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Aus: Ausgabe vom 21.03.2026, Seite 6 / Ausland
Brief aus Jerusalem

Jerusalem–Jericho und zurück

Israelische Kriegsflugzeuge donnern über uns hinweg, Bombenalarme begleiten uns
Von Helga Baumgarten
Brief aus Jerusalem.jpg

Die dritte Kriegswoche hat begonnen: Israel greift den Iran und den Libanon ununterbrochen und erbarmungslos an. Der Iran antwortet mit Raketen und schickt damit halb Israel immer wieder in die Luftschutzkeller. Da wir wie alle Palästinenser keine Luftschutzkeller haben – nur wenige Palästinenser mit israelischer Staatsbürgerschaft haben diesen »Luxus« –, denken wir uns: Warum besuchen wir nicht unsere Freunde in Jericho? Also machen wir uns auf den Weg aus dem 800 Meter hoch gelegenen Ostjerusalem hinunter ins Jordantal. Jericho liegt etwa 260 Meter unter dem Meeresspiegel, es ist die am tiefsten liegende Stadt der Welt sowie eine der ältesten.

Wir fahren vorbei am Flüchtlingslager Schufat, lassen die Hebräische Universität hinter uns liegen mit der geplanten E1-Siedlung, an deren Infrastruktur intensiv gearbeitet wird. Relativ wenige Autos sind unterwegs. Als die »Herberge des barmherzigen Samariters« in Sicht kommt, denke ich sofort an die beißende Satire mit dem Titel »Get your kicks«, die Philipp Ammon 2025 über das biblische Gleichnis veröffentlicht hat, das dem Ort den Namen gab. Dieses zynische »Lustspiel« sollte unbedingt bald auf eine Bühne in Berlin kommen.

Die Berge der Halbwüste zwischen Jerusalem und dem Jordantal erstrahlen im Frühlingsgrün, nachdem es in den vergangenen Wochen gut geregnet hat. An der Abzweigung mit der Markierung des Meeresspiegels steht das uns allen bekannte Kamel und wartet auf Touristen, die weit und breit nicht zu sehen sind. Unten im Tal biegen wir links ab auf den »Gandhi-Highway«. Mit Gandhi hat der allerdings nichts zu tun. Vielmehr ist er nach dem extrem rechten ehemaligen Minister Rehavam Zeevi, Nickname Gandhi, benannt – dieser war das absolute Gegenteil zu allem, was Gandhi repräsentierte. Ein Attentat in Jerusalem 2001 beendete sein Leben.

Auf unserer rechten Seite sehen wir das griechisch-orthodoxe Kloster Deir Hadschla (St. Gerasimos), eines der ältesten Klöster im Jordantal. Freunde von uns schwärmen von dem guten Bier, das dort serviert wird. Das benachbarte Dorf Ain Hadschla wurde 1967 zerstört. Palästinensische Basisaktivisten haben die noch stehenden Ruinen im Februar 2014 besetzt und eine Wiederaufbauaktion gestartet. Sie wurden mit brutaler Gewalt von der Armee vertrieben, viele wurden zusammengeschlagen und verhaftet. Schließlich erreichen wir zwei Abzweigungen: Rechts geht es zur Allenby-Brücke, die nach Jordanien führt, links fährt man hinein nach Jericho, vorausgesetzt, die Armeesperre ist nicht besetzt, und die gelben Absperrbalken sind geöffnet.

Unsere Freunde freuen sich riesig, als wir bei ihnen ankommen. Mit Begeisterung führen sie uns durch ihren Garten: blühende Zitrusbäume, Dattelbäume mit den ersten kleinen Blütenständen, noch grüne Jericho-Bananen an den Bananenstauden und Papayabäume, deren Früchte bald geerntet werden können. Plötzlich heulen Alarmsirenen – vor immer möglichen Granatsplittern flüchten wir ins Haus. Denn es wird am gefährlichsten, wenn die israelische Armee versucht, iranische Raketen abzuschießen.

Vor unserem Aufbruch aus Jericho statten wir noch meinem Lieblingsgeschäft im Zentrum der Stadt einen Besuch ab: Scharabati, Gemischtwaren und Kaffee. Dort gibt es bis heute den – so meine bescheidene Meinung – besten arabischen Kaffee, Jemen-Mischung. Und bedient werden wir von zwei Originalen, beide schon gut um die 90 Jahre alt. Der eine ist verantwortlich für den Verkauf und für die Kasse, der andere mahlt den Kaffee. Wir decken uns ein für die kommenden Kriegswochen. Wer weiß, wie lange es noch Kaffee gibt. Wir hören, dass die Scharabatis von offizieller israelischer Seite informiert wurden, dass sie bald mit Einfuhrengpässen rechnen müssten.

Mit dem duftenden Kaffee im Auto geht es zurück nach Jerusalem, zum Glück ohne weitere Fliegeralarme. Die darauffolgende Nacht allerdings ist einiges los. Inzwischen schlafen aber viele Palästinenser in Ostjerusalem einfach durch. Das ist der Vorteil, wenn man keinen Luftschutzkeller hat und die Handyalarme abstellen kann.

Helga Baumgarten ist emeritierte Professorin für Politik der Universität Birzeit und schreibt wöchentlich ihre Kolumne »Brief aus Jerusalem«

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