermutlich Nikolai Patruschew zählen, den früheren Sekretär des russischen Sicherheitsrates, der jetzt das diesem angegliederte »Marinekollegium« leitet. Er fordert seit Monaten ein verstärktes russisches Schiffbauprogramm, um den russischen Überseehandel notfalls auch militärisch schützen zu können. Eine Konfrontation russischer Kriegsschiffe mit westlichen, die etwa Tanker der »Schattenflotte« zu kapern suchen, wird heute als eines der wahrscheinlichsten Szenarien für den Ausbruch eines heißen Krieges zwischen Russland und dem Westen gehandelt. Gemeinsamer Tenor aller drei Texte: »Sagt nicht, Ihr seid nicht gewarnt worden.«

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