Spurensuche in Syrien
Von Marc Bebenroth
Immer wieder »Wo ist Eva?« Aktivistinnen verteilen an diesem Mittwoch ein Flugblatt mit dieser Frage vor dem Eingang zum Haus der Bundespressekonferenz, mitten im Berliner Regierungsviertel. Die Entgegnung, die Bundesregierung durchaus dazu befragen zu wollen, löst bei ihnen offenbar Dankbarkeit aus. Sie wollen um jeden Preis wissen, wo Eva Michelmann ist, rufen sie zurück. Seit mehr als 50 Tagen fehlt von der deutschen Journalistin und ihrem Kollegen Ahmet Polat jede Spur. Die beiden berichteten zuletzt aus dem syrischen Rakka.
Als die Gewalt auf den dortigen Straßen offenbar eskalierte, berichtete Polat am 18. Januar ein letztes Mal per Video, wie eine Sprecherin der Solidaritätsplattform »People’s Bridge«, Avin Hummitzsch, in einem Gespräch mit dieser Zeitung berichtet hatte. Dann brach der Kontakt zu beiden ab. Hummitzsch zufolge berichteten Zeugen aus einer Gruppe, der Michelmann und Polat angehört haben sollen, dass die beiden von Kräften der angreifenden HTS-Miliz der Regierung in einem Fahrzeug abtransportiert worden seien. Danach habe sich die Spur der beiden verloren.
Die Familienangehörigen von Michelmann beauftragten mittlerweile den Anwalt Roland Meister mit der Auffindung. Meister habe nach seiner Beauftragung am 3. März das Auswärtige Amt informiert, wie es in einer in der Nacht zum Mittwoch veröffentlichten Mitteilung heißt. Demnach wurde auch das Internationale Rote Kreuz eingeschaltet. Der Anwalt habe damit begonnen, verschiedene direkte Kontakte in die Region aufzunehmen, »unter anderem zu Mazlum Abdi, Vertreter der autonomen Selbstverwaltung von Nord- und Ostsyrien«. Außerdem habe Meister die Linke-Bundestagsabgeordnete Cansu Özdemir kontaktiert, die sich ans Auswärtige Amt gewandt habe. Am Dienstag sei mit einer Vertreterin des Außenministeriums in Berlin telefoniert worden, teilte Meister weiter mit. Die Daten und ein Foto von Michelmann seien weitergegeben worden, um ihren Aufenthalt zu ermitteln. »Die deutsche Regierung wurde bisher nicht von der syrischen Übergangsregierung informiert«, heißt es weiter. Meister verwies auf »einen Journalisten aus Damaskus«, der berichtet habe, »dass der Name Eva Maria Michelmann vor Ort unbekannt sei«.
Auf die Frage von junge Welt, welche Schritte die vom Auswärtigen Amt informierten Auslandsvertretungen bislang unternommen haben, um den Aufenthaltsort von Michelmann und Polat zu klären, erklärte der Sprecher in der Bundespressekonferenz, dass die deutsche Botschaft in Beirut grundsätzlich für konsularische Unterstützung in Syrien zuständig sei. Der Vertretung in der libanesischen Hauptstadt sei »der Fall bekannt«. Die Botschaft in Damaskus sei dahingehend nur »sehr eingeschränkt handlungsfähig«. Auf der Website der Botschaft in Syrien heißt es, diese sei »für den allgemeinen Besucherverkehr geschlossen«. In »akuten Notfällen« könne deutschen Staatsangehörigen in Syrien »daher nur äußerst eingeschränkte konsularische Hilfe geleistet werden«. Schließlich wird auf die Vertretung in Beirut verwiesen.
Das Ministerium sei mit »dem Sachverhalt« der Auffindung der deutschen Journalistin »befasst« und »intensiv um Aufklärung bemüht«, sagte der Sprecher. Auf die Nachfrage eines Journalisten, ob die Bundesregierung dazu auch Kontakt zur syrischen Übergangsregierung von Machthaber Ahmed Al-Scharaa aufgenommen habe, wollte sich der Sprecher nicht äußern.
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